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KOLUMNE /

Aline Trede

25.01.2018 | 16:54

Unsere Kolumnistin Aline Trede war beim Sturm Friederike mittendrin statt nur dabei. Und 27 Stunden im Zug.

Aline Trede mit der vom Deutschen Roten Kreuz zur Verfügung gestellten 'Patientendecke'. (Foto: at)

Müde, nach zwei intensiven Tagen Berlin, stiegen wir am Donnerstag, 18. Januar um 10.18 Uhr in Berlin Ostbahnhof in den Zug. Wir freuten uns, nach einer gelungenen Swiss Fashion Night, die ich mit dem Label Pierrot&Pierrette in der Schweizer Botschaft erleben durfte, wieder nach Hause zurückkehren zu können.

Die Reise endete abrupt, nach wenigen Stunden in Göttingen am Bahnhof. «Die Weiterfahrt ist momentan nicht möglich.» Der Grund: Friederike. Was für ein Name! Friederike werde ich so schnell nicht vergessen, denn Friederike hiess der Sturm, der den ganzen (ja, den ganzen) Zugverkehr in Deutschland lahmlegte. Und ich mittendrin statt nur dabei.

Anfangs hatte ich noch die Hoffnung, dass, wenn der Wind abnimmt, die Züge wieder fahren würden. Ich rechnete mit einer grossen Verspätung, aber nicht mit einer Freinacht. Nach zwei Stunden Warten am Bahnhof im wackelnden Zug, haben wir uns mal bequemer angezogen und das Zugbistro gestürmt. Der Bistrochef hatte bereits umgestellt und versorgte uns alle gratis. Nur das Bier musste noch bezahlt werden. Ganz okay.

Für Snacks und Getränke war zum Glück gesorgt. (Foto: at)

Für Snacks und Getränke war zum Glück gesorgt. (Foto: at)

Im stehenden Zug sitzen

Und es ging uns eigentlich ausgesprochen gut. Wir hatten warm, waren sicher, es gab Toiletten und zu Essen. Zudem Strom und WLAN. Soweit so gut. Aber stundenlang in einem stehenden Zug sitzen, nein, das ist nicht so mein Ding. Aber: Die Stimmung im Zug, am Bahnhof, war toll. Das gefiel mir. Bei einer Stellwerkstörung nerven sich alle oder wenn es mal eine Stunde Verspätung gibt, äffen alle «sänk ju for tschuusing de deutsche Bahn» nach. Aber jetzt konnte niemand etwas dafür. Ausser Friederike, aber die hatte einen Auftrag von weiter oben.

Die Leute waren total ruhig. Denn es musste niemand nach einer Alternative suchen, weil es keine gab. Die Hotels in Göttingen waren voll. Taxis, Busse etc. fuhren nicht, zu gefährlich waren Fahrten bei diesen Windgeschwindigkeiten. So blieb uns nichts anderes übrig, als zu warten und sich mit der Situation anzufreunden. Jemand bestellte Pizza für ein halbes Zugabteil, andere holten Alkohol beim nächsten Kiosk am Bahnhof. Dann kam das Deutsche Rote Kreuz und fragte nach unserem Befinden. Sie kochten für alle in den Zügen Gulaschsuppe und brachten (Patienten-)Decken für die Nacht.

Um 22 Uhr entschieden wir uns, die Hoffnung aufzugeben, kuschelten uns in eine Einweg-Vliesdecke des Roten Kreuzes und zogen uns einen Tatort rein. Schlafen war für mich schwierig, zu unbequem, zu laut und zu ungewiss, weil ich ja nicht wusste, wann ich aus dem Zug gehen muss. Und irgendwann begannen in der Nacht die Güterzüge wieder zu fahren, da wars dann mit der Ruhe endgültig vorbei.

Wenn der Reisezug zum Aufenthaltszug wird. (Foto: at)

Wenn der Reisezug zum Aufenthaltszug wird. (Foto: at)

Zum ersten Mal stinksauer war ich um 5 Uhr in der Früh, als uns gesagt wurde, dass wir den Zug verlassen müssen und den ersten Zug um 5.55 Uhr Richtung Süden nehmen können. Der kam natürlich mit 40 Minuten Verspätung, es war eiskalt draussen und die Stimmung sackte auf den Nullpunkt. Aber auch da wurde für unser leibliches Wohl gesorgt. Wir bekamen ein Frühstücksbrötchen und Kaffee ohne Ende. Es war und blieb Jammern auf hohem Niveau. Trotzdem war das Glücksgefühl gross, als der Zug kam und wir uns wirklich Richtung Schweiz in Bewegung setzten. Die Reise verlief reibungslos, am Nachmittag waren wir zurück in Bern. Tja, wer kann schon von sich behaupten, 27 Stunden im Zug gewesen zu sein, davon 18 in einem stehenden? Danke, Friederike!