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Von ganz klein zu klein - QZxJB V

Quartierzeitungen x Journal B

Zahai Bürgi schrieb schon immer leidenschaftlich gerne – erst nur für sich und ihre Bekannten, jetzt immerhin für die ganze Altstadt. Quartierzeitungen wie die Brunnezytig sind für sie die Zukunft des Lokaljournalismus.

Zahai Bürgi mit der aktuellen Ausgabe der Brunnezytig. (Foto: Yannic Schmezer)

Zahai Bürgi hat zwei ganz persönliche Ressorts bei der Brunnezytig, der Quartierzeitung der Altstadt, für sich reklamiert: «Die Fasnacht und die Beflaggung der Altstadt, das sind meine Themen», sagt Bürgi lachend. Die Fasnacht, klar, das habe sie als Innerschweizerin in den Genen und seit sie einmal zufällig an einer Flaggensitzung teilnehmen konnte, beschäftige sie sich auch damit, wann und wie welche Flaggen in der Altstadt aufgehängt würden. «Das kommt darauf an, was gerade ansteht. Die Beflaggung variiert je nach Event».

Der erste Blog

Geboren ist Zahai Bürgi in Einsiedeln. 1967 kommt sie ehehalber nach Bern, wo sie ein Archäologiestudium beginnt. Bald arbeitet Bürgi, die sich selbst als «ewige Studentin» bezeichnet, im historischen Museum und als Assistentin an der Uni. Doch die Archäologie erfüllte Bürgi nicht: «Archäologie ist keine exakte Wissenschaft, schlussendlich ist man 85% der Zeit am Scherbenzählen», gibt sie zu bedenken. Dann wirf Bürgi alles über den Haufen, kündigt den Job an der Uni und beim Museum und arbeitet fortan in der Behindertenbetreuung. Es ist gleichzeitig der Beginn ihrer publizistischen Tätigkeit: «Der Job erlaubte es mir, mehr Zeit dem Schreiben zu widmen». Bürgi druckt monatlich ein Heft für Bekannte und Freunde, welches sie selber schreibt. Umfang: stolze 40 Seiten pro Ausgabe. Bürgi lacht: «Das war quasi eine frühe Form des Blogs».

Mitte der Neunziger erhält Bürgi aufgrund eines Erbfalls die Möglichkeit eine Wohnung in der Postgasse zu kaufen. Seither ist sie in der Altstadt heimisch. Mittlerweile gab Bürgi im Heim, in dem sie angestellt war, auch noch eine Elternzeitschrift heraus und schrieb selber mit. Heute ist Bürgi pensioniert. Ihre Lust am Schreiben hat die Zeit freilich überdauert. Deshalb zögert Bürgi auch nicht lange, als ein ehemaliger Präsident des Leists der Untern Stadt (LUS) sie 2012 fragt, ob sie nicht für die Brunnezytig schreiben wolle.

Take Five

Die Brunnezytig erscheint wie die meisten Quartierzeitungen quartalweise. Sie wird seit 33 Jahren herausgegeben, mittlerweile mit einer Auflage von 4'700 Exemplaren, die allen Altstadtbewohnern und –bewohnerinnen frei Haus geliefert wird. Herausgeber sind die vereinigten Altstadtleiste, so nennt sich der Zusammenschluss der insgesamt fünf Leiste in der Altstadt. Von der Notwendigkeit die kleine Altstadt in fünf Leiste aufzuteilen ist Bürgi nicht überzeugt. «Stattdessen sollte man lieber alle Leiste zusammenlegen», findet sie. Ein Ausfluss der Fünfteilung ist die Partitionierung der Brunnezytig-Redaktion: Dem Impressum der Zeitung ist zu entnehmen, dass jeder Leist eine eigene Redaktion hat. Bürgi selbst ist Redakteurin des Leists der Untern Stadt LUS.

In der Altstadt vernetzt

Ihren ersten Artikel habe sie über die Dachkatzen der Altstadt geschrieben, sagt Bürgi. «Weil sie mir immer überall hingeschissen haben», prustet sie. In ihren ersten Jahren in der Postgasse habe sie die Kontakte zu den Leuten aus dem Quartier wenig gepflegt. Als sie 2012 der Brunnezytig beitrat und damit auch dem Altstadtleist, das war die Bedingung, vernetzte sie sich zunehmend. «Jetzt wohne ich hier wie in einem Dorf, das mag ich», sagt sie. Ansonsten erblickt Bürgi in ihrem Engagement bei der Brunnezytig aber vor allem die logische Fortsetzung ihrer Liebe zum Schreiben: Erst das Magazin für ihre Bekannten, dann die Elternzeitschrift und jetzt die Brunnezytig. Mittlerweile schreibt Bürgi einen beachtlichen Teil der Zeitung: in der aktuellen Ausgabe sind es immerhin vier Artikel. Am liebsten schreibe sie historische Texte. Ihren Hang zum Vergangenen hat sie sich quasi als Relikt aus ihrer Zeit als Archäologin bewahrt.

Zukunft trotz knapper Finanzen

Obwohl die ganze Redaktion ehrenamtlich arbeitet, steht die Finanzierung traditionsgemäss auf wackligen Beinen: seit 2014 sind die Einnahmen durch Inserate um 9'000 Franken auf 21'000 Franken pro Jahr gesunken. Und auch die Spenden sind nicht so zahlreich, wie man es sich wünscht. Folglich suchen Leiste und Redaktion nach Sparmöglichkeiten. So stehe beispielsweise das Verteilmodell zur Debatte, das pro Ausgabe knapp 5'000 Franken schlucke. «Wenn wir in den nächsten paar Monaten nichts bekommen, sind wir in einem Jahr draussen», erklärt Bürgi. Die Brunnezytig gäbe es dann in ihrer jetzigen Form nicht mehr. Trotzdem ist Bürgi optimistisch, denn gerade die voranschreitende Uniformierung im Zeitungsmarkt schaffe für die Lokal-und Quartierzeitungen eine neue Chance. Bürgi ist deshalb überzeugt, dass die Zukunft den kleinen Zeitungen gehöre. 

 

Rezension Brunnezytig

Die Brunnezytig sei von allen Quartierzeitungen am meisten Zeitung, sagt Zahai Bürgi in unserem Gespräch. Zumindest was die Ästhetik anbelangt kann man ihr nur Recht geben: Denkt man sich die Heftklammern weg, hat man rein optisch eine Zeitung vor sich – inklusive Falz in der Mitte. Mit Editorial und politischem Leitartikel bietet die Brunnezytig ausserdem Widererkennungswert durch Struktur. Das Editorial auf der Front schreiben die verschiedenen Leistpräsidenten und -präsidentinnen alternierend, der Leitartikel ist in der aktuellen Ausgabe, der vierten im 33. Jahrgang, ein Interview mit Martin Bachofner, dem neuen CEO von «Bern Tourismus» oder «Bern Welcome», wie es jetzt heisst. Tourismus, ein Thema das die Altstadt prägt und folglich auch für die Brunnezytig nicht zu umschiffen ist. Die Meinung der Zeitung oder der Leiste drückt im Interview mit Bachofner indessen nicht durch – oder sie geht aufgrund der unterschiedlichen Interessenslagen der AltstadtbewohnerInnen in Neutralität auf: Für die Geschäfte der Altstadt ist der Tourismus lukrativ, für die übrigen BewohnerInnen wohl mehrheitlich lästig. Das ist aber freilich eine Vermutung. Wahrscheinlicher ist, dass die Neutralität im Interview der journalistischen Neutralität der Zeitung geschuldet ist. Weit subjektiver ist der zweite politische Artikel des Hefts zum geplanten Veloverleihsystem der Stadt. Die Meinung der vereinigten Altstadtleiste, unter deren Rubrik der Artikel steht, ist klar: 13 Stationen in der Altstadt sind zu viel, zumal die Veloparkplätze ja schon jetzt überfüllt seien. Zumindest hier ist die Dichotomie der Interessenslagen erkennbar: Zwar wird das Veloverleihsystem nicht grundsätzlich abgelehnt - eine allfällige Verkehrsberuhigung durch mehr Velos in der Altstadt käme schliesslich auch den BewohnerInnen zu Gute – gleichzeitig nimmt man die (zugegebenermassen grosszügige) Planung von 13 Stationen als Grundlage gewagter Spekulationen: Soll die Altstadt absichtlich mit Fahrrädern übersättigt werden, um später den motorisierten Verkehr zu vertreiben? Für den Warenumschlag der Geschäfte wäre dies schädlich. Der Rest des Hefts ist dann aber weniger politisch, vielmehr eine angenehme Mischung aus Kultur und Altstadtleben. Es ist keine einfache Aufgabe einem diversen Quartier wie der Altstadt auf nicht einmal 30 Seiten gerecht zu werden. Die Brunnezytig schafft es trotzdem. Die aktuelle Ausgabe finden Sie hier.