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Mit dem Quavier in die Pension - QZxJB III

Quartierzeitungen x Journal B

Rita Jost ist erst seit diesem Jahr beim Quavier dabei. Trotzdem hat die gestandene Journalistin schon eine klare Vorstellung von der Zeitung des Stadtteil IV.

Rita Jost im Kirchenfeldquartier im Stadtteil IV. (Foto: ys)

Die Tür zum Café «Lesbar» in der Münstergasse schwingt langsam auf und eine freundliche, grauhaarige Dame tritt gemächlichen Schrittes ein. Es ist Rita Jost, Redaktionsmitglied des Quavier, der Quartierzeitung des Stadtteil IV. Ohne zu wissen wo sie hinmuss, steuert sie den richtigen Tisch an, nimmt den schweren Mantel ab und setzt sich hin. Dass sie eigentlich die Falsche für dieses Interview sei, sagt sie und dass man eigentlich mit jemandem sprechen müsste, der schon länger dabei sei. Der Grund: Rita Jost stiess erst ein Jahr nach ihrer Pensionierung zum Quavier - das war 2016. Zwar habe sie schon vorher hie und da etwas fürs Heft geschrieben, fix dabei sein wollte sie aber erst, als sie keine beruflichen Verpflichtungen mehr hatte.

Ein Leben als Journalistin

Doch auch wenn die Mitgliedschaft in der Redaktion für Jost neu ist - das Quartier ist es nicht: Seit eh und je wohnt die gebürtige Stadtbernerin im Stadtteil 4, erst an der Biziusstrasse und seit 20 Jahren im Baumgarten. «Zu jedem Thema aus dem Quartier kommen mir vier Leute in den Sinn, die ich dazu befragen könnte», sagt Jost verschmitzt und lacht. Der Journalismus begleitet Jost schon ein Leben lang. Nach der Matura machte sie ein Volontariat bei den Emmentaler Nachrichten. «Ich bin aus der Stadt, aber damals suchten sie im Emmental halt eine Volontärin und solche Stellen waren rar», bemerkt Jost. Danach wechselte sie zum Regionaljournal des Radio DRS, wo sie den Grossteil ihres Berufslebens verbrachte, bevor sie 2005 mit dem Eintritt in die dreiköpfige Miniredaktion des «Reformiert» wieder zu ihrem Ursprung, dem Printjournalismus, zurückfand. Dort blieb sie bis zu ihrer Pensionierung und ihrem Beitritt zum Quavier.

Journalismus im Kleinen

Das Quavier wird knapp zur Hälft durch die Stadt finanziert, die andere Hälfte tragen Einnahmen durch Inserate und freiwillige Abos. Wer im Stadtteil IV, also in den Quartieren Kirchenfeld, Brunnadern, Murifeld, Schosshalde oder Burgfeld/Galgenfeld wohnhaft ist, bekommt die Zeitung gratis. Damit bringt es das Quavier auf eine stattliche Auflage von immerhin 15'500 Exemplaren. Trotzdem vollzog sich für Jost mit dem Übertritt zum Quavier auch der Wechsel vom Makro- zum Mikrojournalismus, das merke sie besonders bei der Recherche: «Wenn ich früher bei jemandem anrief und sagte, ich sei vom Radio DRS, dann trafen wir uns noch am selben Tag». Wenn sie hingegen fürs Quavier anrufe, dann bräuchten PolitikerInnen oder WisschenschaftlerInnen schon mal eine Vorlaufzeit von zwei Monaten. Trotzdem mag Jost die Arbeit fürs Quvier. Einfach weil sie gerne schreibe und es ihr Spass mache, auf der kleinsten Ebene journalistisch tätig zu sein.

Jost ist der Meinung, dass Quartierzeitungen durchaus Relevanz haben könnten. Kürzlich habe sie zum Beispiel den Anzeiger für das Nordquartier gelesen. «Dort fand ich Infos, die noch nicht einmal in der Presse zu lesen waren», erzählt Jost begeistert. Sie sei hingegen eine strikte Gegnerin von Schreibtischartikeln. Stattdessen müsse man mit verschiedenen Menschen aus den Quartieren reden und sie direkt einbeziehen. Beim Quavier sieht Jost diesbezüglich noch Potential: Die Infos auf den ersten Seiten finde sie zu trocken, die Nachrichten seien zu sehr im Stil von Verlautbarungen. Dabei bestünde die Aufgabe des Journalismus doch genau in der Gewichtung und Aufbereitung von Informationen.

Jugendliche einbeziehen

Quartierzeitungen haben gegenüber anderen städtischen Medien einen Bonus: Durch die thematische Bindung und ihre Milizredaktionen, die sich aus Personen zusammensetzen, die oft tief im Quartier verwurzelt sind und über Jahrzehnte ein breites Netzwerk aufgebaut haben, sind sie automatisch näher am Puls und schaffen so eine ausserordentliche Nähe zur LeserInnenschaft. «Wenn man einen starken Bezug zur Sache hat, dann entschuldigt man auch Mal einen nicht so guten Beitrag eines Schulkindes, weil er halt einfach härzig ist und man das Kind vielleicht kennt», sagt Jost und spielt damit auf die Schulseite im Quavier an, die sich immer aus Beiträgen von SchülerInnen speist. Und so, glaubt Jost, sei das Heft auch beliebt und werde gelesen. Das sei zumindest aus den regelmässigen Rückmeldungen zu schliessen, die sie erhalte. «Im Quartier kennt man uns», ist sie überzeugt.

Jost betont den Einbezug von Jugendlichen: Es sei wichtig die Jungen zu erreichen und ihnen das Heft schmackhaft zu machen, schliesslich seien sie die LeserInnenschaft von morgen und somit mittelfristig auch das Zielpublikum der Zeitung. Jost plädiert deshalb für die Erweiterung der bereits bestehenden Schulseite. Ausserdem wünscht sie sich, dass die Zeitung jeweils in grösseren Quartierläden zum Mitnehmen aufliegen würde. Als sie für die letzte Ausgabe einen Artikel über die Eiswerkstatt am Bärengraben schrieb, habe sie einige Exemplare mitgebracht. «Und sie haben es ausgelegt», sagt Jost. Kaum Luft nach oben besteht beim Quavier, entgegen jedem Trend in der Schweizer Medienlandschaft, hingegen bei den Einnahmen durch Inserate. Jost lacht: «Aufgrund der vielen Inserate haben wir manchmal schon fast zu wenig Platz für redaktionelle Inhalte».

Rezension Quavier Nr. 89

Billiges Papier ist es nicht, dass man da spürt, wenn man die Zeitung dreht und wendet. Sicher kein Hochglanz- , aber eben auch kein dünnes Zeitungspapier. Stattdessen ist es gerade so glatt, dass man, sofern das Licht im richtigen Winkel aufs Papier fällt, das eigene Gesicht schemenhaft auf dem schnörkellosen Titelblatt zu erkennen glaubt. Das Heft ist ganz schlicht in einer Farbe gehalten, jeweils alternierend Grün, Rot, Orange oder Blau, je nach Jahreszeit. Die Winterausgabe, wie auch die vorliegende Nummer 89 eine ist, ist in helles Blau getaucht. Zusammen mit dem Titelbild, das den Egelsee zeigt, als er das letzte Mal gefroren war, strahlt es eine dumpfe Kälte aus. Entsprechend auch das Oberthema der Ausgabe: Eiskalt.
Die ersten Seiten gehören dem Quartierverein Quav4. Im Stil von Kurzmeldungen sind Infos aus den Quartieren aufgelistet, manchmal ganz nüchtern und knapp, manchmal aber auch etwas ausführlicher. Die Berichterstattung geht bis an die geographischen Grenzen des Quartiers: Im Fokus stehen mögliche Zwischennutzungspläne für das PTT-Hochhaus am Tor zu Ostermundigen. Die neue EigentümerInnenschaft wolle die drei Jahre bis zur voraussichtlichen Bewilligung des bereits eingereichten Baugesuches Kunstschaffende im Betonkoloss experimentieren lassen.
Hinten in der Zeitung bearbeiten mehrere Artikel das Titelthema der Ausgabe. Pfarrerin Barbara Preisig wundert sich über ihrer reflexartiges Abwimmeln einer Bettlerin an der Busstation und sucht dafür eine nachhaltige Erklärung. Es habe auch etwas Kaltes, jemandem auf der Strasse einfach Geld zu geben, schreibt Preisig, denn schlussendlich beruhige man damit primär das eigene Gewissen. Die Gründe für die Not dieser Personen seien aber einmal mehr nicht genannt. Anders als einige VerfechterInnen der «Verelendungstheorie» kommt sie aber nicht zum Schluss, dass die Beseitigung des Übels in der Unterlassung von Spenden liege, weil nur so die gesellschaftliche Ungleichheit in einer Revolution aufgehen könne. Stattdessen erblickt sie in der Szene an der Bussstation dann doch eine verpasste Chance.
Auffallend: Die Behandlung des Titelthemas erfolgt mitnichten aus einer reinen Quartierperspektive. Stattdessen subsumiert Johannes Künzler Phänomene der digitalisierten Welt unter Michael Endes Klassiker «Momo». Mark Zuckerberg sei ein moderner «grauer Herr» und Social Media nur ein zeitgemässer Name für «Zeitsparkasse». Nur zwei Seiten weiter folgt eine «eiskalte» Abrechnung mit der Schweiz, die kein Thema unangeschnitten lässt: weder AHV noch Sozialhilfe, weder Billag noch Krankenkassen, weder Tabakindustrie noch Steuerbetrug - und das alles auf einer ¾ Seite. Solche Texte bieten eine Perspektive die gut gefallen kann. Schlussendlich fehlt aber eine umfassende und ernsthafte Auseinandersetzung mit den Inhalten, was beim letzten Text schon alleine durch das mannigfaltige Themenbukett bedingt ist. Die fehlende Qurtiernähe wird aber mitunter durch die Umhüllung von greifbaren, quartierrelevanten Artikeln kompensiert. So lässt sich die Ausgabe 89. trotzdem gut verkaufen bzw. gratis in die Briefkästen des Stadtteils IV liefern.