Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Warmbächli: Gutes Zusammenleben so wichtig wie Architektur

Aus den Quartieren

Lange hat man wenig gehört über den Stand der geplanten Siedlung im Warmbächli. Nun nimmt die Sache Fahrt auf. Die Überbauungsordnung ist beim Kanton in der Vorprüfung. Für Januar 2018 ist die Präsentation des überarbeiteten Projekts und die öffentliche Planauflage vorgesehen.

Warmbächli: Modell BHSF Architekten (Foto: zvg)

Das Büro der Ateliergenossenschaft «Werkgruppe agw» befindet sich seit 25 Jahren an der Weyermannstrasse 28 im Industriegebiet zwischen Bremgartenfriedhof, dem Gleisfeld des Güterbahnhofs und der Güterstrasse. Die 1983 gegründete Werkgruppe ist eine Ateliergenossenschaft von selbstständig arbeitenden Baufachleuten. Seit rund 20 Jahren beschäftigt sich die Ateliergenossenschaft schwerpunktmässig mit innovativen Wohnbauprojekten.

Koordination der Planung

Hier, in den sonnendurchfluteten Arbeitsräumen der Werkgruppe treffe ich den Architekten Martin Zulauf. Zulauf ist Präsident der im Februar dieses Jahres gegründeten Infrastrukturgenossenschaft Oberholligen (ISGO) und koordiniert in dieser Funktion die Planung eines der wichtigsten Bauprojekte im Stadtteil 3, nämlich der Wohnüberbauung auf dem Areal der ehemaligen Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) Bern am Warmbächliweg, nur einen Katzensprung von Zulaufs Arbeitsort entfernt. Die ISGO, in der sämtliche sechs Wohnbauträger dieses Projekts vertreten sind, betreibt auch verschiedene Arbeitsgruppen, die sich z.B. um Energiefragen, den Aussenraum, Gemeinschaftsräume oder die Aussenkommunikation kümmern. Zulauf koordiniert die Unterlagen der beteiligten Parteien und verhandelt mit der Stadt. Oder er fädelt die Zusammenarbeit mit einer anderen Grossbaustelle ein. Denn bevor gebaut werden kann, muss das Gelände in den tiefen Lagen entlang des Warmbächliwegs aufgeschüttet werden. Die ISGO wird dazu Aushubmaterial benützen, das derzeit beim Bau des Inselspitals ausgebaggert wird.

Mitbestimmung und Siedlungsleben

In den letzten 20 Jahren hat Martin Zulauf immer wieder Projekte von Wohnbaugenossenschaften begleitet, sei es als Architekt oder als Bauherrenvertreter. «Ich bin meist beim Kontakt mit den Erstmietern dabei», betont er. Denn ihn interessiere die Organisation der Wohngemeinschaften ebenso sehr wie die Architektur: Wenn die Mieterinnen und Mieter beim Betrieb und Unterhalt einer Siedlung mitarbeiten, kann ein erklecklicher Teil der Nebenkosten eingespart werden. Und die Zusammenarbeit, beispielsweise bei der Pflege der Umgebungsbepflanzung, regt das Siedlungsleben an und führt zu konstruktiven Nachbarschaften. Besondere Freude mache ihm das sogenannte «Betreiber-Modell», wie es beispielsweise in der Siedlung Burgunder in Bümpliz gelebt werde, die er ebenfalls betreut hat. Die zukünftigen Mieter der Warmbächli-Überbauung werden mitbestimmen können, insbesondere über den Aussenraum. Das sei auch in der Überbauungsordnung so festgelegt.

Martin Zulauf (Foto: Christoph Berger)

Martin Zulauf (Foto: Christoph Berger)

Vielfalt der Wohnbauträger

Es sei nie ein Ziel gewesen, auf dem Warmbächliareal eine völlig einheitlich aussehende Siedlung zu bauen. Vielmehr sei die Differenzierung und Vielfalt gewollt. Jeder der sechs Wohnbauträger habe seine spezielle Philosophie und diese Denkarten sollen die einzelnen Bauten prägen, im Ensemble sich aber auch gegenseitig befruchten können. Der Anteil an Familienwohnungen werde allgemein eher hoch sein. Geheizt werde die gesamte Siedlung mit Fernwärme aus der nahegelegenen ewb-Energiezentrale. Als besonderen Vorteil des Warmbächli-Geländes empfindet Zulauf die Hanglage. Sie bewirkt, dass die Bewohnerinnen und Bewohner dereinst von vielen Wohnungen aus grossartige Ausblicke auf den grünen Steigerhubel und weit über den Bremgartenwald erhalten.

Eigentlich könnte sich Martin Zulauf mit seinen 66 Jahren zur Ruhe setzen. Aber er denkt nicht dran. «Vielleicht nehme ich heute alles etwas gelassener,» sagt er, «doch gegenwärtig arbeite ich eher mehr als 100 %. Die Arbeit befriedigt mich ja schliesslich auch.»

Quelle: Quartiermagazin Stadtteil 3/Dezember 2017

Chronologie Warmbächli

2013 nahm die neue Energiezentrale von Energie Wasser Bern (ewb) im Bremgartenwald ihren Betrieb auf. Die alte Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) in Holligen war obsolet geworden. Auf dem Areal plante die Stadt Bern an zentrumsnaher und gut erschlossener Lage neuen Wohnraum. Die nötigen planungsrechtlichen Grundlagen wurden mit der Volksabstimmung über den Zonenplan Warmbächliweg-Güterstrasse am 17. Juni 2012 geschaffen. Am 23. September 2012 genehmigte das Berner Stimmvolk den Erwerb der damals ewb gehörenden Parzelle durch die Stadt. Vorgabe war, dass die Hälfte der zur Verfügung stehenden Bruttowohngeschossfläche an gemeinnützige Wohnbauträgerinnen und Wohnbauträger abgegeben würde, und die neue Überbauung mit den Vorgaben für die 2000-Watt-Gesellschaft kompatibel sein werde.

STRAWBERRY FIELDS gewinnt den Ideenwettbewerb

Im Dezember desselben Jahres wurde der Sieger des städtebaulichen Ideenwettbewerbs erkoren: Als bestes Gesamtkonzept wählte die Jury das Projekt STRAWBERRY FIELDS der Züricher Arbeitsgemeinschaft BHSF Architekten GmbH und Christian Salewski. Zentrum des neuen KVA-Quartiers ist ein Hof, der vom Stadtbach durchflossen wird. Daran angrenzend werden sechs Baufelder in zwei Zeilen angeordnet. Die Baufelder mit verschiedenen Niveaus werden durch Rampen und Treppen miteinander verbunden. Bestehende Sockelgebäude und Stützmauern im höher gelegenen Teil des Geländes werden umgenutzt und weiterverwendet, so auch das heutige Gewerbehaus an der Güterstrasse 8. Die unteren Geschosse der künftigen Gebäude sollen als Ateliers, Ausstellungs- und Werkstatträume dienen, oben soll künftig gewohnt werden.

100 % gemeinnütziger Wohnungsbau

Ab 2013 zog sich die Weiterentwicklung des Projekts – zumindest nahmen das Aussenstehende so wahr – in die Länge. Das Geschäft blieb bei der Stadtverwaltung liegen. Man konnte sich des Eindrucks nicht erwehren, dass dem damaligen für Finanzen und Immobilien zuständigen Gemeinderat die Auflage, mindestens 50 % genossenschaftlichen Wohnungsbau zu realisieren, ein Dorn im Auge war und er deshalb keine besondere Eile an den Tag legte. Insbesondere die Suche nach den Wohnbauträgern wurde wohl deshalb erst relativ spät eingeleitet. Letztendlich bewarben sich aber diverse Wohnbaugenossenschaften, und so entschied der Gemeinderat im Sommer 2016, sämtliche sechs zur Verfügung stehenden Baufelder im Baurecht an gemeinnützige Wohnbauträger abzugeben.

Es sind dies:
• die Eisenbahner Baugenossenschaft Bern (Baufeld O1, Hochhaus an der Bahnstrasse),
• die Wohnbaugenossenschaft Warmbächli (Baufeld O2, das bestehende Gewerbehaus Güterstrasse 8),
• die Fambau Genossenschaft (Baufeld O3),
• die Baugenossenschaft Aare Bern (Baufeld U1),
• die npg AG für nachhaltiges Bauen (Baufeld U2),
• die Baugenossenschaft Brünnen Eichholz (Baufeld U3).

Demnächst Präsentation und öffentliche Planauflage

Noch sind nicht alle Probleme gelöst. So führt beispielsweise der Stadtbach, der ja durch den zentralen Hof fliessen soll, sehr unterschiedliche Wassermengen. Bei Hochwasser muss also das überschüssige Wasser abgeleitet werden können. Und wenn der Bach praktisch gar kein Wasser führt, sollten die Biotope trotzdem nicht austrocknen. Zur Lösung werden noch diverse Optionen geprüft. Gegenwärtig ist die Überbauungsordnung beim Kanton in der Vorprüfung. Für Januar 2018 ist die Präsentation des überarbeiteten Projekts und die öffentliche Planauflage vorgesehen.