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Als Profis im Sozialraum lernend unterwegs sein

Die Jubiläumstagung 50 Jahre Vereinigung Berner Gemeinwesenarbeit (VBG) war spannend: Weder wurde die Vergangenheit verklärt, noch gab es für die Zukunft billige Rezepte. Klar wurde: Professionelle Arbeit in den Quartieren nützt der Stadt.

Das vormittägliche Podium: Tania Espinoza Haller, Jacob Schädelin, Scarlett Niklaus, Hans Stucki, Sabine Schärrer und die Tagungsmoderatorin Barbara Widmer (von links nach rechts; Foto: Reto Bärtsch).

Als die Vereinigung Berner Gemeinwesenarbeit (VBG) vor fünfzig Jahren gegründet worden ist, hat sie BVG geheissen: Bernische Vereinigung für Gemeinschaftszentren und Freizeitanlagen. Später hiess sie eine Zeitlang Vereinigung für Beratung, Integration und Gemeinwesenarbeit. Die Gesellschaft, und mit ihr die Organisation, haben sich stark verändert. Als man, erzählt Leo Grunder, der heutige Geschäftsführer, zum ersten Mal darüber diskutiert habe, was am bevorstehenden Jubiläum passieren könnte, habe die Idee gezündet: «Wir schenken uns zum Geburtstag eine Fachtagung, um eine differenzierte, kritische Rückschau zu halten und einen Blick in die Zukunft zu tun.» Diese Tagung hat nun am 26. Oktober im Kornhausforum stattgefunden.

Die Erfolgsfaktoren der VBG

VBG-Präsident Bruno Müller eröffnet mit einem wohltuend offenen, selbstkritischen Einführungsreferat, in dem er die fünfzigjährige Geschichte der VBG von der «Einrichtung für sinnvolle Freizeitgestaltung zu einem Teil der gesellschaftlichen Reparaturequipe» als Weg durch Höhen und Tiefen schildert.

Mit einer Podiumsdiskussion wird der Rückblick vertieft. Dabei geht es auch um die Erfolgsfaktoren für das bisher Erreichte. Sabine Schärer, früher selber im VBG-Vorstand tätig, heute in der Geschäftsleitung der Quartiervertretung QUAV4, betont als solchen Faktor einerseits das Engagement der Freiwilligen, «der Bürgerinnen und Bürger, die sich am Ort, an dem sie leben, einsetzen, um ihm ein Gesicht zu geben». Andererseits, und dafür habe auch sie gekämpft, seien möglichst klare interne Strukturen ein solcher Faktor, der erst zur nötigen Planungssicherheit führe, um mit den Trägervereinen in der Stadt «auf Augenhöhe», aber verbindlich verhandeln zu können.

Hans Stucki, unter anderem ehemaliger Geschäftsführer der Stiftung B für soziokulturelle Projekte im Berner Stadtteil VI Bümpliz-Bethlehem, bezeichnet die VBG als «urbanes Solidarprojekt in dieser rotgrünen Stadt». Das öffentliche Geld, das man hier investiere, sei gut investiert. Er bedauert, dass sich die VBG-Tätigkeit bis heute auf die politische Gemeinde Berns beschränkt und dass «die Region kein Thema ist»: «Das Solidarprojekt müsste sich Richtung Biel, Thun und Burgdorf weiterentwickeln.»

Scarlett Niklaus, Bereichsleiterin Kinder-, Jugendförderung und Gemeinwesenarbeit bei der Stadt betont, wie viel Pionierarbeit die VBG bis heute immer wieder verrichte und bedauert: «Die VBG spricht zu selten über das, was sie macht.» Da gebe es – auch als Erfolgsfaktor – noch ein grosses Potential. An Tagungen in Zürich oder Luzern treffe sie zwar ab und zu auf Fachleute aus der stadtbernischen Verwaltung, etwa aus dem Stadtplanungamt, aber kaum auf solche, «die aus der Sicht der Quartierarbeit berichten» könnten.

Der ehemalige Pfarrer Jacob Schädelin war im Westen Berns stark engagiert in der Jugendarbeit und nennt jetzt als ersten Erfolgsfaktor: Die VBG pflege und propagiere die Einsicht, dass es Solidarprojekte brauche – in der Stadt und darüber hinaus im ganzen Land. Wenn man diese Arbeit als politische betrachte, müsse man auch klar sagen, wogegen sie sich richte: «Die Arbeit der VBG richtet sich gegen rechts, gegen die Neoliberalisierung unserer Beziehungen; dagegen, dass unsere Beziehungen Warencharakter annehmen.» Ein Geheimnis des Erfolgs der VBG sei eben die Tatsache, dass das gemeinschaftlich solidarische Leben «ein unabwendbares Bedürfnis der Menschen» sei.

Zum Schluss erhält Tania Espinoza Haller als Vorstandsmitglied der VBG das Wort. Es sei gut, dass die rotgrüne Stadt offen sei für die Arbeit der VBG, aber es sei auch wichtig, sie nicht nur im Links-rechts-Schema zu betrachten, sondern immer wieder von der Frage auszugehen: «Was brauchen die Leute hier?» Erfolgsfaktoren seien die gute Vernetzung innerhalb der Stadt und die kontinuierliche Diskussion, auch im Parlament, was Sinn und Zweck der Gemeinwesenarbeit sei. «So ist es zum nicht selbstverständlichen Leistungsvertrag mit der VBG gekommen.» Im Übrigen arbeite die VBG daran, dass die Vernetzung auch in die Regionen getragen werden könne: «Aber das ist ein politischer Prozess, den wir nicht allein weiterbringen können.»

Vor allem anderen: Lernend unterwegs sein

Noch vor der Mittagspause wartet der Basler Soziologe Ueli Mäder mit einem fulminanten Tour d’horizon auf, worum es heute – nach dem «Paradigmenwechsel vom politischen zum finanzgetriebenen Liberalismus» – in der Gemeinwesenarbeit gehe: Es geht um Planung mit Leerzeiten für Kreativität; es geht darum, in «operativen Phasen» «mit einer gewissen Beharrlichkeit » zu handeln und nicht alles zu zerreden; es geht um die permanente Evaluation der Projekte und «gegen den Unsinn», erst am Schluss zu evaluieren. Es geht darum, dass es Haltung und Stimmigkeit braucht bei allem, was man tut. Es geht um ein Graffiti, das Mäder in Bern gelesen hat und jetzt zitiert: «Wir scheitern nicht an den Niederlagen, die wir erleiden, sondern an den Auseinandersetzungen, die wir nicht wagen.»

Und schliesslich gehe es gerade in der Gemeinwesenarbeit immer wieder darum, «dass wir lernend unterwegs sind», um den «epistemologischen Bruch», um den Erkenntnisbruch, darum, in den Alltagserfahrungen die «Wahrnehmungsverzerrungen» zu erkennen und so einen neuen Blick zu gewinnen. Darum sei es so wichtig, sich als Profi nicht auf einen Sockel stellen zu wollen: «Wenn wir das wollen, können wir’s gleich vergessen – dann ist auch die bestangedachte Gemeinwesenarbeit von sehr beschränkter Reichweite.»

Spannend bis zur letzten Minute

Der Nachmittag ist fachspezifischen Aspekten der Gemeinwesenarbeit gewidmet. In einem ersten Block spricht Jeanette Beck, Architektin im Stadtplanungsamt, zum Stadtentwicklungskonzept 2016 und zu partizipativen Prozessen. Und Barbara Emmenegger, Professorin an der Hochschule Luzern für Soziale Arbeit, stellt eine Studie über Formen und Aspekte der Nachbarschaft vor. Zusammen mit dem Quartierarbeiter Jörg Rothhaupt diskutieren die beiden Referentinnen anschliessend die Rolle der Quartierarbeit vor dem Hintergrund von Partizipation und Nachbarschaft.

Im zweiten Block stellt zuerst Manfred Leibundgut als Präsident des Vereins Alte Feuerwehr Viktoria ein Zwischennutzungsprojekt von Engagierten und Motivierten in einem wohlwollenden Umfeld vor. Danach spricht der Soziologe Markus Freitag aus der Vogelperspektive des Forschers über Merkmale und Motive von Freiwilligen in der Schweiz. Freiwilliges Engagement sei, definiert er, «Aktivität, bei der Zeit, Energie oder Geld aufgewendet werden, um Einzelne, Gruppen, Organisationen und Behörden zu unterstützen». Zur Diskussion um Chancen und Grenzen des Freiwilligen-Engagement gesellt sich zu den beiden Referenten danach Jan Zychlinski, Vizepräsident der VBG.

In der Diskussion wird es, Minuten vor dem Tagungsende, plötzlich noch einmal hochinteressant. Aus dem Publikum stellt Leo Grunder fest, dass jene Freiwilligenarbeit, die in der VBG-Praxis immer wichtiger werde, in Freitags Definition des Begriffs gar nicht vorkomme. Heute gehe es oft nicht um Freiwilligenarbeit als Hilfe für andere, sondern um solche «aus der eigenen Not» heraus. Beispiel: Man organisiere ein tragendes Netzwerk zur Betreuung auch der eigenen Kinder: «Da steht am Anfang nicht, anderen helfen zu wollen, sondern sich selbst.» Freitag antwortet: «Bei diesem Beispiel fragt sich, ob Haus- und Familienarbeit respektive Selbsthilfe auch Freiwilligenarbeit sei. In unserer Konzeption ist sie das nicht.»

Und plötzlich steht der Begriff des «Paternalismus» wieder im Raum, der während der Tagung mehrmals als Warnung und als Kritik gefallen ist. Profis im sozialen Raum müssen aufpassen, «es» nicht besser zu wissen. Nicht gegenüber den schwer Erreichbaren und sozial Schlechtgestellten, für die sie sich vor allem zuständig fühlen, und die sie «sozial normalisieren» müssen, wenn sie als erfolgreich gelten wollen. Und eben auch nicht gegenüber den Freiwilligen, obschon die Profis sie dann am besten brauchen können, wenn sie Handlangerarbeiten übernehmen. Kurzum: Machen Freiwillige, denen man fragend und auf gleicher Augenhöhe begegnet, noch «Freiwilligenarbeit»?

Die VBG-Tagung wirkt nach – nicht weil sie wohlfeile Antworten gegeben, sondern, weil sie spannende Fragen aufgeworfen hat.