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Egelsee: Nicht einfach Fischer vs. Gastronomen

Aus den Quartieren

Nach viel Kritik wehrt sich nun der «Verein am See», der aktuell die Zwischennutzung am Egelsee umsetzt. Die bisherige Bilanz sei positiv, auf dem Gelände des alten Entsorgungshofes laufe alles ruhig und friedlich.

  • Micha Flach, Vanessa Käser und Elisabeth Zahnd auf der Zwischennutzung Egelsee (Foto: Luca Hubschmied).
  • Nur bei schlechtem Wetter etwas unbelebt: die Aussenbestuhlung (Foto: Luca Hubschmied).
  • Die «Bar au Lac» in der ehemaligen Werkstatt des Entsorgungshofs (Foto: Luca Hubschmied).

Der beschauliche Egelsee im Osten Berns ist spätestens seit Herbst 2015 Schauplatz einer Diskussion zwischen Anwohnenden, Stadtvertretung, Gastronomen, diversen Vereinen und Interessengruppen. Zuvor befand sich dort, an der Muristrasse 21 E, direkt am Egelsee gelegen, der städtische Entsorgungshof, und am Wochenende staute sich die Schlange der mit Sperrgut beladenen Fahrzeuge bis auf die Strasse.

Im Herbst 2015 wurde dieser Entsorgungshof an den neuen Standort Schermen verlegt, und dem Schosshalde-Ostring-Murifeld-Quartier bot sich eine Gelegenheit, auf dem städtischen Grundstück und in dem städtischen Gebäude eine neue Nutzung zu realisieren. Und dies notabene in einer Region Berns, in der öffentliche Treffpunkte oder Lokalitäten definitiv rar gesät sind, wozu auch die nahende Schliessung des «Punto» im Burgernziel seinen Teil beitragen wird. 



Belebte Idylle

Wer nun dieser Tage am südlichen Ende des Egelsees vorbeifährt, sieht keinen Entsorgungshof mehr, auch der damit verbundene Geruch und der Lärm sind verschwunden. Stattdessen stehen Bänke und Stühle neben Pflanzen und Blumen auf der Aussenfläche. Im Eckraum des Gebäudes, der ehemaligen Werkstatt, befindet sich die «Bar au Lac», ein Ableger der Caffè Bar Sattler, serviert werden Getränke und Snacks. Bei schönem Wetter ist der Ort ein beliebter Treffpunkt.

Die belebte Idylle scheint aber zu trügen, denkt sich, wer sich in den Berner Tageszeitungen über die neue Nutzung am Egelsee informiert hat. Die Rede ist von Einsprachen, Beschwerden und viel Unzufriedenheit. Zum besseren Verständnis dürfte eine Chronik der Ereignisse beitragen:


Ende 2015 organisierte Stadtgrün Bern unter Leitung von Christoph Schärer einen Workshop zur Zwischennutzung des ehemaligen Entsorgungshofes. Wieso Zwischennutzung? Momentan dienen einige Räumlichkeiten des Gebäudes 21 E noch als Provisorium für den Strassenunterhalt des Stadtteils 5. Erst nach deren Auszug in geschätzten vier Jahren kann die definitive Nachnutzung des Gebäudes erfolgen, bis dann läuft das Konzept unter dem Namen Zwischennutzung.

Aus diesem Workshop geht eine Arbeitsgruppe hervor, die sich später zum «Verein am See» umbenennt. Nach einer öffentlichen Ausschreibung durch Stadtgrün Bern wählt dieser die Caffè Bar Sattler vor zwei anderen Interessenten zur Betreiberin eines Cafébetriebs am Egelsee. 



Gewässerschutz und Konsumzwang

Diese Betreiberin reicht daraufhin ein erstes Baugesuch ein, immerhin sind Schiffscontainer und eine grosse Terrasse im Aussenbereich geplant. Dieses Gesuch wird von Regierungsstatthalter Christoph Lerch als nicht bewilligungsfähig beurteilt, unter anderem befänden sich die geplanten Einrichtungen zu nahe an der Gewässerschutzzone des Egelsees.

Gegen das darauffolgende zweite Baugesuch gehen zehn Einsprachen ein, unter anderem von Yvonne Prieur vom Angelfischerverein Bern (AFV). Die Einsprechenden befürchten Lärm, Abfall und Gefährdung des Gewässerschutzes. Ausserdem wird befürchtet, dass der Ort zu einem Raum des Konsumzwangs verkommt. Yvonne Prieur schreibt: «In den Arbeitsgruppen der Stadt zur Zwischennutzung waren mehr Vertreter von Gastgewerben dabei als unmittelbare Anwohnerinnen und Anwohner.»

Dem widerspricht Vanessa Käser vom Verein am See: «Zu dem Verfahren wurde breit eingeladen, etwa in der Quartierzeitung Quavier. Ein solches Verfahren ist zwar eine grosse Chance, aber eben auch ein Risiko, weil sich Leute möglicherweise übergangen fühlen.» Ausserdem, so Käser, könne nicht abschliessend gesichert werden, dass alle Akteure die Aufforderung zum Mitdenken von Beginn weg wahrnehmen. Den Gastronomen zumindest könne ihr Engagement nicht verübelt werden, meint sie: «Kein anderer Betrieb bemühte sich sonst in ähnlichem Ausmass, sich auf Quartierstrukturen einzulassen und gemeinsam etwas aufzuziehen.»

Fischer versus Gastronomen?

Bund und BZ berichten in dieser Zeit regelmässig über die Entwicklungen am Egelsee, es entsteht ein Kampf um die Vorherrschaft der Argumente und die höhere Medienaufmerksamkeit. Zeitweise wird der angebliche Konsumzwang moniert, ein andermal ist es der Schutz der gelben Schwertlilie, eine geschützte Pflanzenart, die am Egelsee wächst. Sattler-Chef Micha Flach gibt im Mai 2017 bekannt, dass das zweite Baugesuch zurückgezogen wird: «Wir mussten einsehen, dass wir den Gegenparteien wohl unterliegen würden.» In der medialen Aufmerksamkeit wird die Geschichte zunehmend als Konflikt Fischer versus Gastronomen dargestellt.

Die Stadt Bern will aber eine Lösung der Situation bieten und eröffnet daraufhin die Möglichkeit eines dreimonatigen Testbetriebs mit Nutzung der im Gebäude gelegenen Räumlichkeiten. Regierungsstatthalter Lerch erteilt dem Sattler die entsprechende Bewilligung, der Gemeinderat spricht einen Kredit von 61‘000 Franken für die Umsetzung der Zwischennutzung, worauf die «Bar au Lac», wie sich der Sattler-Ableger nennt, Anfangs Juli ihren Betrieb aufnimmt.

Als weiterer Akteur formiert sich Ende Juni 2017 die «IG Egelsee», ein Zusammenschluss einiger weniger Anwohnenden, die zum Teil auch EinsprecherInnen sind. «Wir stehen der Nutzung durch den Sattler kritisch gegenüber und befürchten negative Auswirkungen», lässt ihre Ansprechperson Thomas Probst verlauten. «Die Stadt Bern hat eine starke Position eingenommen und die Idee eines Cafés am Egelsee auch politisch vorangetrieben», meint Probst. «In einem Zwischennutzungsverfahren sollten aber nur die Rahmenbedingungen durch die Stadt gesetzt werden, über den Inhalt sollen die betroffenen Anwohnenden entscheiden.»



Unausgewogene Berichterstattung

Nach etwas mehr als zwei Monaten Betrieb hat der Verein am See nun eine Medienmitteilung herausgegeben, in der steht, die Zwischennutzung funktioniere «entgegen anderslautender Berichterstattung – ruhig und friedlich». Elisabeth Zahnd vom Verein am See betont, dass man sich an die Öffentlichkeit gewandt habe, weil die Berichterstattung bisher sehr unausgewogen gewesen sei und bisher hauptsächlich die Argumente der Einsprechenden und KritikerInnen berücksichtigt worden seien. Beim Gespräch in der Bar au Lac ziehen sie und Vanessa Käser eine positive Bilanz der letzten Wochen. «Wir sind sehr zufrieden mit dem bisherigen Verlauf und auch zuversichtlich, dass wir diesen Elan mitnehmen können», meint Käser.

Das Zusammenspiel zwischen dem Verein und der Caffè Bar Sattler laufe gut. Die Bar au Lac ist nicht der einzige Bestandteil der aktuellen Zwischennutzung, der Verein am See organisierte in der Vergangenheit verschiedenste Aktivitäten. Darunter etwa Lesungen, Urban Gardening, ein Kunstflohmarkt, Führungen und Natur-Workshops zum Raum Egelsee. «Es war stets unsere Vision, dass unser Verein und der Betreiber des Café eng zusammenarbeiten», so Zahnd, «das ist mit der Bar au Lac definitiv gelungen». Auch Micha Flach zeigt sich grundsätzlich zufrieden: «Es war eine schöne Zeit, die Leute hier hatten extrem viel Freude. Drei Monate ist aber eine sehr kurze Zeit für einen Barbetrieb. Wir haben viel investiert und damit ist es schwierig, am Schluss finanziell zu rentieren.»

Verein am See bleibt zuständig

Diesen Montagabend fand nun der dritte Runde Tisch zwischen dem Verein am See, Einsprechenden, der Stadt und dem Schosshalde-Ostring-Murifeld-Leist (SOML) statt. Dabei wurde festgehalten, dass alle Involvierten und Aktiven in Zukunft eine gemeinsame Agenda pflegen wollen, um diesen Ort zu gestalten. Der Verein am See bleibt zuständig für die Koordination dieser Anlässe in den Räumlichkeiten und auf dem Areal des ehemaligen Entsorgungshofs. Es scheint, als seien sich die betroffenen Parteien einen Schritt näher gekommen. «Wir hoffen, dass wir nun die nächste Saison der Zwischennutzung konstruktiv zusammen angehen können», meint Vanessa Käser.

Ab 2018 wird die Stadt Bern wohl ein zweites Partizipationsverfahren eröffnen, um die Nachnutzung des ehemaligen Entsorgungshofs zu planen. Grosses Interesse an der weiteren Planung am Egelsee hat auch der Familientreff, der bisher vis-à-vis an der Ankerstrasse residiert. «Unsere Räumlichkeiten sind sehr eng, ausserdem bezahlen wir bereits jetzt einen hohen Mietzins, der nach den geplanten Umbauarbeiten in unserem Gebäude wohl noch steigen wird», meint Sabine Schärrer. Der Familientreff könnte als Partner daher interessant sein, weil er über ein Budget verfügt, um Miete für die Räumlichkeiten am Egelsee zu bezahlen, was nicht von allen Interessenten behauptet werden kann. Ausserdem, so Schärrer, sei der Familientreff es gewohnt und willens, eng mit dem Quartier zusammenzuarbeiten und die Räumlichkeiten gemeinsam zu nutzen.

Nochmal ein Baugesuch?

Bis eine definitive Nachnutzung möglich ist, wird es noch ein paar Jahre dauern. Bis dann bleibt der Raum am Egelsee eine zwischengenutzte Fläche, die es gemeinsam zu bespielen gilt. Die Bar au Lac wird am 22. September mit einem Abschlussfest die Saison beenden, der Verein am See wird aber auch während des Winters Anlässe koordinieren. Wie es im nächsten Jahr weitergeht, ist offen, eventuell wird für die Bar au Lac ein weiteres Baugesuch eingereicht. Micha Flach scheint zumindest motiviert, es noch einmal zu versuchen, sicher ist aber noch nichts. 

Wegen all der Diskussionen und Streitigkeiten um den lauschigen See ist es leicht, den Wald vor lauter Bäumen nicht zu sehen. Vielleicht würde es manch einem und manch einer guttun, sich neben den Blumenkästen vorbei auf eine der Bänke (ohne Konsumzwang) zu setzen und sich vor Augen zu führen, dass hier vor weniger als zwei Jahren noch ein städtischer Entsorgungshof betrieben wurde. Das dürfte helfen, diesen Ort nicht als Problem, sondern als Chance zu sehen.