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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Mitwirkung über das Stadtparlament hinaus

Zum Abschluss der VBG-Serie von Journal B: Wie entwickelt sich Bern weiter? Und wie die VBG? Und wie unterscheidet sich Quartierarbeit eigentlich von Schnüffelei? – Gespräch mit VBG-Geschäftsleiter Leo Grunder (Teil 2).

«Ich finde es richtig, möglichst auf der ganzen Klaviatur zu spielen und im richtigen Moment am richtigen Ort zu intervenieren.» Leo Grunder (Foto: zvg.).

Journal B: Wie entwickelt sich die VBG in den nächsten Jahren weiter? Oder müsste ich besser fragen: Wie entwickelt sich Bern weiter?

Leo Grunder: Wenn ich in die Zukunft schaue, dann gibt es mehrere Themen, die mich beschäftigen. Das eine ist die Agglomeration von Bern. Hier meine ich: Die VBG müsste aufgrund der städtebaulichen Entwicklung auch in den Agglomerationen tätig werden. Die Grenzen der Wohngebiete sind nicht mehr identisch mit den politischen Grenzen. Aber das ist noch nicht einmal eine Vision, das ist meine fachliche Überlegung, die mich beschäftigt.

Ein anderes Thema: Das freiwillige Engagement verändert sich. Man findet heute weniger Leute, die bereit sind, sich über längere Zeit ehrenamtlich zu engagieren. Weiterhin helfen sie punktuell, bei einmaligen Projekten mit, wobei hier von uns her das Unterstützungsmanagement schwieriger ist. Diese Veränderung des Engagements wird uns in Zukunft beschäftigen, auch unter dem Aspekt unserer Trägervereine, die auf das längerfristige ehrenamtliche Engagement angewiesen sind. Was machen wir, wenn in den Quartierzentren die Vorstände nicht mehr besetzt werden können? Sicher müssen wir neue Wege finden, um das freiwillige Engagement der Leute für ihr Quartier zu fördern und zu unterstützen.

Weiter: Im Moment geht der Trend eher weg von Quartierzentren. Was braucht es in Zukunft an Räumlichkeiten? Welche Unterstützungen braucht es von uns her, wo saniert oder neu gebaut wird? Was ist besser: Quartierräume pro Siedlungseinheit oder verschieden nutzbare Räume? Wer soll sie betreiben? Braucht es einen Anstoss von der Gemeinwesenarbeit her oder machen das die Leute selber? Wenn ich das bernische Stadtentwicklungskonzept anschaue, sehe ich: Man macht sich in diesem Bereich Gedanken, aber Patentrezepte hat im Moment niemand.

Wie steht es mit dem gesellschaftlichen Wandel? Geht die Atomisierung, die Vereinzelung der Menschen weiter?

Es gibt einerseits immer noch mehr Individualismus, und es gibt die Globalisierung, die auch Verliererinnen und Verlierer produziert. Anderseits aber gibt es auch den neuen Trend des Sich-Kümmerns im eigenen Quartier, ich denke an Urban gardening, an neue Wohnformen oder an die vielen Initiativen im Bereich Nachbarschaft. Auch hier wird die VBG eine Rolle spielen müssen und wollen. Wichtig wird sein, unser Kerngeschäft im Auge zu behalten und immer zu fragen: Für welche Leute sind wir da? Wofür werden wir mit Steuergeldern bezahlt?

Nämlich?

Zuerst einmal für die Nicht-Privilegierten, dazu gehört häufig, aber nicht immer, die Migrationsbevölkerung. Darum ist ein grosses Thema der bezahlbare Wohnraum. Und hier ist klar: Wo die Stadt selber baut oder Land im Baurecht abgibt, ist ihr Einfluss grösser – auch der von uns. Umgekehrt gibt es Gebiete in der Stadt, wo die Einflussnahme schwieriger ist und es andere Wege braucht, weil private Immobiliengesellschaften federführend sind oder es viele verschiedene private Besitzer gibt. Solche Quartiere entwickeln sich anders, langsamer, und nicht in jedem Fall gut.

Wenn ich das richtig verstehe, fühlt sich die VBG gerade für die vulnerablen Menschen zuständig, die zurückgezogen, verarmt, vereinsamt leben und die auch mit aufsuchender Gemeinwesenarbeit schwierig zu erreichen sind.

Das ist so. Und zufälligerweise ist dies das Thema unserer nächsten internen Weiterbildung. Die Frage ist: Wie kommt man an die Leute heran? Wie ist Mitwirkung möglich? Wichtig ist die dezentrale Perspektive. Wir sind überzeugt, dass über die Vernetzung, über die Verankerung, über die Nachbarschaften, über die Kontakte vor Ort, der Zugang gelingen kann. Aber dieser Aspekt ist auch für uns eine grosse Herausforderung.

Ein Problem ist wohl auch, dass man sich bei solcher Arbeit nur bis an einen bestimmten Punkt als professionell unterstützend verstehen kann. Irgendeinmal wird es politisch. Darf man, bezahlt mit städtischem Geld, politisch sein?

Sowohl fachlich als auch von der Organisation her soll die VBG durchaus auch sozialpolitisch unterwegs sein und auf die Verliererinnen und Verlierer der Entwicklungen hinweisen. Das Schweizer Fernsehen hat eben letzthin die rotgrüne Wohnpolitik Berns kritisch unter die Lupe genommen: Das Projekt der lebenswerten Stadt für alle mit Aufwertungen in vielen Quartieren führe zu teurerem Wohnraum und dadurch zu sozialer Verdrängung in die Agglomerationen. Auch auf solche sozialpolitischen Entwicklungen müssen wir hinweisen und sagen: Es braucht in der Stadt günstige Wohnungen. Von Durchmischung muss man nicht nur reden, man muss auch etwas für sie tun.

Dazu kommt zum Beispiel das Problem mit den ökologischen Auflagen: Schaffen wir es, die Stadt gleichzeitig ökologisch und sozial weiterzuentwickeln? Wird es durch die ökologischen Standards nicht unmöglich, noch einigermassen günstig zu bauen? Wichtig wäre, in jedem Fall sanfte Sanierungen genau zu prüfen. Und ernst zu nehmen ist der neue Trend zu kleineren Wohnungen, den ich sehe. Es wird langsam abstrus, Wohnungen mit immer noch steigender Quadratmeterzahl pro Person zu bauen. Entspricht das wirklich noch dem Bedürfnis der Leute oder ist das eine fixe Idee in der Planer- und Architekturgilde? Letzthin war ich auf einem Rundgang im Steigerhubel-Quartier. Es war offensichtlich, dass es den Leuten dort wohl ist, und zwar, obwohl sie im Durchschnitt auf relativ kleiner Fläche leben. Das Wohlfühlen hängt von anderen Faktoren ab als von der Grösse der Wohnfläche oder davon, ob jede Person ein eigenes Badezimmer hat. Auch von daher ist verdichtetes Bauen wichtig.

Gemeinwesenarbeit wie ich sie verstehe, ist dazu da, die reissenden sozialen Netze zu flicken, und kann gerade auch Verliererinnen und Verlierer misstrauisch machen, weil sie als staatliche Schnüffelei wirken kann.

Dieses Spannungsfeld gibt es. Wir sprechen in der VBG von unserer intermediären Funktion und versuchen die ganze Palette der Methodik, wie man diese Funktion wahrnehmen kann, einzubringen. Eine Seite davon ist das «Bottom-up», also der Versuch, die Interessen und Anliegen von unten nach oben zu unterstützen. Wenn es nötig ist, dürfen wir von der VBG her mit den Leuten im Quartier einen Protest organisieren. Umgekehrt muss es möglich sein – das ist die andere Seite der Funktion –, die Stadtverwaltung darin zu unterstützen, ein Projekt durchzuziehen, von dem wir überzeugt sind – wenn nötig auch gegen den Willen einzelner Quartier-Akteure. Sowohl gewisse Fachpersonen wie auch Leute, die die VBG von früher her kennen, sehen diese intermediäre Rolle kritisch. Gesagt wird, wir agierten zu nahe an der Stadtverwaltung und arbeiteten zu wenig politisch. Klar müssen wir wachsam sein, aber ich finde es richtig, möglichst auf der ganzen Klaviatur zu spielen und im richtigen Moment am richtigen Ort zu intervenieren.

Sicher ist, dass sich eine Stadt nur weiterentwickeln kann, wenn möglichst alle Leute, die darin wohnen, einbezogen werden. Darum wird Mitwirkung über den parlamentarisch-demokratischen Betrieb hinaus immer noch wichtiger werden. Die Menschen sollen sich in den Quartieren wohl fühlen können – und das hat schon aus Gründen der Emanzipation immer auch mit Mitwirkung zu tun. Gerade hier wird die VBG weiterhin ihre Rolle zu spielen haben.