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An der Schnittstelle von Zahlen und Menschen

Bekira Veladzic ist Finanz- und Personaladministratorin der VBG und leitet das Sekretariat im Treffpunkt Untermatt. Sie ist keine Sozialarbeiterin. Aber sie hält der Sozialarbeit den Rücken frei, und sie kennt die Menschen, die diese Arbeit nötig haben.

Bekira Veladzic: «Der Treffpunkt Untermatt ist etwas Spezielles – nicht nur für mich, auch für Bern.» (Foto: Fredi Lerch)

Fragt man Bekira Veladzic, ob sie nun eigentlich die Personalchefin der VBG sei, lacht sie und sagt: «Chefin nicht, Assistentin.» Nicht, weil sie nicht die Funktion einer Personalchefin ausüben würde, sondern weil sie keine Chefin sein will. Für sie ist die VBG auch deshalb eine gute Arbeitgeberin, weil die Hierarchien flach sind. «Man fordert zwar viel, aber man unterstützt auch gut.» Das Arbeitsklima sei sehr angenehm und, was ihr Spezialgebiet betrifft: Die finanzielle Situation sei im Moment stabil.

Flucht und erste Arbeitsstellen

Eben ist Bekira Veladzic von Ferientagen bei der Mutter in Bosnien-Herzegowina zurückgekehrt. Auch ihre Geschwister sind angereist. Der Krieg hat sie in Europa und den USA zerstreut. Sie selber ist 1995 als Flüchtling in die Schweiz gekommen. Geboren ist sie 1969, aufgewachsen ist sie im sozialistischen Jugoslawien, und in Bihać, an der Grenze zu Kroatien, hat sie eine vierjährige Wirtschaftsmittelschule absolviert. Als 1992 der Krieg ausbrach, musste sie ihr Studium an der dortigen Fachhochschule ohne Abschluss abbrechen.

Ein grosser Vorteil sei gewesen, sagt sie, dass sie ein bisschen Deutsch gesprochen habe: «So konnte ich hier in Bern als Übersetzerin sofort andere Flüchtlinge unterstützen.» 1998 wird sie berufstätig. Im Rahmen eines Beschäftigungsprogramms arbeitet sie als Betreuerin und Übersetzerin in einem Erstaufnahmezentrum für Flüchtlinge. Als das Zentrum wegen Rückgangs der Flüchtlingszahlen geschlossen wird, absolviert sie im Bereich Statistik und Analyse ein einjähriges Praktikum beim Staatssekretariat für Wirtschaft (SECO) – auch damit ihr abgebrochenes Studium von Bihać in der Schweiz anerkannt wird.

2002 wechselt sie zur Steuerverwaltung des Kantons Bern: «Ich kannte das System von Ex-Jugoslawien, das ohne Steuern und Aktien funktioniert hat. Darum wollte ich für mich herausfinden: Wie funktioniert ein Staat auf der Basis von Steuern?» Als ihre Stelle auf 100 Prozent aufgestockt werden soll, muss sie aus Familiengründen ablehnen: Sie hat eine Tochter und einen Sohn und braucht mindestens einen Wochentag für die Kinderbetreuung.

Betriebsleiterin im Treffpunkt Untermatt

So wechselt sie zur Informationsstelle für Ausländerfragen (ISA), die damals vorübergehend in die VBG integriert ist und beginnt exakt in jenem Raum zu arbeiten, den die VBG unterdessen zum Sitzungszimmer gemacht hat und in dem unser Gespräch stattfindet.

Im Januar 2005 wird sie von der VBG offiziell angestellt: Im Treffpunkt Untermatt übernimmt sie die Leitung des Sekretariats – ein 30 Prozent-Arbeit, mit der sie der Leiterin des Quartierzentrums administrativ den Rücken freihält. In ihr Pflichtenheft gehört das Sekretariat, die Raumvermietung und das ganze Finanzwesen. «Bis heute arbeite ich sehr gerne dort, auch wegen meines eigenen Migrationshintergrunds», sagt sie. «Untermatt ist sehr multikulturell, wohl das ärmste, aber dafür kinderreichste Quartier in der Stadt. Der Alltag ist lebendig. Die Bedürfnisse und Probleme der Leute sind vielfältig. Oft geht es um Informationen zum schweizerischen Alltag, um Wohnen, Schulen, Geld, manchmal um Gewalt. Die Leute sind dankbar, wenn man etwas für sie tun kann – und wenn es nur ein Tipp ist, wohin sie sich mit ihrem Anliegen am besten wenden. Nicht nur für mich, auch für Bern ist der Treffpunkt Untermatt etwas Spezielles.»

Bekira Veladzic kann das beurteilen, weil sie mehrere Quartierzentren der VBG genau kennt. Nach 2006 nahm sie neben der Arbeit im Treffpunkt Untermatt immer auch noch andere Funktionen wahr: Von 2007 bis 2011 betreute sie die Buchhaltung des Quartierzentrums Murifeld und des dortigen Gastro-Projekts. Auf 2011 übernahm sie die Betriebsleitung im Gemeinschaftszentrum Gäbelbach und nebenbei machte sie eine Weiterbildung zur Ausbildnerin. Seither betreut nebenbei Lernende im KV-Bereich.

Dann verkauft die Reformierte Kirche das «Gäbelhus» an die Stadt, es wird geschlossen und zu einer Tagesstätte gemacht. Durch die Kündigung verliert Bekira Veladzic 50 Stellenprozente.  

Personaladministratorin auf der Geschäftsstelle

Aber die VBG hat andere Arbeit für sie. Auf 2013 bietet man ihr an, auf der Geschäftsstelle zu 50 Prozent die Personaladministration zu übernehmen. Sie bedingt sich eine Probezeit von drei Monaten aus: «Personaladministration ist ja nicht das gleiche wie Finanzwesen.» Nach drei Monaten ist klar, dass sie weitermacht. In einigen Bereichen bezahlt ihr die VBG Weiterbildungen. Zu ihrem neuen Pflichtenheft gehört vor allem die Betreuung der 45 bis 50 VBG-Angestellten: Löhne, Versicherungen, Absenzen wegen Krankheit, Schwangerschaftsurlaub oder Militär, Regelungen für Kinderzulagen. Kompliziert sei das vor allem bei den rund zehn bis fünfzehn Angestellten mit einem ausländischen Pass. Je nach Land und Aufenthaltsstatus – F, E, N oder B – ist die Administration aufwendig, jede Anstellung ist anders. Dazu kommen die befristeten Anstellungen bei Vorlehren, KV-Lehren oder bei den Praktika von Studierenden der Fachhochschule für Sozialarbeit. Ihre Arbeit bringt laufend Kontakte mit Verwaltungsstellen: «Das ist spannend und wichtig, weil ich so immer auf dem neuesten Stand der gesetzlichen Regelungen bin.»

Seit 2010 ist Bekira Veladzic Doppelbürgerin. Ihre beiden Kinder sind unterdessen erwachsen. Die Tochter arbeitet als Juristin, der Sohn macht eine Lehre als Handwerker. Sie selber hat für sich die richtige Arbeit gefunden: «Ich sitze an der Schnittstelle. Das gefällt mir.» Sie sei zwar keine Sozialarbeiterin, aber sie sehe sich auch nicht einfach als Zahlenmensch. Sie liebe den Kontakt mit den Menschen und über die Projektangaben, Vereinbarungen, Auszahlungen, Überweisungen oder Veranstaltungshinweise bekomme sie sehr viel mit, was laufe in der Stadt. Spannend zu sehen sei zum Beispiel, wie gewisse Projekte von Quartierzentrum zu Quartierzentrum wanderten. Der Austausch zwischen den Zentren sei intensiv – nicht zuletzt wegen den Sitzungen der Gemeinwesen-Arbeitsgruppe, die jeweils in diesem Sitzungszimmer hier stattfänden.

«Ich bin jetzt dreizehneinhalb Jahre bei der VBG und noch nie ist es mir schwer gefallen, zur Arbeit zu gehen. Mein Morgengefühl ist das gleiche, wie wenn ich am Dienstag oder am Samstag auf den Märit gehe: Vielleicht, weil es so viel Interessantes gibt. Oder weil mich alles, womit ich mich genauer beschäftige, ernährt. Ich bleibe gerne dabei hier.»