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Die VBG wurde im Tscharnergut erfunden

Als Nachfolger des VBG-Gründers Hansjörg Uehlinger leitet Otto Wenger seit bald dreissig Jahren das Quartierzentrum im Tscharnergut. Mit den Leuten, die hier leben, ändern sich auch die Aufgaben und Angebote des Zentrums.

Otto Wenger, Leiter des Quartierzentrums im Tscharnergut. (Foto: © Manu Friederich)

Früher Nachmittag im Café Tscharni. Otto Wenger (* 1959) sitzt plaudernd beim Mittagskaffee und raucht eine Zigarette. Er ist der Leiter des Quartierzentrums im Tscharnergut. Aber auf den ersten Blick ist er hier einer, der einfach dazugehört. Man glaubt ihm, wenn er danach im Gespräch betont, er liebe flache Hierarchien. Wenger ist ein Teamplayer – den Chef zu geben, hat er nicht nötig.

Pionier Hansjörg Uehlinger

Dass Wenger 1986 im «Gemeinschaftszentrum im Tscharnergut» – wie es damals noch hiess – zu arbeiten begann, war eigentlich Zufall. Gelernt hatte er Verlags- und Sortimentsbuchhändler, hatte mehrere Jahre auf diesem Beruf und zwischenhinein auf dem Bau gearbeitet. Dann wies ihn ein Kollege auf die offene Stelle im Tscharnergut hin. Er bewarb sich nicht zuletzt deshalb, weil er zwischen 1961 und 1974 hier aufgewachsen war. «Ich hatte eine glückliche Kindheit im Tscharni. Trat ich auf den Balkon der elterlichen Wohnung, sah ich auf einen Blick, wo welche Kinder am Spielen waren: schutte, märmele, indiänerle – jederzeit Spielangebote in einem autofreien Quartier.»

Dass die Wahl des damaligen Leiters Hansjörg Uehlinger (1925-2011) auf ihn fiel, hatte wohl auch damit zu tun, dass er sich zuvor viele Jahre lang in der Pfadfinderbewegung engagiert hatte. «Rips» Uehlinger war als schweizerischer Roverkommissär selbst einer der führenden Köpfe dieser Bewegung.

1986 begann Wenger als Leiter-Stellvertreter zu arbeiten. «Uehlinger war ein grossartiger Lehrmeister. Immer an den Menschen orientiert und mit dem Blick darauf, wie er bei den Leuten das Positive verstärken konnte. Die Jahre mit ihm waren für mich wie eine weitere Stifti.» Uehlinger war ein Pionier. Unterstützt von Stadt und Kirche initiierte er vieles: die Quartierzeitung «Der Wulchechratzer», das Forum Bethlehem, einen Kinderhütedienst, eine Heissluftballongruppe, einen Weihnachtslaternenwettbewerb, das traditionelle Kerzenziehen im Tscharni, den Zischtigclub für die Jugendlichen etc. Als mit Gäbelbach, Wylerhuus, Villa Stucki, und Breitschträff laufend weitere Quartierzentren entstanden, initiierte er 1967 die städtische Dachorganisation «Vereinigung Berner Gemeinschaftszentren» – die heutige VBG – und amtete nebenbei viele Jahre als erster Geschäftsführer.

Jugendliche und SeniorInnen

Als Uehlinger 1990 pensioniert wird, übernimmt Wenger das Amt des Leiters im Quartierzentrum Tscharnergut, das er seither, unterbrochen von zwei Co-Leiterphasen, innehat. Eine seiner frühen Amtshandlungen besteht darin, mit seinem Zentrum wieder in die VBG einzutreten, weil Uehlinger 1989 – enttäuscht über die Haltung des damaligen Präsidenten der VBG in berufspolitischen Fragen und dem Unverständnis gegenüber den Anliegen des Gemeinschaftszentrums Tscharnergut – den Austritt erklärt hatte. Seither gehört auch das Quartierzentrum im Tscharnergut wieder zur VBG. «Die Probleme in den einzelnen Zentren sind bis heute sehr unterschiedlich», sagt Wenger, «aber dank der VBG sind immer wieder gewisse Koordinationen und Absprachen möglich.»

1990 ist Wengers Hauptthema die Quartierjugend. Man dürfe nicht vergessen, sagt er, dass das Tscharnergut für 5000 Personen gebaut worden sei und die Bevölkerung in den ersten Jahren zu rund der Hälfte aus Kindern bestanden habe. Jeden Samstag organisieren die Jugendlichen jetzt im grossen Saal des Zentrums die Jugenddisco Medora. «Anfang der neunziger Jahre waren wir die Beiz mit dem grössten Coca-Cola-Umsatz auf dem Platz Bern. Es gab hier Samstagabende mit über tausend Eintritten in die Disco.» Der grosse Saal ist schallisoliert und liegt unter dem Zentrum. «Aber wenn sich die ausgelassenen Jugendlichen morgens um halb zwei – wie es das damals noch gültige ‘Jugendtanzdekret’ vorgeschrieben hat – auf den Heimweg machten und auf die Töffli stiegen, wurde es laut.» So gehört es damals auch zu Wengers Arbeit, an «Lärmsitzungen» die aufgebrachten Anwohnenden zu besänftigen.

Gleichzeitig kommt die Einwohnerschaft des seit 1959 bewohnten Tscharnerguts allmählich in die Jahre: Die Jungen beginnen wegzuziehen, die Elterngeneration bleibt wegen der tiefen Mieten, der guten Einkaufsmöglichkeiten und der Lebensqualität im Quartier. So erarbeitet das Quartierzentrum vermehrt Angebote für Seniorinnen und Senioren: Männergruppen und Frauengruppen, Tanzgruppen und Nachbarschaftshilfen.

Das verlängerte Wohnzimmer

Auch die Migrationsbevölkerung im Quartier nimmt zu, wobei Wenger relativiert: «Als ich Bub war, kamen die Leute aus Italien, Spanien und Portugal ins Tscharni. Als ich später im Zentrum zu arbeiten begann, kamen sie vor allem aus der Türkei, später aus Ex-Jugoslawien und Vietnam, heute aus Afghanistan und aus Eritrea.» Eine Zeitlang habe ein türkischer Folkloreverein sein Büro im Quartierzentrum gehabt und mit einem grossen Plakat an der Bürotür signalisiert, wer hier zuhause sei. Wenger sagt, zwar könnte das ganze Haus auch heute gewinnbringend an national oder – in den letzten Jahren vermehrt – religiös geprägte Gruppierungen vermietet werden. «Aber für das Quartierzentrum wäre das der falsche Weg: Es muss allen zur Verfügung stehen, die hier wohnen und ein Interesse daran haben.»

Bereits für die Architekten Hans und Gret Reinhard sei klar gewesen. dass sie mit der Tscharni-Überbauung «einen VW, keinen Rolls Royce» bauten. Es ging um preisgünstige, entsprechend nicht sehr geräumige Wohnungen. Deshalb habe man das Quartierzentrum auch als «verlängertes Wohnzimmer» geplant, in dem jederzeit für private Feste Räume gemietet werden können. Darum bezahle ja bis heute jede Partei mit der Miete den sogenannten «Mieterfranken», der das Quartierzentrum mittrage (zurzeit beträgt er 5 Franken pro Monat).

Multikulti-Ideale und ein Methodenkonflikt

Ein Quartierzentrum als verlängertes Wohnzimmer für alle ist eine Gratwanderung zwischen öffentlichen und privaten Raumbedürfnissen. Wenger: «Ich sage den Leuten jeweils: Ihr müsst euch nicht gern haben und verbrüdern. Aber ihr müsst unter diesem Dach hier zusammenleben können und euch grüssen.» Nach mehr als dreissig Jahren Erfahrung hat er keine hochgeschraubten Multikulti-Ideale mehr: «Ohne einander auf die Füsse zu treten zusammen hier zu sein, das ist schon viel.»

Otto Wengers Team besteht aus dreissig zum Teil ehrenamtlichen Mitarbeitenden. Seine Arbeitszeit braucht er zu etwa 50 Prozent für die Verwaltung des Zentrums, für Personalführung, Finanzen, die Betriebsleitersitzung oder für den angegliederten Jugendtreff. Die anderen 50 Prozent investiert er in Projektarbeit im und ums Tscharnergut sowie im VBG-Team Bern West und in Gremienarbeit für verschiedene Quartierorganisationen. «Ich versuche, in möglichst vielen Gruppen möglichst vieles anzuschieben. Im Bereich der Einzelfallhilfe beschränke ich mich darauf, an die richtigen Adressen zu verweisen.»

Dass 2015, nach dem Ende der zweiten Co-Leiterphase, die VBG die Co-Leitungsstelle im Quartiertreff Tscharnergut gestrichen hat, ärgert Wenger. «Ich kann ja nicht aufstocken – seit 1986 arbeite ich hier dauernd 100 Prozent», sagt er. Die VBG begründe den Abbau damit, dass es in Bümpliz, im Gäbelbach und in der Untermatt mehr Stellenprozente für Gemeinwesenarbeit gebe. Demnach geht es um einen Methodenkonflikt zwischen Quartierzentrenarbeit und aufsuchender Sozialarbeit. Wenger: «Es braucht beides, einverstanden. Aber für mich ist ein Zentrum, das regelmässig vielfältige Aufgaben erfüllt, nachhaltiger als ein Büro, das statt geregelter Öffnungszeiten eine Natelnummer publiziert, weil die Infrastruktur nicht einmal mit einer Vollzeitstelle dotiert ist. Solche Arbeit ist bloss ein Tropfen auf einen heissen Stein.»

Leiter Wenger macht allein weiter. Entlastung kommt von seinem Team, das gut eingespielt ist. Manchmal wächst etwas, das man gar nicht gesucht hat – etwa die drei Vorlehrstellen für Jugendliche in der Werkstatt –, anderes überlebt sich und verschwindet. Weiter geht’s immer. Spannend bleibt’s.