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Berns Leichenbitterin, die reich wurde (1)

Die Bernerin Elisabeth Ochs (1791-1864) ist die Stifterin eines Kunststipendiums. Sie war zu ihrer Zeit eine der reichsten Bernerinnen, obschon sie eine Biografie hatte, mit der man eigentlich nur verarmen kann.

  • Elisabeth Ochs’ Grabstein, vom 1865 aufgehobenen Monbijoufriedhof… (Foto: Fredi Lerch)
  • …an die Nordmauer des Bremgartenfriedhofs versetzt. Der Sarg verblieb irgendwo oberhalb der Schwarztorstrasse im Boden. (Foto: Fredi Lerch)

Seit rund 150 Jahren werden in Bern mit dem Ochs-Stipendium «junge Angehörige der Burgergemeinde» gefördert, die in den Bereichen «Malerei, Bildhauerei und Grafik oder verwandte Künste (z.B. Videokunst, Fotografie)» tätig sind. Dieses Stipendium wurde von Anna Elisabeth Ochs (1791-1864) gestiftet – einer Bernerin mit höchst bemerkenswerter Biografie.

Eine sehr geschäfttüchtige Frau

In der Berner Zeitschrift für Geschichte Nr. 4/2016, S. 40f hat Claudia Engler, Historikerin und Direktorin der Burgerbibliothek Bern, aufgrund der spärlichen Quellen das Leben von Elisabeth Ochs in einem kurzen Beitrag skizziert: Ochs war die Tochter eines Bernburgers, der als Buchhändler verarmte. 1819 wird sie im Dienst der Stadtbehörden «gesetzliche Schätzerin», 1823 zusätzlich «Leichenbitterin». 1827 gebiert sie den unehelichen Sohn Paul August Caesar Ochs (1827-1842). Vater des Kindes ist der neapolitanische Diplomat und Fürst Paolo Ruffo, der – nachdem er 1828 noch «erfolgreich ein Berner Infanterieregiment von 1452 Mann verpflichtet» hat – Bern und die Mutter seines Kindes verlässt.

Als Elisabeth Ochs 1864 starb, so Engler, war sie «eine der reichsten Frauen der Stadt Bern». Ihr Vermögen habe sie als geschäftstüchtige Frau «offenbar» mit ihren beiden Ämtern und einem Geschäft «mit Möbel- und Zimmervermietungen» gemacht.

Eine bevormundete ledige Mutter

So erzählt steht diese Biografie für eine veritable Tellerwäscherinnenkarriere: Elisabeth Ochs als Self-made Women, die bernburgerliche Wohlgeborenheit und freisinnige Tüchtigkeit unter sehr widrigen Umständen aufs Glücklichste vereinigt und so ihr Glück erzwingt. Einziges Problem: Diese Erzählung ist nicht sehr glaubwürdig.

Den ersten Teil der Biografie könnte man zum Beispiel auch so erzählen: Elf Jahre nach dem Tod ihres verarmten Vaters Johann Anton Ochs (1752-1808)  ist Elise – so ihr Mädchenname – soweit mittellos, dass sie sich entschliessen muss, als gesetzliche Schätzerin und später zusätzlich als Leichenbitterin Geld zu verdienen. Damit übt sie zwei Berufe aus, die sie als junge, ledige Frau – Engler bezeichnet sie als «offensichtliche Schönheit» – in der Stadt exponieren. Sie ist zweifellos dauernd unterwegs und muss in jedes Haus, in dem sich ein Todesfall ereignet, um die Formalitäten zu regeln, das Nötige zu organisieren, die Hinterlassenschaften zu schätzen und wenn nötig zu Geld zu machen. Bereits vier Jahre später gebiert sie ihren Sohn – vermögend geworden ist sie bis dahin kaum. 1827 ist sie demnach als ledige Mutter bevormundet, entsprechend diskriminiert, alleinerziehend, berufstätig und weitgehend mittellos – kurzum: sozial und finanziell in einer sehr schwierigen Lage.

Wie kann diese Frau – die laut Engler «zeitlebens unverheiratet» blieb – 35 Jahre später als eine «der reichsten Frauen der Stadt Bern» das Zeitliche segnen?

Eine Geschichte, die beides zusammenbringt

Als Journalist muss ich sagen: Ergeben historische Quellen keine überzeugende Geschichte, ist nach Robert Musil der «Möglichkeitssinn» gefragt, und laut Niklaus Meienberg ist dann «logische Phantasie» erlaubt.

Darauf antwortet Claudia Engler: «In der Tat: Die Geschichte von Elisabeth Ochs ist ungewöhnlich, ja aussergewöhnlich und stellt viele Fragen. Aufgrund der schwierigen, d.h. sehr dünnen Quellenlage kann sie derzeit aber nur so erzählt werden, wie ich sie zu erzählen versucht habe. Die Aufgabe des Historikers, der Historikerin ist nicht der ‘Möglichkeitssinn’ oder die ‘logische Phantasie’, sondern Fragen zu stellen, sie aber ausschliesslich auf Basis von belegbaren Nachweisen zu beantworten. Jeder Historiker, jede Historikerin ist sich bewusst, dass ‘seine Geschichte’ nur eine relative ist. Jede neue Quelle, jede neue Zeitepoche, jede neue Frage verlangt, die Geschichte neu zu überdenken und zu erzählen. Darin sind sich Geschichte, ‘Möglichkeitssinn’ und ‘logische Phantasie’ nahe, sie sind gewissermassen ‘fluid’. Für die Historie aber gilt nach Odo Marquard: ‘Die Beweislast hat der Veränderer’.»

An diesem Punkt haben der Journalist und die Historikerin ein Thesenspiel vereinbart: Der Journalist stellt Thesen auf, wie Elisabeth Ochs aufgrund der paar vorhandenen Eckdaten am wahrscheinlichsten zu Geld gekommen ist. Die Historikerin kommentiert die Plausibilität der Thesen aufgrund der vorhandenen schriftlichen Quellen.

Lesen Sie morgen: Wie wurde Elisabeth Ochs tatsächlich reich? Vier Thesen und vier Repliken.