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Murifeld reste mon quartier!

Aus den Quartieren

Das Murifeldquartier ist ein Meilenstein des sozialen Wohnungsbaus mit einem zukunftsträchtigen Modell der Selbstverwaltung – und latent gefährdet. Eine Würdigung.

Murifeld 2016. (Foto: ar)

2015 hat die städtische Liegenschaftsverwaltung dem Murifeld zugesichert, dass die dort geltende Mietermitwirkung, das sog. Kooperationsmodell, um weitere 5 Jahre verlängert werde; eine Auswertung war günstig verlaufen. Anderseits zeigen sich neue Wolken am Horizont: Die Stadt will den Denkmalschutz des Quartiers aufheben. Das könnte sich bei künftigen Renovationen auswirken. Und die Stadtplanung könnte Verdichtungswünsche anmelden. Das gab den Anlass für eine Würdigung des Quartiers durch Andreas Rapp für QuaVier, die Zeitschrift der Quartiervertretung des Stadtteils IV.

Der Film

Das unterirdische Kulturatelier im Murifeld ist bis auf den letzten Platz gefüllt an diesem Samstagabend des 5. November 2016. Der Film «Erstbesteigung» von 1994 eröffnet die Veranstaltung. Er zeigt die Anwohnenden, wie sie leben. Und die WortführerInnen von damals erläutern, wie es zum Kooperationsmodell kam: Als die Stadt anno 1986 den MieterInnen eine umfassende Sanierung des Quartiers ankündigte, erschraken sie gewaltig und hatten Angst, ihre Wohnungen zu verlieren. Sie gründeten eine Mietervereinigung und forderten eine sanfte, ökologische und sozialverträgliche Renovation, unter Mitwirkung der Betroffenen. Stadtrat Ueli Gruner reichte eine entsprechende Motion ein. Mit einem Zufallsmehr wurde diese am 27. April 1989 angenommen. In der Folge renovierte man die Wohnungen nach unterschiedlichen Standards, gemäss den Wünschen der MieterInnen. Niemand musste aus dem Quartier wegziehen. Welchen Lernprozess die Mieterschaft und die Verwaltung durchmachten, wird im Film deutlich.

Die BewohnerInnen

Anschliessend erzählen Personen, die man vorher im Film gesehen hat. Ste Wyss erinnert sich, wieviele Bewohner sich in den letzten 30 Jahren für das Quartier engagiert haben; es war ein Kommen und Gehen, ein stetes Auf und Ab, dazwischen manchmal ein Vakuum. Aber alle waren gleich wichtig! - Aus ihrer Erfahrung rät Erika Looser, der Verwaltung hilfreiche Lösungen vorzuschlagen und Eigenleistungen anzubieten, damit die Beamten am Schluss «nur noch ja sagen» müssen. Und Edi Martin erklärt seine damalige Rolle als Sozialarbeiter: «zu schauen, dass die Leute miteinander redeten», und Machtgefälle abzubauen. Dann treten auch heute Aktive auf die Bühne: Claire Langenegger von der Kontaktstelle; Janos, der den «Mieterfranken» verwaltet, und Stefan Käsermann als Mieterschaftsdelegierter. Beim Blick in die Zukunft verkündet Till Rösler vom Fonds für Boden- und Wohnbaupolitik, eine künftige Totalsanierung sei nicht zu befürchten. Die Blockrandbebauung werde wohl bleiben. «Und das Kooperationsmodell gilt». Gleichwohl rät Edi Martin den Anwohnenden: «Bleibt organisiert!» - Am Ende ruft ein Mann aus dem Publikum: «Murifeld reste mon quartier!»

Das Vorbild von 1921: Freidorf in Muttenz

Im Ersten Weltkrieg brach der Wohnungsbau fast völlig zusammen; es herrschte Wohnungsnot. Nach dem Krieg verschärfte sich die Lage noch. Der Bund musste Massnahmen zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit und zur Förderung des sozialen Wohnungsbaus ergreifen. Führer der Genossenschaftsbewegung war Bernhard Jäggi vom Verband Schweizerischer Konsumvereine (VSK), dem fast ein Drittel der Bevölkerung angehörte. Jäggi wollte für die Angestellten des VSK eine Wohnsiedlung schaffen als Modellprojekt des sozialen Wohnungsbaus, Freidorf sollte sie heissen. Das Freidorf sollte Wohnungen für 150 Familien umfassen und eine Art sozialer Kleinstaat werden. Die Siedlung wurde in kürzester Zeit gebaut; 600 Arbeiter waren daran beteiligt. Schon im August 1921 fand mit Gästen aus aller Welt die Einweihungsfeier statt Bundespräsident Schulthess erklärte, hier könne man den «wahren genossenschaftlichen Geist spüren». Die Siedlung wolle «ein Ort der Freiheit sein, wo der Mensch auf einem würdigen Niveau steht». Die Idee der Siedlung drückt sich in ihrer äusseren Gestalt aus: Die 150 Reiheneinfamilienhäuser, alle mit Garten, sind in einem Dreieck angeordnet, das mit einer Mauer «klösterlich umgürtelt» ist. Im Zentrum stehen ein öffentlicher Platz und das Genossenschaftshaus. Darin befand sich ein Versammlungssaal mit 500 Plätzen. Die Gartenpflege sollte die «landfremd gewordenen Menschen» zur Natur zurückführen. Das Freidorf gilt als die bedeutendste Gartenstadt der Schweiz und steht unter Denkmalschutz.

Freidorf-Dreieck, aus: Faucherre, siehe Quellenangaben

Freidorf-Dreieck, aus: Faucherre, siehe Quellenangaben

Das Murifeld von 1922: Berner Variante

Auch die Siedlung Murifeld war ein Kind der Krise und wurde im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus errichtet. Auch hier war eine gemeinnützige Genossenschaft Bauträgerin. Und ebenfalls gaben grosse Gärten der Siedlung ihr Gepräge. Anders als im Freidorf wurde aber die Genossenschaft von der öffentlichen Hand massiv unterstützt: Die Stadt Bern, der das Land gehörte, gewährte das Baurecht, leistete eine Subvention von 5% der Baukosten und eine Hypothek von 10 - 12% der Anlagekosten. Zudem beteiligte sie sich mit 50% am nötigen Genossenschaftskapital. Die Siedlung umfasste 15 Doppelwohnhäuser und Gärten für insgesamt 105 Wohnungen. Die Bauzeit war wie im Freidorf enorm kurz: Am 4. März 1921 hatte der Stadtrat beschlossen, und bereits Ende 1922 waren die ersten Neubauten fertig erstellt. Gebaut wurden schliesslich 64 2-Zimmer-, 35 3-Zimmer- und sechs 4-Zimmerwohnungen. Die Zahl der 2-Zimmerwohnungen war innerhalb der Stadtverwaltung umstritten gewesen: Mehr solche Wohnungen wollte man nicht, «weil sie das Wohnquartier auf ein ärmlicheres Niveau von Mietern herunterdrücken». Im sozialen Wohnungsbau war Bern damals führend. In ihrem Verwaltungsbericht 1923 meldete die Stadt stolz, mit der Produktion von 2069 Wohnungen in den letzten 3 Jahren stehe sie «an der Spitze aller Schweizerstädte». Trotzdem sei die Lage auf dem Markt «immer noch sehr gespannt».

Eine Stimme aus den 30er Jahren

Die Verhältnisse im Murifeld der 30er-Jahre beschreibt die Glätterin Rosalia Wenger so: «Wir hatten nur 2 Zimmer, aber viel grössere, auch ohne Bad, ohne Balkon, aber mit ganz grosser Küche. Was mich äusserst praktisch dünkte, war der grosse helle Estrich auf gleicher Etage, wo man auch Wäsche aufhängen konnte, und dass das Heizmaterial nicht vom Keller hinaufgetragen werden musste. Aber was meinte die Schwägerin dazu: ... Dorthin würde sie niemals zügeln, denn im Murifeld wohnen doch die allergeringsten Leute von Bern. Das hatte ich nicht gewusst, dass die Menschen nicht in allen Quartieren ungefähr gleich sind. Die Hauptsache war doch, dass der Zins hier am niedrigsten war», und die Wohnung «sehr sonnig und in ruhiger Lage».

Das Genossenschaftshaus im Freidorf. (Foto: ar)

Das Genossenschaftshaus im Freidorf. (Foto: ar)

Die Einschätzung 2017

Wegen ihrer architekturhistorischen Qualität war die Siedlung bisher als erhaltenswert eingestuft. Bei der Revision des Bauinventars 2017 der Stadt Bern soll sie nun aber ihren denkmalpflegerischen Schutz verlieren. Gegen einen allfälligen späteren Abriss wird sich die Siedlung wohl heftig zur Wehr setzen - sie will ihre Substanz, ihre Freiräume und ihren Geist bewahren.

 

Autor: Andreas Rapp

Text aus QuaVier Dezember 2016


Quellen

Historisches Lexikon der Schweiz

Henry Faucherre, Siedlungsgenossenschaft Freidorf, Basel 1922

Klaus-Jürgen Winkler, Der Architekt Hannes Meyer, Berlin 1989

Rosalia Wenger, Rosalia G. ein Leben, Bern 1978

Stadtarchiv, Akten SAB-1049-28-54, mit bestem Dank

 

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