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Journal B

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Linditas Ankunft im fremden Land

Lindita Salihu ist eine der porträtierten Flüchtlings-Secondas im Film «Kein Kinderspiel», der am Donnerstag im PROGR gezeigt wird. Für Journal B erzählt sie, wie sie mit ihren Eltern aus Prishtina vor Krieg und ethnischen Säuberungen flieht.

Aus dem Quartier Dardania in Prishtina ist die 11-jährige Lindita Salihu mit ihren Eltern geflohen. (Foto: zvg)


Der erste Teil der Erzählung findet sich hier.

*

«Wir waren vier oder fünf Tage in diesem Flüchtlingscamp, als die Meldung kam, wir müssten sofort weg. Hier muss ich etwas erklären: Neben der normalen serbischen Armee und der Polizei gab es noch zwei wirklich schlimme Truppen: die Freiwilligengarde von Arkan und die nationalistischen Tschetniks.

Nun kam die Meldung, dass sich eine Gruppe Tschetniks auf unser Camp zu bewege. Wir sassen in der Falle, eingeklemmt zwischen dem Fluss Richtung Mazedonien und der Grenze zum Kosovo, wohin wir nicht zurück konnten. Gerettet wurden wir in jener Nacht von NATO-Bodentruppen, die unterdessen in Mazedonien stationiert waren und uns mit einer ganzen Kolonne von Bussen ins Innere von Mazedonien brachten. Auf Druck der Nato hatte die mazedonische Regierung unterdessen dort mehrere Flüchtlingscamps errichtet, in denen wir von Caritas, Rotem Kreuz und den Ärzte ohne Grenzen unterstützt wurden. Die Ärzte ohne Grenzen haben übrigens meinem Vater sehr geholfen und ihn mit Therapien und Medikamenten, die er brauchte, versorgt. Ich spende den Ärzten ohne Grenzen regelmässig, weil ich miterlebt habe, dass sie wichtige Arbeit leisten.

«Bei der Befragung sagte Mami natürlich, erste Wahl sei ‘Zvizra’, weil dort drei ihrer Söhne lebten.»

Lindita Salihu

Wir kamen in ein grosses Camp in der Nähe der Hauptstadt Skopje, eine sehr trockene, fast wüstenartige Gegend. Hier trafen albanische Leute aus dem ganzen Kosovo ein. In der ersten Nacht passierte folgendes: Durchs Camp gingen italienische Nato-Truppen, denen man später KFOR-Truppen gesagt hat. Die verteilten Kinderschokolade und hielten deshalb nach allen Kindern Ausschau. Mein jüngster Bruder und ich lagen halb zugedeckt auf dem Schoss der Mutter. Ich war eingeschlafen, aber mein Bruder stand auf, als er Männer in einer fremden Sprache sprechen hörte. Als sie ihn sahen, gaben sie ihm Schokolade. Da hat mein Bruder die Decke ganz weggezogen, auf mich gezeigt und immer wieder gesagt: ‘My sister, my sister…’ So erhielt auch ich Schokolade. Klar, heute kann ich sagen: Das war doch nur Schokolade. Aber damals war das etwas Grossartiges. Wir haben sie danach in mehrere Portionen geteilt und schön süferli gegessen.

Unterdessen war es Mitte April 1999. Wir lebten uns im Camp zwar ein, aber es war sehr schwierig. Eine internationale Konferenz von Hilfswerken und Regierungen kam in jenen Tagen überein, dass die Camps aus humanitären Gründen nicht lange betrieben werden sollten. Verschiedene europäische Länder und die USA erklärten sich bereit, Flüchtlinge aufzunehmen.

Deshalb wurden nun alle Familien nach den bevorzugten drei Aufnahmeländern gefragt. Mein Mami ging an die Befragung und sagte natürlich, erste Wahl sei ‘Zvizra’, die Schweiz. Allerdings gehörte zu diesem Zeitpunkt die Schweiz noch nicht zu den Aufnahmeländern. Darum sagte der Mann, dieses Land könne er auf seiner Liste nicht ankreuzen. Darauf sagte die Mutter, dann solle er halt von Hand ‘Schweiz’ hineinschreiben, denn in der Schweiz lebten drei ihrer Söhne. Er könne das schon tun, erhielt sie zu Antwort, aber sie solle sich bitte nicht zu viel Hoffnung machen.

Kurz darauf beschloss die Schweiz, ebenfalls Flüchtlinge aufzunehmen. Einige Tage später wurden an Anschlagbrettern die ersten Listen aufgehängt, auf denen nachzulesen war, welche Familien vom Flughafen Skopje aus wann wohin abfliegen könnten. So gingen wir alle zusammen zu den Anschlagbrettern: Unsere Familie gehörte zum ersten Flüchtlingskontingent, das in die Schweiz fliegen konnte.

«Erst jetzt verstand ich, was passierte: Wir waren wieder alle zusammen, und alle waren wir noch am Leben.»

Lindita Salihu

Am 5. Mai packten meine Brüder und ich wieder unsere Schultaschen mit den Ersatzkleidern. Der Abschied von all den Leuten, mit denen wir im Camp zusammen gewesen waren, war sehr emotional. Einer meiner Brüder musste sich zum Beispiel von seinem Freund verabschieden. Dessen Familie konnte zwar auch abreisen, aber in die USA.

Mit einem grossen Bus wurden wir zum Flughafen gefahren. Wir flogen an jenem Tag zum ersten Mal. Als wir in Zürich gelandet waren und die Treppe herunterkamen, standen wir auf einem Teppich vor vielen Presseleuten und wurden von einer Delegation des Bundesrats begrüsst, unter ihnen Ruth Dreifuss. Wir sahen alle schrecklich müde aus. Noch am gleichen Tag brachte uns ein Bus ins Empfangszentrum Basel, wo wir mit einer anderen Familie aus dem Kosovo ein grosses Zimmer teilten.

Seit mehreren Monaten hatten wir mit den drei Brüdern in Bern keinen Kontakt mehr gehabt. Im Empfangszentrum gab es zwar ein Telefon, aber wir hatten kein Geld. Darum sprach mein Mami einen jungen Albaner an, den sie in unserer Sprache hatte telefonieren hören. Dieser Mann lebte schon einige Zeit hier, kannte sich aus und war hilfsbereit. Er steckte eigenes Geld in den Automaten und telefonierte der Reihe nach die Nummern der drei ältesten Brüder durch, die ihm die Mutter auf einem Zettel gereicht hatte. Der dritte Bruder nahm ab und der Hilfsbereite gab den Hörer an meine Mutter weiter. Sie sagte: ‘Da ist deine Mutter. Ich will dir bloss sagen, es geht uns allen gut und wir sind in der Schweiz.’ – ‘Wo in der Schweiz?’ – ‘Das weiss ich nicht, aber wart…’. Sie gab den Hörer wieder dem jungen Mann, und noch am gleichen Tag trafen meine drei ältesten Brüder aus Bern zum Besuch ein.

Ich erinnere mich, dass ich auf der oberen Matratze eines doppelstöckigen Betts lag als der älteste Bruder ins Zimmer trat. Erst als ihn die Mutter umarmte, verstand ich, was in diesem Augenblick passierte: Wir waren wieder alle zusammen, und alle waren wir noch am Leben.»

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Auf Antrag der drei ältesten Brüder konnte Lindita Salihu später mit ihren Eltern und den zwei jüngsten Brüdern aus Basel nach Bern übersiedeln. Der älteste Bruder lebt heute in Prishtina und der viertälteste in Wien. Die restliche Familie lebt in Bern.

Kurz, nachdem sie hier eingeschult worden sei – auch das hat Lindita Salihu im Gespräch mit Journal B erzählt – , habe es eines Tages während des Unterrichts einen Sirenentest gegeben. «Richtig in Panik» und ohne nachzudenken sei sie unter das Pult gehechtet. Während sie nicht begriff, warum nicht auch alle anderen bei einem Fliegeralarm sofort Deckung suchten, staunten die Kinder im Schulzimmer zuerst und begannen dann lachen. Die Lehrerin habe sie danach beiseite genommen und mit ihr das Missverständnis geklärt: «Natürlich habe ich heute nicht mehr Angst, wenn ein solcher Probealarm losgeht. Aber ungewollt passiert in mir drin doch etwas – im Kopf und im Bauch und im Herzen.»