Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

KOLUMNE /

Manuel C. Widmer

28.04.2017 | 05:36

Echt viel Lärm um die Regierungsstatthalter-Wahlen. Und unser Kolumnist mcw mittendrin – auch als Nachtlebender und Fussball-Fan.

Flüstern auf dem

«Ein Tisch ist ein Tisch» von Peter Bichsel erzählt von einem alten Mann im Alltagstrott, der aus lauter Einsamkeit und Langeweile beginnt, alle Gegenstände zuerst im Zimmer, dann in der ganzen Welt umzubenennen. Zuerst wird aus dem Bett ein Bild, aus dem Tisch ein Teppich und aus dem Schrank eine Zeitung. «Ein Tisch ist ein Tisch» ist eine kleine, traurige Geschichte.

Kleine, traurige Geschichten gibt es auch aus Bern zu erzählen. Der Stadt Bern. Oder dem Dorf? Eine Stadt ist eine Stadt – oder sollte es zumindest sein. Wäre da nicht die Tendenz, der Stadt immer häufiger Dorf zu sagen. Oder Schlafzimmer.

Lassen Sie sich bloss keine Geschichten erzählen. Bern ist eine Stadt! Auch nach den neuesten Definitionen des Bundesamtes für Statistik erfüllt Bern punkto Einwohnerzahl, Dichte und «Mindestgrösse in ihrem Kern» die Kriterien einer Stadt. ((ZwTitel))

«Flüstern mit Ball»

Trotzdem versucht ein Mann, der Bichsels Geschichte entsprungen sein könnte, uns immer wieder weis zu machen, Bern sei ein Dorf – oder eben ein Schlafzimmer. So hat er zum Beispiel «spielende Kinder im Innenhof» umbenannt in «störende Lärmquelle für Nachbarn.» Wegen dieser Umbenennung hätten Flüchtlingskinder nicht draussen spielen sollen, um Nachbarn nicht zu stören.

In seinem blauen Schulheft, in dem er alle neuen Begrifflichkeiten notiert, heisst «Fussballmatch» neu «Flüstern mit Ball». Wegen drei Einsprechern dürfen die ZuschauerInnen des FC Breitenrain auf dem «Spitz» im Breitenrain, wo seit über 100 Jahren gespielt wird, ihre Mannschaft nur noch leise anfeuern. Idealerweise würden die Fans nach einer gelungenen Bicicletta auch nicht mehr klatschen, sondern wie stumme Menschen mit den Händen in der Luft fuchteln. (Und weil die Zeitfenster für die Spiele kleiner werden müssen, wird möglicherweise das eine oder andere Juniorenteam aufgelöst.)

Das Sous Soul (†) heisst jetzt Sportbar. Frau Müller heisst jetzt Graf. Der Drink im Sommer vor dem Kreissaal heisst «Du darfsch nid use» und der neue Jugendklub an der Nägeligasse heisst «Präventivklage». Das Kaffee am Egelsee heisst «Warten auf Godot» (wobei ich immer noch nicht verstehe, wie Menschen in einem Kaffee Fische im See mehr stören können als die Fischer, die da fischen...). Und das Nachtleben heisst neu «Guet Nacht am Sächsi».

Von Gurbrü bis Zäziwil

Der Mann heisst aber auch nicht einfach Mann – er heisst Regierungsstatthalter. Regierungsstatthalter sind die Vertreter der Kantonsregierung auf Bezirksebene. Im Kanton Bern werden sie vom Volk gewählt. «Unser» Regierungsstatthalter heisst seit 2010 Lerch. In den letzten sieben Jahren hat er vielen Dinge neue Namen gegeben – oder geben wollen. Er ist zuständig für das Amt Bern Mittelland – sein Einflussbereich reicht von Riggisberg bis Fraubrunnen, von Gurbrü bis Zäziwil und von Nofelen bis Bäriswil. Und mitten drin die Stadt Bern!

Ein Wahlspruch der Partei des Statthalters heisst «Für viele statt für wenige». Lerch hat ihn unbenannt in «Für wenige statt für viele». Ob in der Altstadt oder auf dem «Spitz»: Wenige Kläger verderben vielen Leuten das Fest, das Spiel.

Am 21. Mai sind Wahlen – Regierungstatthalterwahlen. In allen Gemeinden des Verwaltungskreises Bern Mittelland (alle Gemeinden unter https://tinyurl.com/Statthalter). Die Wahlen finden statt, weil die Stadt wieder eine Stadt sein möchte, wieder so genannt und behandelt werden möchte – noch bevor die Bundesstadt in «Ballenbern» umbenannt wird.

«Sälü Claude»

Als Stadtberner, als Nachtlebender, als Café am See trinkender, als lauter Fan des FC Breitenrain, als Kindergeschrei-Mögender, als Bier vor dem Wartsaal Trinkender, urbaner Fan von mediterranen Nächten arbeite ich auch an einer Neubenennung: Nach dem 21.5. möchte ich dem Lerch Grosjean sagen. Den Christoph mit «Sälü Claude» begrüssen. Ich möchte der Stadt wieder Stadt sagen können und wieder wie in der Stadt leben, feiern, essen, trinken, geniessen.

Ein Statthalter ist ein Statthalter. Aber ein Grosjean kein Lerch. Ich wähle Claude Grosjean, den neuen Statthalter.