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Das Morellhaus mit vielen Nutzungen

Aus den Quartieren

Zwischennutzungen allenthalben! Das Morellhaus ganz unten in der Postgasse, das im Besitz der Stadt ist, macht da keine Ausnahme.

  • v.l.n.r.: Fabienne Gerber ist stellvertretende Heimleiterin; Peter Geissbühler leitet den gesamten Betrieb im Wohnheim Haus Felsenau seit 20 Jahren; Andrea Zanetti steht dem internen Sozialdienst vor. (Foto: Zahai Bürgi)
  • Aus wenigen Räumen mit Pressholzplatten mehr Räume schaffen. Zwischennutzungen können aus vielen Gründen oft nicht auf Ästhetik Rücksicht nehmen. (Foto: Zahai Bürgi)
  • Das Morellhaus in der Postgasse 14 mit seinem Ostanbau. (Foto: Zahai Bürgi)

Im Morellhaus einquartiert ist derzeit eine Aussenwohngruppe vom Haus Felsenau. Die Institution bietet Männern und Frauen in schwierigen Lebenssituationen ein Zuhause mit gesamtheitlicher Betreuung, Beratung und einer Tagesstruktur an.

Die neuen Zwischennutzer

«Grundsätzlich sind alle Bewohnerinnen und Bewohner freiwillig im Haus Felsenau – und jetzt auch hier an der Postgasse 14. Sie haben einen eigenen Schlüssel, mit welchem sie das Haus jederzeit nach Wunsch betreten oder verlassen können», erklärt mir Fabienne Gerber. Die 14 (von insgesamt 32) Männer, die seit August im Morellhaus einquartiert sind, leben normalerweise in einem Übergangswohnheim am Spinnereiweg 28 in der Felsenau. Dort sind auch ihre Arbeitsstätten und dorthin gehen sie auch weiterhin – nun von der Altstadt aus – jeden Tag zur Arbeit und nehmen dort auch gemeinsam ihr Mittagessen ein. Doch weil im Haus Felsenau jetzt die Gebäude mit ihren Wohnräumen umgebaut werden, haben die Männer im Morellhaus vorübergehend ein Zuhause gefunden.

Im Morellhaus werden wir Besucher am Tag der offenen Tür von Peter Geissbühler, Andrea Zanetti und Fabienne Gerber, drei leitenden Personen des Trägervereins, mit freundlichen Worten und einer feinen Kürbissuppe empfangen. Fabienne Gerber ist es auch, die mich jetzt durch das Haus führt, das so provisorisch wie gründlich den Bedürfnissen der neuen Bewohner angepasst worden ist. Ich suche vergeblich die Louis XIV-Barock-Elemente im Innern des Gebäudes, die Paul Hofer 1959 in «Die Kunstdenkmäler der Schweiz, Band 40, Bern II. Die Stadt Bern. Gesellschaftshäuser und Wohnbauten» in seiner blumigen Sprache beschrieben hat. Gut möglich, dass sie noch da sind. Doch weil die Räume durch massive Pressholzwände in die benötigten 14 Einzelzimmer unterteilt worden sind, präsentieren diese sich nicht gerade sehr «sonnenköniglich», erfüllen aber durchaus ihren derzeitigen Zweck. Die Küchen und Bäder stammen offensichtlich aus der ebenfalls schon eine ganze Weile zurückliegenden Zeit der letzten Nutzung der Stockwerke als Wohnungen. Und vergegenwärtigt man sich die Lage des Hauses direkt in der verkehrsbefahrenen Kurve und im Zusammenschluss von Nydeggstalden, Gerechtigkeits-, Postgasse und Schütti, dann reicht hier wahrscheinlich ein gutes Gewissen allein nicht aus für einen «tüüfä, gsundä Schlaf»...

Betreutes Wohnen

Ich möchte noch etwas mehr über die Institution selbst und die Art des betreuten Wohnens erfahren, und Fabienne Gerber erklärt mir, dass vor 90 Jahren der Schutzaufsichtsverein gegründet wurde. Heute heisst der Verein «Bernischer Verein für Gefangenen- und Entlassenenfürsorge BeVGe». Er hat rund 350 Mitglieder und das Ziel, zusammen mit den Bewohnerinnen und Bewohnern eine Verbesserung ihrer meist schwierigen Lebenssituation und der gesellschaftlichen Integration zu erreichen und die eigenständigen Lebensgestaltungs- und Handlungskompetenzen zu fördern. «Wir sind insgesamt 19 Angestellte und bieten ein Zuhause mit geregelter Tagesstruktur, mit medizinischer Versorgung und psychosozialer Betreuung, Arbeit- und Freizeitangeboten an. Wir führen fünf Arbeitsprogramme in den Bereichen Wäscherei/Näherei, Hausdienst, Schreinerei, Keramikwerkstatt und Küche. Etwa 10 Prozent der Bewohnerinnen und Bewohner arbeiten extern. Die Betreuung ist rund um die Uhr sichergestellt», berichtet Fabienne Gerber weiter, währenddessen wir ins Parterre hinunter steigen für eine kurze Zeitreise durch die Postgasse 14.

Das Morellhaus und seine Geschichte

Nicht von ungefähr macht dieses untere Eckhaus auf der Sonnseite der Gasse einen markanten Eindruck. Im Gegensatz zu den zahlreichen vornehmen Wohnhäusern in der Junkerngasse blieb dieses Patrizierhaus an der viel unbeliebteren Wohnlage das einzige seiner Art. Die Zahl 1724, gefunden auf einer Fliese im Keller des Hauses, bezeichnet das Jahr, in welchem hier zwei alte Fachwerkhäuser, wie sie in der Postgasse damals üblich waren, zu einem dreigeschossigen Präsentationsbau zusammengeschlossen wurden. Die Besitzerfamilie Morell, Bernburger seit 1662, besass übrigens seit 1764 auch das Haus mit der Apotheke an der Kreuzgass (die heutige Rathausapotheke). Sie verkaufte es 1836, im selben Jahr, in dem sie auch ihr Wohnhaus an der Postgasse 14 der Burgergemeinde verkaufte. Das Haus wurde damals als Dienstspital und als Mueshafen benutzt, eine Speiseanstalt, wie sie von der Armendirektion seit 1806 betrieben wurde. Der gut erkennbare Ostanbau im klassizistischen Stil kam wahrscheinlich nicht vor 1870 hinzu, denn auf Fotos um 1860 sind dort noch immer die lockeren Anbauten aus früherer Zeit sichtbar.

Zahlreiche Nutzungen

Seit 1861 gehört das Haus der Stadt, und sie nutzt es für alles, was gerade benötigt wird und machbar ist. So wurde zwischen den 1960er und 80er Jahren hier der Altstadt-Kindergarten betrieben. Auch zwei soziale Institutionen, die Fachstelle für Erwachsenenbildung und die Stelle für Ausbildung und Organisationsberatung (AOB), waren eine Zeitlang hier einquartiert. Als 2002 alle operativen Aufgaben von der Stadtkanzlei auf das neue Ratssekretariat übergingen, zog dieses als vorläufig letzter Nutzer ins Morellhaus. So wurden die einstigen Wohnungen in den Stockwerken zur neuen Stabsstelle des Stadtrates umgebaut und mit einem universellen Verkabelungssystem für Starkstrom, Telefon und EDV modernen Zeiten angepasst.

Im Jahr 2015 besann sich die Verwaltung jedoch auf die Nutzungsregelung der Unteren Altstadt, die für alle Gebäude ab dem zweiten Stockwerk Wohnraum vorschreibt. Innerhalb kürzester Zeit wurden daraufhin verschiedene Wohn-Ideen für das Morellhaus publik und diskutiert: Die bürgerlichen Parteien plädierten für eher teure Businessappartements, die sozialen Parteien und die Leiste sähen lieber eine sanfte Renovation für günstigen Wohnraum vor. Bis man sich nun zusammengerauft, alle Seiten abgewogen und geeinigt hat, wird die Zwischenzeit genutzt – und damit sind wir wieder am Ende unserer Zeitreise durch das Gebäude angelangt...

Noch bis Ende 2017 dauert die Zwischennutzung im Morellhaus. Im Hintergrund dazu läuft die Projektplanung der Stadt für seinen Umbau in Wohnraum. Ob dieser eher luxuriös oder günstig ausfallen wird, steht noch in den Sternen. Die Wünsche des Leists dazu sind bekannt...

Aus: BrunneZytig 4/16