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Uni Bern: Verdichtung nach innen

Aus den Quartieren

Die Expansion der Universität in der Länggasse wird von der Quartierbevölkerung mitunter argwöhnisch verfolgt, denn die Hochschule konkurriert mit den Bewohnerinnen und Bewohnern um den begehrten Wohn-, Arbeits- und Lebensraum.

Der Standort Muesmatt im Modell. (Foto: E. Matter)

Kanton und Universität sind deshalb darauf bedacht, über ihre Ausbaupläne auf dem Muesmatt-Areal sorgfältig zu informieren. Bereits am 1. November letzten Jahres hat Baudirektorin des Kantons, Barbara Egger-Jenzer, zusammen mit Vertreterinnen und Vertretern der Uni die Pläne auf dem Muesmatt-Areal vorgestellt – ein Ausbauschritt, der frühestens in zehn bis elf Jahren zur Eröffnung eines ersten neuen Gebäudes führen wird. Es geht vor allem darum, den rund vierzigjährigen Bau des chemischen Instituts an der Freiestrasse zu ersetzen, denn dieser ist stark sanierungsbedürftig: Er entspricht sowohl aus energietechnischen Gründen wie in Bezug auf die Sicherheit nicht mehr dem aktuellen Stand.

Magnetwirkung

Der Baudirektorin geht es aber um mehr als den reinen Ersatzneubau. Sie gerät regelrecht ins Schwärmen über die Chancen am Standort Muesmatt. Ihrer Ansicht nach bietet sich nämlich die Gelegenheit, mit einem qualitativ hochstehenden und ästhetischen Bau die Attraktivität der naturwissenschaftlichen Fakultät der Uni Bern insgesamt zu stärken. Ihr geht es darum, die Studierenden für die sogenannten «Mint»-Fächer (Mathematik, Informatik, Natuwissenschaften und Technik) zu begeistern, denn hier fehlten gerade im Kanton Bern die Fachkräfte. Der Standort Bern würde profitieren, wenn die Magnetwirkung der Uni Bern gestärkt werde, denn diese «top qualifizierten Leute» würden zum Arbeiten oft an ihrem Studienort bleiben.

Stadt-Universität

Egger-Jenzer machte zudem klar, dass die Universität auch in Zukunft viel Platz im Quartier beanspruchen wird: Der Kanton bekenne sich zu einer Stadt-Universität, erklärte sie unmissverständlich. Man wolle keinen «elitären» Campus auf einer grünen Wiese, sondern die Studierenden sollten dieselben Beizen besuchen wie der Sanitär-Installateur aus dem Quartier. Auf eine Frage aus dem Publikum, ob denn dieser Sanitär-Installateur nicht wegen der hohen Mieten bald aus der Länggasse wegziehen müsse, gab sie allerdings unumwunden zu: «Ja, der Druck wird steigen», das sei jedoch nicht nur in der Länggasse der Fall.

Zwei Baufelder

Konkrete Bauprojekte liegen allerdings noch keine vor, denn der Architekturwettbewerb wird erst in diesem Jahr durchgeführt. Nur die Eckwerte für die neue Überbauung sind festgelegt, erklärte Angelo Cioppi vom Amt für Grundstücke und Gebäude des Kantons Bern. Geplant sind zwei Baufelder; eines entlang der Freiestrasse, wo Gebäude von 25 Metern Höhe erlaubt sein sollen – also so hoch wie das heutige Chemie-Gebäude. Dahinter ein weiteres Baufeld an der Gertrud-Woker-Strasse, auf dem sogar bis zu 40 Meter hoch gebaut werden dürfte.

Um mit dieser respektablen Gebäudehöhe nicht für allzu grossen Unmut in der Bevölkerung zu sorgen, werden auch Anliegen aus dem Quartier aufgenommen: Der Pausenhof des Muesmatt-Schulhauses, der Spielplatz und der Standort der Volksschule bleiben erhalten, versprachen Kanton und Universität. Auch die Sternwarte werde nicht angetastet – ein Entscheid, der in seiner symbolischen Bedeutung vielleicht nicht unterschätzt werden darf. Weiter wird Wert auf ein Netz von öffentlichen Wegen gelegt, damit das Gelände für Fussgänger durchlässig bleibt. Auch über die bessere Erschliessung mit dem öffentlichen Verkehr wird nachgedacht, wie Egger-Jenzer sagte, indem die überlasteten 12er-Busse ergänzt oder gar durch Trams ersetzt werden. Nur darüber, wie teuer dieser Ausbau zu stehen kommt, darüber wagen die Projektverantwortlichen zum heutigen Zeitpunkt noch keine Aussagen.

(Quelle: Länggassblatt Dez. 2016)

Die Universitäts-Verdichtung aus Sicht der Quartierkommission

Ein Balanceakt

Die Universitäts-Verdichtung war Diskussionsthema  in der Quartier-Kommission. Allen ist bewusst, dass die Pläne der Uni eine ziemliche Verdichtung des Standortes darstellen. Gleichzeitig bedeutet der Entscheid für die Stadt-Universität aber auch, dass die Universitätsgebäude in der Länggasse bleiben werden. Das ist insbesondere eine Folge davon, dass das Viererfeld jetzt für den Wohnungsbau - und nicht wie einst geplant - für die Universität zur Verfügung stehen wird. Deshalb erachtet es die Quartier-Kommission für sinnvoll, wenn die Universität primär auf ihren Standorten dicht baut. Es wird einerseits eine Herausforderung sein, dass die Gebäude in ihrer Dichte mit der Umgebung in Einklang stehen - andererseits muss die Entwicklung der Universität gewährleistet werden. Dies ist ein Balanceakt.

In Bezug auf die konkrete Areal-Verdichtung „Uni Mitte" haben zwei Workshops mit dem Quartier stattgefunden - hier wurde die breite Nutzung und die Durchlässigkeit des Areals betont. Kanton und Universität haben diese Anliegen aufgenommen und werden sie ins Wettbewerbsprogramm einfliessen lassen. Damit stützen sich die Verantwortlichen auf Bewährtes. Bereits beim Innenhof der Universität Tobler hat sich gezeigt, dass die Verwaltung der Universität Bern aufs Quartier zugeht und die universitären Räume auch als öffentliche Räume des Quartiers konzipiert und bewirtschaftet.

Die Universität bringt Leben ins Quartier. Das wird überwiegend geschätzt. Eine offene Frage stellt sich aber, wie an der Informationsveranstaltung zur Entwicklung Uni-Mitte bemerkt, bezüglich der Zunahme der Studierenden und der Folgen für die Wohnsituation in der Länggasse. Derzeit sprechen wir von rund 17,000 Studierenden, wovon gemäss einer Untersuchung der Studentenschaft der Universität Bern SUB 39%  im Stadtteil II wohnen. Einst war man seitens des Kantons  für das Jahr 2020 von 13'000 bis 15,000 Studierenden ausgegangen, Prognosen, die sich zwischenzeitlich als überholt erwiesen haben – und da war der spätere Entscheid, die  pädagogischen Hochschule mit ihren 2'500 Studierenden ebenfalls in der Länggasse auf dem von Roll Areal zu zentralisieren, noch gar nicht erwogen worden.

Ein Lösungsvorschlag

Die Konzentration der beiden Hochschulstandorte hat Auswirkungen für den Wohnungsmarkt in der Länggasse, wo nicht nur die Studierenden sondern ebenfalls die Mitarbeitenden Wohnungen suchen. Mit dem Viererfeld steht in naher Zukunft ein Areal zur Verfügung, mit dem diese Herausforderung angegangen werden könnte: Zum Beispiel durch den Entscheid, ein oder mehrere Bauträger zu beauftragen, einfache und preisgünstige Wohnungen für Studierenden auf dem Mittelfeld und/oder dem Viererfeld anzubieten. Dazu bedarf es aber des politischen Willens von Stadt und Kanton.

Insbesondere auch der Kanton muss anerkennen, dass die öffentliche Hand mit ihren Standortsentscheiden massgeblich zur Quartierentwicklung beiträgt. Der Kanton hat sich immer auf die Position gestellt, es sei nicht seine Aufgabe, studentisches Wohnen in einer Stadt-Universität zu ermöglichen. Aber es ist offensichtlich, dass die Hochschulstandorte (neben anderen Faktoren) die Rendite auf dem Wohnungsmarkt in der Länggasse in die Höhe treiben. Das Schaffen von studentischem Wohnraum in Uni-Nähe, wie es z.B. die ETH auf ihrem Campus tut, oder die Stadt Zürich mit ihren Stiftungen für studentisches Wohnen betreibt, würden Stadt und Kanton gut anstehen und wären erst noch der Erstbelebung des Neubaugebiets zuträglich.

Daniel Blumer, Geschäftsführer Quartierkommission Stadtteil 2