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Der Schiffsarzt der Rainbow Warrior (1)

Am 10. Juli 1985 sprengte der französische Geheimdienst in Neuseeland ein Greenpeace-Schiff in die Luft. Über den Jahreswechsel trafen sich die Überlebenden der damaligen Crew. Mit dabei: der Berner Arzt Andy Biedermann.

  • Andy Biedermann im Gemeinschaftsraum des Awaawaroa Bay EcoVillages. Hier hat sich die Crew der Rainbow Warrior am 3. Januar 2017 getroffen. (Foto: zvg)
  • Die Rainbow Warrior unter Segel nach ihrem Umbau im Trockendock von Jacksonville, Florida, Anfang März 1985. (© Greenpeace / C. Dees)
  • Die Crew der Rainbow Warrior am 9. Mai 1985, Andy Biedermann sitzt links oben. (© Greenpeace / Fernando Pereira)

Der Arzt Andreas Biedermann ist Gründer und Co-Inhaber der Firma Public Health Services an der Sulgeneckstrasse 35 in Bern. Obschon er als Arzt nicht praktiziert, ist er als solcher bereits in die Zeitgeschichte eingegangen: Er war der Schiffsarzt auf dem Greenpeace-Schiff Rainbow Worrior, das am 10. Juli 1985 im Hafen von Auckland in Neuseeland vom französischen Geheimdienst gesprengt und versenkt wurde, bevor es zur Protestfahrt gegen französischen Atomversuche im Mururoa-Atoll auslaufen konnte.

Über den Jahreswechsel war Biedermann nun wieder in Auckland, weil Crewmitglieder zu einem Treffen eingeladen hatten. Im Sitzungsraum seiner auf Gesundheitsförderungs- und Präventionsprojekte spezialisierten Firma erzählt er von diesem Treffen; davon, wie er bei Greenpeace Schiffsarzt wurde; davon, was an jenem 10. Juli 1985 passiert und wie es für ihn danach weitergegangen ist.

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«Vor dem 10. Juli 2015 gab es die Idee, dass sich die Crew zum dreissigsten Jahrestag der Versenkung der Rainbow Warrior wieder treffen sollte. Weil Greenpeace International auf dieses Datum hin plante, öffentlich an die Geschichte zu erinnern, diskutierte man darüber, ob ein Treffen der Crew mit einem politischen Statement verbunden werden sollte. Diese Idee wurde zwar verworfen, aber die andere des Treffens wurde weiterverfolgt – auch im Wissen darum, dass wir alle älter werden und einige von uns gesundheitlich angeschlagen sind: Wir hatten Lust, wieder einmal oder noch einmal für einander Zeit zu haben. Das Treffen sollte über den Jahreswechsel 2016/17 in Auckland stattfinden, ohne Öffentlichkeitsarbeit und politisches Statement, quasi als private Zusammenkunft der Rainbow Warrior-Veteranen und -Veteraninnen.

Die Crew umfasst rund ein Dutzend Leute. Der Fotograf kam beim Anschlag ums Leben; der Funker, ein US-Amerikaner, mochte nicht anreisen. Die anderen waren da – auch jener Aktivist von Greenpeace International, der damals zwar nicht ständig auf dem Schiff war, aber die Aktion inhaltlich gesteuert hat.

Getroffen haben wir uns im Awaawaroa Bay EcoVillage auf der Auckland vorgelagerten Insel Waiheke. Dieses Dorf wurde unter anderem von drei Crew-Mitgliedern der Rainbow Warrior gegründet, ein viertes Mitglied lebt auf jener Insel, ohne im Dorf mitzumachen, und ein fünftes lebt auf der Hauptinsel von Neuseeland. Darum war klar, wo wir uns treffen wollten. Die Leute im Dorf nahmen uns in ihren Wohnhäusern auf, das Gemeinschaftshaus durften wir für das Treffen nutzen.

Unser erster Abend am 3. Januar 2017 war ausschliesslich für die Crew reserviert. Reihum erzählten wir uns, was nach unserer Trennung im Herbst 1985 aus uns geworden ist. Die damalige Köchin zum Beispiel – auch sie aus der Schweiz – lebt heute mit ihrem Mann, den sie später auf einem anderen Greenpeace-Schiff kennengelernt hat, in England – er arbeitet als Poststellenleiter, sie hat einen kleinen Laden. Eine der damaligen Matrosinnen ist heute Co-Chefin von Greenpeace International; eine andere in Irland für die Grüne Partei Senatorin, was in der Schweiz ungefähr einer Ständerätin entsprechen würde. Ein Crewmitglied ist unterdessen schwer an Krebs erkrankt. Der damalige Kapitän, Peter Willcox, ist bis heute für Greenpeace aktiv. 2013 steuerte er jenes Schiff, das von den russischen Behörden geentert wurde, als es gegen Gazprom-Ölbohrungen in der Arktis protestieren wollte. Und was mich betrifft: Ich war zwar der Schiffarzt für alle Fälle, arbeitete aber als einer, der von Schifffahrt nicht viel verstand, meist auf unterster Hierarchiestufe als Matrose.

Es war ein spannender und zum Teil sehr berührender Abend, und wir haben uns versprochen, mit dem nächsten Treffen nicht noch einmal dreissig Jahre zuzuwarten. Andererseits ist uns natürlich auch klar, wie ökologisch fragwürdig es ist, wenn wir für ein solches Treffen aus Deutschland, Holland, Irland, England, aus den USA und aus der Schweiz nach Neuseeland fliegen.

An einem nächsten Abend gab es dann ein grosses Fest, für das neben den Leuten aus dem Dorf auch alle möglichen Akteure von damals eingeladen wurden. Schliesslich unternahmen wir gemeinsam einen Turn auf einem Segelschiff, das eines der damaligen Crewmitglieder selber gebaut hat.»

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«Wie ich auf die Rainbow Warrior gekommen bin? – Ich habe in Lausanne und Basel Medizin studiert und das Studium Anfang 1983 abgeschlossen. Kurz zuvor machte ich mit meiner Familie eine Reise nach Amsterdam. Weil ich gelesen hatte, dass es dort eine Organisation namens ‘Greenpeace’ gebe, die interessante Sachen mache, suchte ich das Büro der Organisation auf und fragte, ob sie einen wie mich brauchen könnten. Für alle Fälle hinterlegte ich meine Adresse.

Im Frühling 1983 erholte ich mich mit einer Gruppe von Mitstudenten und -studentinnen in Wengen von den Abschlussprüfungen, als eines Abends der benachbarte Bauer vorbeikam und fragte, ob von uns jemand Biedermann heisse. Als ich bejahte, sagte er, ich solle eine Nummer in Amsterdam anrufen, die er notiert hatte. Es war Greenpeace: Für eine Aktion suche man dringend einen Arzt, ich solle innert drei Tagen mit medizinischem Material ausgerüstet in Amsterdam sein. Weil mein Vater Arzt war, konnte ich mir das Material rechtzeitig beschaffen. So fuhr ich hin.

Die ersten Aktionen, die ich danach mitmachte, unternahmen wir mit dem Schiff «Sirius»: Wir waren in Norwegen; wir protestierten in der irischen See vor Sellafield, wo man auch schweizerischen Atommüll aufbereitete; wir machten Aktionen in der Baie de Seine in der Normandie, wo chemische Abfälle versenkt wurden. So lernte ich Greenpeace kennen und sie mich. Jede Aktion dauerte etwa einen Monat, und meistens ging ich mit, wenn ich gefragt wurde. Zum Geldverdienen machte ich dazwischen Stellvertretungen als Arzt.

Ende 1983 bekam ich in Amsterdam mit, dass sich in Zürich eine Gruppe von Leuten zusammentat, um Greenpeace Schweiz aufzubauen. Von nun an arbeitete ich dort mit, wenn ich nicht einen Einsatz hatte. Ende 1984 kam die Anfrage, ob ich eine geplante Greenpeace-Schiffsreise im Pazifik mitmachen wolle. Der Pazifik war für uns damals zum Beispiel interessant, weil dort die Franzosen zuerst atmosphärische und später unterirdische Atombombentests machten. Die Amerikaner hatten solche Tests bereits früher gemacht, und es gab Meldungen von verstrahlten Atollen und betroffenen Menschen. Dazu kam das Atommüllproblem: So wie man in Europa Atommüll im Atlantik versenkte, versenkte man vor Japan Atommüll im Pazifik.

So flog ich nach Florida. Dort wurde die «Rainbow Warrior» – ein schottischer Trawler, also ein Fischerboot – in einem Trockendock zum Segel-Motorschiff umgebaut. Unsere erste grössere Aktion fand dann im Rongelap-Atoll auf den Marshall-Inseln westlich von Hawaii statt. Diese Inseln liegen nahe am Bikini-Atoll, in dem die Amerikaner ihre atmosphärischen Atombombentests gemacht hatten. Die Leute, die wir trafen, beschrieben den radioaktiven, ascheartigen Fallout der Tests als Schnee, der jeweils bis zu mehreren Zentimetern hoch auf der ganzen Insel gelegen habe. Sie klagten über gesundheitliche Probleme, und die Frauen hatten seither vermehrt Fehlgeburten und gebaren Kinder mit Missbildungen. Darum wollten sie weg.

Wir haben diese rund zweihundert Leute mit unserem Schiff in mehreren Fahrten samt Hab und Gut und Tieren in das Kwajalein-Atoll evakuiert. Eindrücklich für mich war: Im Rongelap-Atoll lebten die Leute in einer paradiesischen Welt mit funktionierender Community, die neue Insel war zwar nicht radioaktiv verseucht, aber auch nicht vergleichbar mit der alten. Von nun an lebten diese Leute relativ nahe an einer US-amerikanischen Teststation für Interkontinentalraketen und von Majuro, der einzigen Stadt der Marshall-Inseln, die ziemlich slum-ähnlich aussah. Ich stand dieser Aktion darum mit einer gewissen Ambivalenz gegenüber. Aber die Leute wünschten sich die Evakuation aus verständlichen Gründen.

Danach besuchten wir verschiedene weitere Inseln, um mit deren Regierungsverantwortlichen zu sprechen. Es ging darum, sie zu ermuntern, in den internationalen Gremien ihr Stimmrecht aktiver wahrzunehmen. Wir leisteten dort Motivations- und zum Teil konkrete Unterstützungsarbeit.

Danach steuerten wir Neuseeland an. Wir wollten uns dort auf den Trip zum französischen Atomwaffentestgelände im Mururoa-Atoll vorbereiten. Zwar hatte es gegen diese Atomversuche schon zuvor verschiedentlich Protestaktionen gegeben. Aber nie eine mit einem derart grossen und gut ausgerüsteten Schiff. Wir hatten die Hoffnung, die Weltöffentlichkeit ein Stück weit alarmieren zu können. Entsprechend kündigte Greenpeace den Trip öffentlich an.

So legten wir im Hafen von Auckland am Marsden Wharf Quay an. Während wir am Abend des 10. Juli 1985 in der Messe des Schiffs den Geburtstag eines Crewmitglieds feierten, befestigten Taucher des französischen Geheimdiensts zwei Haftminen an der Bordwand der Rainbow Warrior, die eine auf der Höhe des Maschinenraums, die zweite hinten am Heck. Gegen Mitternacht ging ich in meine Kajüte, um noch ein bisschen zu lesen. Dann gab es diesen fürchterlichen Knall.»

Der Schiffsarzt der Rainbow Warrior (2): Lesen Sie hier weiter.