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Mehr Toleranz für den Biber

Aus den Quartieren

Der Biber ist in Bern zurück. Als Lebensort suchte er sich in den letzten Jahren das Marzili und noch sechs weitere Orte aus.

Abgeraspelte Bäume gehören zu den kleinen Sünden des Bibers. Foto: Beat Schwaller

Der Nager, der vor 200 Jahren als ausgerottet galt, ist heute wieder weit verbreitet. Die hohe Akzeptanz der städtischen Bevölkerung dem Biber gegenüber vermischt sich seither zunehmend mit Stimmen, die eine regelrechte Biber-Plage beklagen und den unberechenbaren Baumeister zurück ins Pfefferland wünschen.

Nahrungssuche in der kalten Jahreszeit

Biber ernähren sich streng vegetarisch. Im Sommer ist Nahrung im Überfluss vorhanden, denn Biber können praktisch alles fressen, was irgendwie krautig oder verholzt ist und in Ufernähe vorkommt. Im Winter ist die Herausforderung bei der Nahrungssuche deutlich grösser. In der kalten Jahreszeit machen sich die Biber deshalb hauptsächlich über die Rinde und die Knospen von Bäumen und Sträuchern her. Wie aber kommt ein kletteruntaugliches Wesen an die Rinde eines Baumes heran? Die Antwort: Der Biber ist mit vier aussergewöhnlich kräftigen, gehärteten und nachwachsenden Zähnen ausgerüstet. Um die begehrte Rinde zu erreichen, werden die Bäume kurz entschlossen gefällt. Die Überreste solcher Fällaktionen rund ums Marzili sind nicht zu übersehen.

Unverhofft kreativ

Bei uns wurden Biber bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts gejagt und regelrecht vernichtet. Bei der Ausrottung spielte unter anderem die katholische Kirche eine nicht unerhebliche Rolle, da das Fleisch des Bibers als Fastenspeise akzeptiert wurde und nicht verboten war. In den 1960er Jahren liefen erste Wiederansiedlungsprojekte an, und der Biber zeigt seither eine unerwartet grosse Anpassungsfähigkeit. In der Schweiz finden sich geeignete Lebensräume in der Regel nur bis zu einer Höhe von rund 700 m ü.M, da das Gefälle der Gewässer in höheren Lagen zu stark wird. Der Biber braucht zudem Uferverhältnisse, die es ihm erlauben seine Erdbauten zu graben. Sind diese beiden Faktoren erfüllt, erobert der Biber erstaunlicherweise auch naturfremde Gewässer. Der Grund dafür liegt in der fantastischen Fähigkeit des Nagers, die Umgebung so zu gestalten, dass sie seinen ökologischen Ansprüchen besser entspricht. Durch den Bau von Dämmen hebt der Biber den Wasserspiegel an, um besser schwimmen zu können. Im Gewässer wird dadurch eine Dynamik ausgelöst, welche neue Strukturen schafft und von denen verschiedene Tier- und Pflanzenarten profitieren.

Just en Biber!

Abgeraspelte Bäume am Ufer sind keine Augenweide und mögen bei der baumliebenden Bevölkerung mit romantisch geprägtem Natursinn auf Unverständnis und Ablehnung stossen. Schlimmer sind Grabungen am Ufer, wenn deshalb Strassen und Wege unterspült werden und Einsturzgefahr besteht. Zudem können Biberdämme Rückstauungen in Drainagen verursachen, welche zu Überflutungen von landwirtschaftlichen Kulturen führen. Im Wald entstehen durch die Fäll-Lust der putzigen Nager unbeabsichtigte Lichtungen. Schliesslich sterben durch das Stauen von Kleingewässern nässeempfindliche Bäume ab.

Konflikte vorprogrammiert

Die Aktivitäten des Bibers sind nur bedingt steuer- oder kontrollierbar. Viele Gewässer des Mittellandes bewegen sich in engen Korsetten, und die Infrastrukturbauten reichen oft bis nah oder sehr nah an die Gewässer heran. Die Interessenkonflikte mit dem Biber sind deswegen bei etwa der Hälfte aller Gewässer vorprogrammiert, solange diese nicht mehr Platz erhalten. Die weitere Ausbreitung des Bibers ist also weniger von den Gewässern in Siedlungsräumen abhängig, als vielmehr davon, wie viel Lebensraum wir Menschen bereit sind, dem Biber zu überlassen.

Autorin: Brigitte Holzer, schreibt für die BrunneZytig.

Der Artikel stammt aus der BrunneZytig 2/2016.