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KOLUMNE /

Manuel C. Widmer

05.08.2016 | 07:00

Nach ein paar Jahren Asterix-Lektüre weiss unser Kolumnist, wie man einem Präfekten die Leviten liest.

Der ganz grosse Lärm auf dem Spitz. Foto: UF

Ganz Europa, ja fast die ganze Welt, freute sich während der Fussball-EM nicht nur über die spielerischen Qualitäten der «Wikinger» – das «Hu!» der Isländer fand den Weg in viele Stadien. Ganz Europa? Nein, ein kleine Wohnung neben dem Rasen des FC Breitenrain wehrt sich nicht nur gegen ein «Hu!» – sondern gegen alle Emissionen, die der Fussball verursachen kann.

Seit 1910 werden auf dem Spitalacker, besser bekannt als «Spitz», Fussballspiele, auch YB- und Länderspiele übrigens, ausgetragen. Der FC Breitenrain, der ursprünglich aus dem FC Victoria/FC Zähringia und dem FC Minerva entstand, hat sich inzwischen in die 1. Liga Promotion hochgespielt. Eine grosse Sache für einen Quartierverein. Dafür ein lautes, freudiges (und im FC Breitenrain seit Jahren schon traditionelles) «Hu!»

Weil sich nun aber Fussballfans erdreisten, ihre Mannschaft anzufeuern und deren Tore zu feiern, sieht sich ein ehemaliger Bauinspektor, nennen wir ihn «den Grafen vom Breitenrain», genötigt, diesem zügellosen Getue bei jährlich ca. 15 Heimspielen einen Riegel zu schieben. Für ihn klingen die «Hus» und Gesänge der Fans wohl wie eine schlechte Weise von Troubadix. Also holt sich der Graf die Hilfe des Statthalters von Brenodurum.

Dieser ist bekannt dafür, dass er den Graben zwischen Land und Stadt zuzuschütten versucht, indem er aus der Stadt ein Ballenbern ländlichen Zuschnitts zimmert. Seit dieser Statthalter, nennen wir ihn Lerchnix, auf den Schild gehoben wurde, werden Tavernen mit Tradition geschlossen, weil Frau Müller als einzige nicht schlafen kann. Wacker arbeitet er an einer Schlafstadt Ballenbern – und vergisst dabei offensichtlich und immer wieder, was für ein festfreudiges Völklein in seiner Civitas lebt.

Andere Städte können anders: Dunum zum Beispiel erlaubt versuchsweise die Aussenbestuhlung von Tavernen bis 2.00 Uhr in der Früh. Ohne ordentliches Bauverfahren – einfach, indem alle Beteiligten an einen Tisch geholt wurden. Präfekt Lerchnix zu Brenodurum allerdings sieht für seine Stadt keine Möglichkeit ohne Bauverfahren. Da muss alles Buchstaben für Buchstaben abgehandelt werden, wie es auf der Steintafel steht. Wo kämen wir denn da hin, wenn jeder einfach «Hu!» machen würde, wie es ihm passt.

106 Jahre lang können sich Jugendliche also auf dem Spitz austoben, einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung nachgehen – und damit auch noch andere erfreuen. Nun ist der Fussball plötzlich Stein des Anstosses und soll nicht mehr ins Quartier passen?

Bedauerlich ist, dass das Ganze nun offiziell Provinzposse genannt werden kann, obschon es sich in der civitas maxima der confoederatio helvetica abspielt. Eine Stadt, in der sich die Gleichgewichte in den letzten Jahren massiv verschoben. Die ehemalige subura Brenodurums, die Matte, wurde in den letzten fünf Jahren vom Zentrum des Nachtlebens zum toten Quartier beruhigt. Auch in der unteren und oberen Altstadt reichten Klagen von Einzelpersonen, um einen Klub in die Knie zu zwingen. Der Zaubertrank, der den Einzelmasken solche Durchschlagskraft verleiht, heisst «individuelles Empfinden». Selbst wenn ein Lokal für viele Brenodur/innen ein wichtiger Kulturort ist, wenn dort hunderte jedes Wochenende Kultur geniessen, reicht ein persönliches Empfinden einer Person, um die Schliessung zu erzwingen. Pars pro toto.

Niemand stellt das desiderium somni der Städter/innen in Frage! Aber die Frage, ob man wirklich mitten in die Stadt neben einen Klub ziehen muss, um diesen zu bekämpfen (und gleich wieder wegzuziehen) darf und muss gestellt werden.

Gleiches wiederholt sich nun beim hospitium in agro, dem Spitz. Eine 106-jährige Tradition, ein wichtiger Teil der Quartieridentität werden in Frage gestellt, weil einer oder wenige es nicht ertragen, wenn andere Freude haben, singen, Musik machen – oder einfach nur «Hu!» rufen. Und der Präfekt macht sich wieder zum Anwalt eines Individuums, statt auch die Interessen und Traditionen der Stadt, des Quartiers mit zu berücksichtigen.
Als homo urbanus bleibt mir die Hoffnung, dass der Präfekt bald durch einen neuen Präfekten ersetzt wird, der einen Bezug zum urbanen Leben hat, der die Stadt kennt und liebt – und nicht ein castellum tranquillum aus der civitas machen möchte. Einer, der ab und zu auch ein «Hu!» zum Besten gibt, statt nur ein «Ruh!»

Hopp Breitärain – Hu!

PS.
«Die Menschen, die nach Ruhe suchen, 
die finden Ruhe nimmermehr, 
weil sie die Ruhe, die sie suchen, 
in Eile jagen vor sich her.»
Wilhelm Müller (1794 - 1827), genannt Griechen-Müller, deutscher Liederdichter (Wander-, Müller-, Griechenlieder) und Philhellene