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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Berns Rand und das Zentrum von Bümpliz

Aus den Quartieren

Werde ich nach der Herkunft gefragt, sage ich in Übersee: «Ich komme aus der Schweiz», in Europa sage ich: «Ich komme aus Bern», in der Schweiz sage ich «Ich bin aus Bümpliz». Ein Plädoyer von Peter Anliker aus Anlass des 100. Geburtstags der SP Bümpliz.

Standaktion der SP Bümpliz/Bethlehem vor dem Bienzgut, 15. November 2015. Das Einzugsgebiet der Sektion machte im 20. Jahrhundert eine stürmische Entwicklung durch, die auch die Partei immer wieder beschäftigte. (Foto: Peter Studer)

Aus Bümpliz bin ich allerdings erst seit knapp zwanzig Jahren. Mein ganzes Leben hatte ich meinen Wohnsitz in der Stadt Bern, vom östlichen Stadtrand, wo ich meine Kindheit und Jugend verbrachte, bin ich dann immer weiter westlich gezogen. In Bümpliz angekommen, (fast) am westlichen Stadtrand, fühlte ich bald: hier bin ich daheim. Und das hat seinen Grund in der sozialen Verortung: hier, in Bümpliz, habe ich die Menschen gefunden, zu denen ich gehöre. Hier gibt es eine Sektion der Sozialdemokratischen Partei, hier leben GewerkschafterInnen, hier gibt es sozialdemokratisch gefärbte Sport- und Kultur-Organisationen.

Noch. Vieles von diesem «sozialdemokratischen Kosmos» ist in Auflösung begriffen. Internationale und nationale Dachorganisationen der Arbeiter-Sport- und -Kulturorganisationen haben sich ebenso aufgelöst wie einzelne Vereine. Andere mussten fusionieren, viele haben den Namen gewechselt, den «Arbeiter-» aus der Bezeichnung verbannt. Das ist folgerichtig, denn auch die Welt hat sich gewandelt. ArbeiterInnen und Lohnabhängige haben heute nicht mehr dieselben Schwierigkeiten wie vor hundert Jahren, in Vereinen in den Vorstand gewählt zu werden, sich zu beteiligen an der Diskussion über Ausrichtung und Programm. Und viele Anliegen der früheren Arbeitervereine wurden von neuen Organisationen aufgenommen.

Berner Tagwacht

Vor hundert Jahren dagegen wurden viele Vereine, Genossenschaften und andere Organisationen geschaffen, damit die sozialdemokratischen Anliegen Gehör finden konnten. Die «Berner Tagwacht» war einerseits ein «Kampfblatt», in dem die sozialdemokratischen Gedanken und Anliegen kundgetan wurden, es funktionierte aber auch als eine Art Verbandszeitung, das die Angehörigen der Arbeiterorganisationen informierte, auch ganz praktisch zu Versammlungen aufbot und danach über diese Zusammenkünfte und die dabei gefassten Beschlüsse und Resolutionen orientierte. Deshalb wünschte der Präsident, nachdem am 18. April 1916 sieben neue Mitglieder in die SP Bümpliz aufgenommen worden waren, «dass die aufgenommenen Mitglieder tüchtige Genossen werden und sozialdemokratisch handeln lernen; um das zu erreichen, müssen alle Genossen die Berner Tagwacht abonnieren und lesen, dagegen bürgerliche Zeitungen nicht länger in einer Arbeiterfamilie dulden», wie im Protokoll nachzulesen ist. Wenn heute gegen den Einkaufstourismus in Süddeutschland protestiert wird, fand man damals den Feind viel näher. Aus einer Mitgliederversammlung von 1926 wird berichtet: «Metzgermeister Scherler wird der Versammlung als büffelhafter Arbeiterfresser vorgestellt und den Konsumenten empfohlen.»

Löwen, Sternen und Bümplizer Volkshaus

Im Zusammenhang mit den Konferenzen von Zimmerwald und Kiental wurde in den letzten Monaten festgestellt, dass Grimm die Teilnehmenden als «Ornithologen» tarnte, um einen Raum zu erhalten und um der Bespitzelung zu entgehen. Vor hundert Jahren erhielten Arbeiter-Vereine teilweise keine Räume für ihre Versammlungen. In Bümpliz gab es zwar den «Löwen» und den «Sternen» (und einige weitere Beizen), wo auch Sozialdemokraten sich treffen konnten, am Sternen wurde auch der berühmte Theatersaal angebaut, in dem die Arbeitervereine viele Feste durchführten mit Musik, Gesang, Einradvorführungen etc. Auch Theater wurde gespielt, Filme wurden gezeigt, Schriftstellerlesungen organisiert. Doch die Linken wünschten ein eigenes Bümplizer «Volkshaus»; als Lokal der Arbeiterschaft wurde das Restaurant «Höhe» gebaut. Lange Jahre war in der «Höhe» auch die Arbeiterbibliothek Bümpliz untergebracht, deren Anfänge bis ins 19. Jahrhundert zurückreichen, als es in Bümpliz Vorgängerorganisationen der Sozialdemokratischen Partei gab.

Strassenbeleuchtung und Internationale

Für die Gründung der Sozialdemokratischen Partei in der damals noch selbständigen Gemeinde Bümpliz brauchte es mehrere Anläufe. 1916 war es so weit, und seither hat sich die Parteisektion nie über mangelnde Arbeit beklagen müssen. An den Parteiversammlungen, die anfangs alle vierzehn Tage stattfanden, ging es manchmal um ganz handfeste Probleme: So beschwerte sich, wie im Protokoll vom 9.7.1921 nachzulesen ist, ein Genosse «über die Strassenbeleuchtung im Stöckacker. Es seien dort einige Strassenlampen, die schon seit Wochen nicht mehr brennen. Er verlangt, dass von der Partei für Abhilfe gesorgt werden müsse. Der Vorsitzende beauftragt den correspondierenden Sekretär, ein diesbezügliches Schreiben an die Elektricitätskommission zu richten.» Zweieinhalb Jahre hatte man über «hohe» Politik gestritten, als die SPS am 15./16. Januar 1921 eine Urabstimmung über den Beitritt zur 3. Internationale durchführte. Die Mitglieder der SP Bümpliz waren dezidiert links und stimmten mit über 70 Prozent für den Beitritt; als die SPS den Beitritt ablehnte, traten 44 «Neukommunisten» sofort aus der Partei aus. An den Parteiversammlungen sprachen praktisch alle prominenten VertreterInnen der Sozialdemokratie, wenn es um Abstimmungsvorlagen auf kommunaler, kantonaler oder eidgenössischer Ebene ging, aber auch um internationale Solidarität, etwa mit dem Roten Wien oder den Freiwilligen im Spanischen Bürgerkrieg; bis heute hat sich die Themenvielfalt bewährt: von den Sahraouis über das Bedingungslose Grundeinkommen bis zum Tram Bern West reicht die Spannweite.

Ja, die Planungsvorlagen: worüber in der «Planungsgruppe» und an den Parteiversammlungen nicht schon gesprochen wurde! Der Kampf gegen die «Resag» beim Weyerli ging vor ein paar Jahren verloren, das Weyerli selbst allerdings ist schon längst zum Bad um- und ausgebaut worden, wie die SP es immer wieder gefordert hatte, und McDonalds zog das Gesuch für ein Drive-in-Restaurant nach Widerstand unter anderem von der SP schliesslich zurück. Dies nur drei von weit über hundert Planungsfragen, mit denen sich die Bümplizer GenossInnen auseinandersetzten.

Bethlehem

Und die BethlehmerInnen? Die Bezeichnungen sind ja nicht einmal den StadtbernerInnen klar: Zur ehemaligen Gemeinde Bümpliz gehörten viele Orte und Weiler: Bümpliz, Bethlehem, Oberbottigen, Riedbach, um nur die wichtigsten zu nennen. Weitere Quartiere sind seither entstanden, und alle werden heute in der Bezeichnung «Bern-West» oder dem «technischen» «Stadtkreis VI» zusammengefasst. 1973 gründeten einige besonders progressive SP-Mitglieder die SP Bethlehem, um den Marsch durch die Organisationen etwas zu beschleunigen. Manche waren darin äusserst erfolgreich und sie wanderten in andere Quartiere oder andere linke Organisationen weiter. 1999 lösten sich die beiden Sektionen SP Bümpliz und SP Bethlehem auf und gründeten sich gleichentags unter der Bezeichnung «SP Bümpiz/Bethlehem» neu.

Jubiläumsfest am 21. Mai

Die 100 Jahre Sozialdemokratie in Bümpliz/Bethlehem von 1916 bis 2016 werden an einem Jubiläumsfest für alle Menschen aus Bümpliz, Bethlehem, der Stadt Bern und von weiter her im Bienzgut Bümpliz gefeiert am Samstag, 21. Mai 2016. Ab 15 Uhr Flohmarkt, 15.45 Präsentation des Heftes der Berner Zeitschrift für Geschichte (mit Musikeinlagen), 17 Uhr Lieder von «Linksdrall», Begrüssungen durch Sektionspräsident Szabolcs Mihalyi, Stadtpräsident Alexander Tschäppät und Gemeinderätin Ursula Wyss, anschliessend Podium zum Jubiläum. 18.15 Apéro, 19 Uhr Chinesisches Buffet mit Musik von Taxi Florida, 22 Uhr Disco.

 

(Text: Peter Anliker)

Die hundertjährige Geschichte der SP Bümpliz ist nachzulesen in der Berner Zeitschrift für Geschichte, Heft 1/1916.