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Bümpliz – zugehörig und doch anders

1919 wurde die Einwohnergemeinde Bümpliz in die Stadt Bern eingemeindet. Seither hat sich Berns Westen tiefgreifend verändert. Wie genau, beschreibt die «Berner Zeitschrift für Geschichte».

  • Tscharnergut, um 1967. Es gilt in vielerlei Hinsicht als Pionierleistung, wird aber auch als Betonwüste und Ausländerghetto wahrgenommen. (Foto: Walter Studer)
  • Zuchtstierschau auf dem Viehmarktplatz, 13. Februar 1981. Die Vergangenheit als Bauerndorf wirkt in Bümpliz-Bethlehem bis heute in vielfältiger Weise nach. Im Hintergrund links die Grossüberbauung Kleefeld. (Foto: Peter Studer)
  • Dorfbrunnen (Davidbrunnen von 1846), November 2015. Er wurde 1919 von der Spitalgasse hierher versetzt. Er ist das Geschenk der Stadt zur Eingemeindung. (Foto: Peter Studer)
  • Standaktion der SP Bümpliz/Bethlehem vor dem Bienzgut, 15. November 2015. Das Einzugsgebiet der Sektion machte im 20. Jahrhundert eine stürmische Entwicklung durch, die auch die Partei immer wieder beschäftigte (Foto: Peter Studer)

Eine Sondernummer der «Berner Zeitschrift für Geschichte» (BEZG) beschreibt die Entwicklung des Berner Stadtteils VI Bümpliz-Bethlehem in den letzten hundert Jahren. Während die Landwirtschaftsgebiete um Bottigen und Riedbach weitgehend erhalten geblieben sind, wuchsen Bümpliz und Bethlehem zur kompakt überbauten grössten Satellitenstadt der Deutschschweiz heran. Trotzdem hat sich der Stadtteil seine Eigenart und seine Verbundenheit mit der ehemaligen Gemeinde Bümpliz bewahrt.

Bauerndorf und Industrialisierung

Jahrhundertelang waren Bümpliz und Bethlehem Bauerndorf und Weiler entlang dem Stadtbach vor den Toren der Stadt Bern. Mehrere Landsitze und herrschaftliche Gutshöfe bernburgerlicher Familien sowie verstreut liegende Weiler prägten die fruchtbare Landschaft zwischen Bremgartenwald, Könizbergwald und Forst. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts geriet die 1832 entstandene Einwohnergemeinde Bümpliz in den Sog der Industrialisierung. Der Eisenbahnbau und die Entstehung von technisierten Betrieben vor allem in der Stadt Bern, die zwischen 1890 und 1914 eine wirtschaftliche Hochkonjunktur erlebte, führten zu massenhafter Zuwanderung und damit zu starkem Bevölkerungswachstum. Die in der Stadt arbeitenden Neuzuzüger suchten in der Vorortsgemeinde günstigen Wohnraum. Die Bevölkerungszahl verdoppelte sich von 1888 bis 1910 und stieg weiterhin an. Bald konnte Bümpliz die grossen Infrastrukturaufgaben des Verstädterungsprozesses (Gas- und Wasserversorgung, Abwasserkanalisation, elektrische Beleuchtung, Strassen- und Schulhausbau) nicht mehr selbständig bewältigen, da gemäss damaligem Steuergesetz die auswärts Arbeitenden nicht am Wohnort, sondern am Arbeitsort ihr Einkommen versteuerten. Auf Geheiss des Kantons und nach Annahme in den Gemeindeabstimmungen erfolgte auf den 1. Januar 1919 die Eingemeindung in die Stadt Bern.

Der Zusammenschluss

Der Zusammenschluss war für beide Seiten ebenso bereichernd wie belastend. Die Stadt übernahm eine finanzschwache Gemeinde, ohne – wie sie es dem Kanton gegenüber zur Bedingung gemacht hatte – durch besser gestellte Vororte wie Muri, Köniz und Ittigen einen Ausgleich schaffen und ihr Territorium zweckmässig «arrondieren» zu können; immerhin gewann sie eine beträchtliche Landreserve für ihr zukünftiges Wachstum sowie Natur- und Erholungsgebiet. Bümpliz war zwar die unmittelbaren finanziellen Probleme los, verlor aber seine Autonomie.

In der Folge beplanten und überbauten Stadt und Genossenschaften grossflächige ehemalige Bauerngüter. Etappenweise entstanden neben den bescheidenen Arbeiter- und Handwerkerquartieren auch bürgerliche Villenviertel für Angestellte und Gewerbetreibende. Eine einmalige Vielfalt an Siedlungstypen lässt die architektonischen Experimentierfelder des 20. Jahrhunderts auf begrenztem Raum ablesen. Die Menschen, die in die Häuser einzogen, bildeten eine zunächst sozial, später auch ethnisch immer stärker differenzierte und durchmischte Einwohnerschaft. Der Verstädterungsprozess beschränkte die Bauern auf die geschützte Landwirtschaftszone in Bottigen-Riedbach.

Zum Gegensatz zwischen Alteingesessenen und Zugezogenen kam eine politische Gegnerschaft zwischen Konservativen und Linken hinzu. Auch das Vereinswesen spaltete sich in je eine sozialistische und eine bürgerliche Variante auf.

Ausgewählte Streiflichter

Die Sondernummer der «Berner Zeitschrift für Geschichte BEZG» beleuchtet ausgewählte Aspekte der Entwicklung von Bümpliz-Bethlehem und des Verhältnisses dieses westlichen Stadtteils zur Stadt Bern in den letzten hundert Jahren.

Trennlinien

Emil Erne (Stadtarchivar von Bern 1990 bis 2011) schildert die Folgen der Eingemeindung von 1919 auf das ehemalige Bauerndorf, das sich vom Vorort zum städtischen Aussenquartier entwickelte. Die Geschichte von Bümpliz-Bethlehem verlief im 20. Jahrhundert im Spannungsfeld zwischen städtischen Eingliederungsmassnahmen und dem Bestreben, die Selbständigkeit zu erhalten. Stadt und Stadtteil sind lange nicht richtig zusammengewachsen; neben einem trennenden Grüngürtel wirkt seit 1977 der Autobahnviadukt im Weyermannshaus als augenfällige Abgrenzung. Im Innern trennte schon 1901 die Eisenbahnlinie nach Neuenburg den Ortsteil Bümpliz vom nördlich gelegenen Weiler Bethlehem ab – eine geografische Unterteilung, die Aussenstehenden häufig nicht präsent ist. Eine wachsende Vielzahl von Einrichtungen fördert die Identität dieses bevölkerungsreichsten Stadtteils der Stadt Bern.

Planung und Realität

Der Architekturhistoriker Dieter Schnell rollt die Planungsgeschichte von Bümpliz-Bethlehem auf und erklärt die Diskrepanz zwischen Planung und Realität. Seit der Eingemeindung ist der neue Stadtteil planerisch durch das Berner Stadtplanungsamt professionell betreut worden. Bümpliz darf damit als das am frühesten und wohl auch am intensivsten beplante Bauerndorf des Kantons Bern gelten. Trotzdem gewinnen Besucherinnen und Besucher an vielen Stellen den Eindruck eines zufällig entstandenen Chaos. Der Grund liegt darin, dass viele Planungen entweder gar nicht oder nicht vollumfänglich realisiert und viele Projekte auf halbem Weg durch Planänderungen entstellt oder sogar durch vollständige Neuplanungen überformt worden sind.

Arbeitergeschichte

Vor genau hundert Jahren, 1916, ging die heutige Sozialdemokratische Partei Bümpliz-Bethlehem aus verschiedenen Strömungen der Arbeiterbewegung hervor und etablierte sich als rotes Schreckgespenst neben den bäuerlichen und bürgerlichen Kräften. Peter Anliker nimmt das 100-Jahr-Jubiläum der SP zum Anlass, ausgewählte Aspekte des lokalen sozialdemokratischen Lebens zu beleuchten.

Abstimmungen

Die Bevölkerung des Stadtteils VI tickt anders. In einer Studie verknüpft der Historiker Beat Hatz die demographisch-soziale Entwicklung mit Auswertungen zum Abstimmungsverhalten des Stadtteils zwischen 1939 und 2014 und verdeutlicht Unterschiede zur Gesamtstadt und zu den übrigen Stadtteilen.

Die Geschichte in Bildern

Eine besondere Qualität erhält das Heft durch seine Bebilderung. Ganzseitige Schwarz-Weiss-Aufnahmen aus dem Archiv des bekannten Berner Fotoreporters Walter Studer (1918–1986) und eigens für dieses Heft erstellte Fotografien seines Sohnes Peter Studer dokumentieren historische Spuren in den Quartieren von Bümpliz und Bethlehem.