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KOLUMNE /

Simon Küffer

29.04.2016 | 06:30

Der deutsche Wirtschaftsethiker Karl-Heinz Brodbeck hat mit «Die Herrschaft des Geldes» schlicht das wichtigste Buch der Neuzeit geschrieben. Unser Autor versucht zu erklären, weshalb.

«Die Herrschaft des Geldes» von Karl-Heinz Brodbeck, 2012. In zweiter Auflage und überarbeitet in der «Wissenschaftlichen Buchgesellschaft» erschienen. (Foto: zvg)

Karl-Heinz Brodbeck hat das wichtigste Buch der Neuzeit geschrieben. Das hat einen simplen Grund: Wir leben in einer Welt, die von Geld regiert wird, und er hat die Frage beantwortet, was Geld ist. Dies mit einer unvergleichlichen philosophischen Gründlichkeit und Präzision. Zwischen der Wichtigkeit des Werks und seiner Wirkung klafft aber eine Lücke: zu Brodbecks Vortrag letzte Woche in Lenzburg kamen vielleicht fünfzehn Personen. Praktischerweise können die Wichtigkeit und die ausbleibende Wirkung mit denselben Gründen erklärt werden, beispielsweise hinsichtlich der...

Ökonomen

Die ersten, die ein Buch über Geld lesen sollten, wären – disziplingemäss – die Ökonomen. Natürlich tun sie das nicht, weil sie nur noch darüber nachdenken, wie und nicht warum man das Spiel spielt. Entsprechend ist der Eintrag zu Geld in einem veralteten Erotiklexion länger als in Gablers Wirtschaftslexikon. Schon gar nicht würden Ökonomen Brodbecks Buch lesen, macht er (selbst Ökonom) doch schon im Vorwort klar, dass die Ökonomie in wissenschaftlicher Hinsicht nicht der Astrologie ähnle, sondern Astrologie sei. Nach einer 400-seitigen Theorie-Einführung folgt eine 500-seitige minutiöse Kritik (und meist Demontage) jedes erdenklichen Ökonomen, von Smith über Keynes und Böhm-Bawerk bis Hayek. Eine Grundaussage ist hierbei, dass jedes ökonomische (und generell soziale) Modell eine implizite Ethik aufstelle, und die heutige Ökonomie sich durch ein «totalitäres Verständnis der menschlichen Gesellschaft» auszeichne, das unter dem Deckmantel der Geldrechnung «alljährlich einen Holocaust» veranstalte.

Linken

Natürlich findet sich auch Marx unter den kritisierten Ökonomen, allerdings mit dem respektvollen Hinweis, dass man von Aristoteles und Marx noch immer mehr über Ökonomie lerne, als von allen bürgerlichen Autoren zusammen. So geht die Kritik dann auch dahin, dass Marx nicht zu weit, sondern zu wenig weit gehe, und sich auch bei ihm noch bürgerliches und vergegenständlichendes Denken finde. Doch selbst eine Radikalisierung von Marx schmerzt einen Marxisten, und so brauchte auch ich meine Zeit (und mehrmaliges Wiederkäuen), um mich von bestimmten Vorstellungen zu verabschieden – Vorstellungen, die bisher durchaus Teil meiner philosophischen und politischen Identität waren – einer Identität, die wohl weit weniger gefestigt ist, als die vieler engagierter Linker.

Wissenschaftler

Brodbecks buddhistischer Einfluss ist wohl der zentrale Grund, warum er einerseits solch ein Werk schaffen konnte, dieses aber andererseits wenig wahrgenommen wird. Die Referenz zum Buddhismus als spirituell oder gar esoterisch zu belächeln, zeugt von plumper Ignoranz. Mit buddhistisch ist hier nämlich kein religiöser Glaube angesprochen, sondern schlicht eine Denktradition verortet – ähnlich wie wir ein Argument von Augustinus übernehmen können, ohne deshalb christkatholische Messe zu halten. Denn gerade diese Denktradition erlaubt es Brodbeck, die eigene (europäisch-globalisierte) Denkweise zu reflektieren und kritisieren, und dies mit der grösstmöglichen Stringenz und Radikalität: so führt er (was Sohn-Rethel schon im Ansatz getan hat) das abstrakt-rationale Denken einleuchtend auf das Geld zurück und entlarvt das cartesianische Subjekt – also die Voraussetzung von westlichem Denken schlechthin – als totalitäre Position, die genau durch die arrogante Universalisierung dieser Position auf einem Auge blind bleibt. Die Wissenschaft muss sich hier die Beleidigung gefallen lassen, dass ihr feingeistiges Tun erstens auf wackligen Fundamenten steht und zweitens im schmutzigen Geld fusst.

Menschen

Brodbeck definiert das Geld als Denkform, als grundlegende Form der Vergesellschaftung (ähnlich der Sprache), die seit über 2500 Jahren unsere Art zu denken, zu handeln und miteinander zu leben prägt, und die im Neoliberalismus den bisherigen Höhepunkt ihrer Herrschaft erreicht hat. Geld ist damit nicht (nur) eine Klassenfrage, sondern realisiert sich durch alle Subjekte hindurch. Das Problem ist hierbei, dass in seiner Vergesellschaftung ein (mindestens) fünffacher Gewaltakt liegt: 1. funktioniert es kategorial asymmetrisch, d.h. ungerecht (und eben nicht «neutral», wie die Ökonomen behaupten); 2. liegt ihm eine radikale Abstraktion zugrunde, die keine qualitativen Unterschiede kennt (Schönheitsprodukte sind dann einfach schlicht rentabler als Malaria-Medikamente); 3. verbindet es die Menschen, indem es sie zueinander in Konkurrenz setzt; 4. ermöglicht es die parasitäre Ausbeutung der Gesellschaft durch das Kapital (über profitorientierte Unternehmen) und 5. die wiederum parasitäre Ausbeutung der Profite durch den Zins (über die Finanzmärkte). Zu der Kränkung der Ökonomen, der Linken und der Wissenschaftler tritt also noch die Kränkung der Menschen im Allgemeinen, die ein Denken verinnerlicht haben, das ihnen in fünffacher Weise Gewalt antut. Kein Wunder liest das niemand!

Ausserdem ist es schwierig, und grossformatig, und hat 1200 Seiten. Nichtsdestotrotz empfehle ich es jedem Menschen von Herzen, egal ob Ökonom oder nicht, egal ob links oder nicht, egal ob Wissenschaftler oder nicht. Im schlimmsten Fall nimmt man sich halt eine Seite pro Abend vor – so hat man es immer noch in drei Jahren gelesen. Brodbeck setzt mit diesem Werk die obligate und unhintergehbare Marke, an der sich jede intellektuelle und politische Redlichkeit abzuarbeiten hat – das neue Kapital meinetwegen. Er selbst übt sich stets in Bescheidenheit, erinnert mehrmals daran, dass er lediglich «ein Zwerg auf den Schultern von Geistesriesen» sei. Dem mag man zustimmen – dann aber ein Zwerg mit unvergleichlichen Kletterfähigkeiten, in dessen Seilschaft man sich unbedingt einklinken sollte.