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Flüchtlinge: Integration in fünf Schritten

Um das Zusammenleben von Flüchtlingen und der Berner Bevölkerung möglichst friedlich zu gestalten, braucht es neue Ansätze. Zum Beispiel das Angebot des Konfliktbüros Bern, einer Anlaufstelle für Migranten in Konfliktsituationen.

Aufgelöst steht Fatma im Türrahmen. Der Mutter von vier Kindern wurde soeben die Wohnung gekündigt, in der die Familie seit fünf Jahren lebt. Sie kann die Umstände, die zur Kündigung führten, nicht nachvollziehen. Die Nachbarn reklamierten, dass ihre Kinder zu laut seien und im Treppenhaus spielen würden. Böswillig würden ihr die Nachbarn die frisch gewaschene Wäsche von der Leine reissen und auf den Boden schmeissen, obwohl sie gemäss Waschordnung an der Reihe sei. Die Situation erscheint der Mutter ausweglos und ungerecht. Warum konnte es soweit kommen, dass eine Familie auf die Strasse gestellt wird, ohne dass jemand versucht, gemeinsam Lösungen zu finden?

Mit solchen Fällen wird das Konfliktbüro Bern immer wieder konfrontiert. Oft sind es kulturelle Barrieren, die den Konfliktparteien im Weg stehen. Unsere Aufgabe als interkulturelle Mediatorinnen und Mediatoren ist es, zwischen den Parteien zu «übersetzen» und in gewisser Weise den kulturell geprägten Code zu «entschlüsseln», welcher die Interessen und Bedürfnisse der Migrantinnen und Migranten transportiert.

Jetzt Weichen stellen

An der quantitativen Dimension der aktuellen Zuwanderung können wir nichts ändern. Es gilt vielmehr danach zu fragen, welche «neue» Gesellschaft wir in Zukunft wollen. Wir haben jetzt die Chance, die Weichen für eine Gesellschaft zu stellen, in der alle Platz finden und in der ein friedliches und verständnisvolles Nebeneinander möglich ist. Ich bin überzeugt, dass Mediation einen Beitrag zur Integration leisten kann.

Verschliessen wir uns nicht vor den Schicksalen der vielen Flüchtlinge, die dieser Tage nach Europa gelangen. Mit zwei kleinen Kindern nahm Fatma vor sieben Jahren die Flucht in die Schweiz auf sich – ein Weg in die Unsicherheit zwar, aber sie hatte Hoffnung auf ein würdevolleres Leben. Mehr als sechs Monate war die Familie zu Fuss, per Auto und Schiff unterwegs, bis sie schliesslich in Bern ankam. In Fatmas Nachbarschaftskonflikt habe ich zuerst versucht, mit der Vermieterin ein Gespräch zu organisieren. Leider war sie nicht bereit, die Hintergründe der Streitigkeiten aufzudecken, sondern kündigte der Einfachheit halber der schwächsten Partei. Die Hausverwalterin verlängerte aber immerhin die Kündigungsfrist um sechs Monate. Ich konnte diese dann auf zwei Jahre verlängern, aber nicht aufheben, da das Wohlwollen seitens der Verwaltung fehlte.

Fünf Schritte zur Integration

Um das Aufeinandertreffen von Flüchtlingen und der Lokalbevölkerung möglichst friedlich und kreativ zu gestalten, braucht es neue Ansätze und Herangehensweisen der interkulturellen Mediation. Insbesondere muss die Integration und das Empowerment der Ankommenden gestärkt werden.

Dazu gehören:

1. die Schaffung von neuen Institutionen und Strukturen, die niederschwellige Angebote der interkulturellen Mediation anbieten wie die Gründung von Konfliktbüros in anderen Städten. Das Konfliktbüro in Bern konnte viele Erfahrungen der interkulturellen Mediation sammeln.

2. die Sensibilisierung der Asyl-Fachkräfte auf kulturelle Komponenten von Konflikten beispielsweise im Rahmen von Mediationsausbildungen. In der interkulturellen Mediation braucht es viel Fingerspitzengefühl und das Know-how, wie unterschiedliche Wertvorstellungen in die andere Kultur übersetzt werden können. Gerade in Asyl-Aufnahmezentren ist eine solche Expertise in Zukunft verstärkt gefragt.

3. die Inklusion von Diasporaorganisationen und die gezielte Befähigung von Schlüsselpersonen wie die Vertreter der Diaspora, Verantwortliche von Moscheen oder Migrationsvereine.

4. die Ausbildung von Migranten und Flüchtlingen zu Mediatorinnen und Mediatoren, damit sie die Konflikte unter sich eigenständig bearbeiten können. Dies erlaubt es ihnen, professioneller auf die interkulturellen Perspektiven ihrer Herkunftsländer einzugehen und die sprachlichen Feinheiten in unseren Kontext zu übertragen.

5. die Inklusion von Menschen, die Angst vor der verstärkten Zuwanderung haben. Dazu bieten sich Dialog und mediatives Coaching mit Gruppierungen an, die sich destruktiv gegenüber Flüchtlingen verhalten. Ihre Angst vor dem Fremden löst in diesen Menschen ein Gefühl der Unsicherheit aus. Die Organisation von echten menschlichen Begegnungen und konfliktsensitiven Dialogen kann das gegenseitige Verständnis fördern und das Fundament legen für eine Bereitschaft in der Bevölkerung, die Ankommenden als zukünftige Nachbarn zu akzeptieren.