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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Mein 2015: Naomi Jones

2015 ist das Jahr in dem ich zum Macho geworden bin. Ein weiblicher Macho? Ja. Und das kam so. Ich hatte Gelegenheit, mich beruflich zu engagieren. Voll zu engagieren. Von morgens früh bis abends spät an fünf Tagen der Woche.

Das ist nichts Besonderes wird sich manch ein Mann sagen. Und auch viele Frauen leben täglich so.

Ich allerdings hätte dies nicht tun können, wenn ich nicht meinen Partner gehabt hätte. Denn jemand musste um sechs Uhr unser Kind aus der Kita holen. Jemand musste unserem Kind ein Abendessen zubereiten, eine Gute-Nacht-Geschichte erzählen und es zu Bett bringen. Jemand musste da sein für seine Sorgen und Nöte am Ende eines langen Tages.

Ich war nicht da. Ich kam müde und zufrieden nach Hause, wenn ich mein Tagwerk vollbracht hatte. Manchmal war ich ein wenig enttäuscht, dass das Kind schon schlief. Doch meistens war ich froh, dass das Kind schon schlief. Dann setzte ich mich an den gedeckten Tisch, trank ein Glas Wein und erzählte von meinem interessanten Tag.

Ich genoss diese Zeit. Die Hausarbeit verschwand schlicht aus meinem Blick und aus meinem Bewusstsein. Schliesslich beschäftigte ich mich täglich mit wichtigeren Dingen. Aber gleichzeitig entfernte ich mich von meiner Familie. Wenn mein Kind Aufmerksamkeit brauchte, wurde mir dies zunehmend lästig. Und funktionierte der Haushalt nicht scheinbar von selbst wurde ich ungehalten.

Zum Glück war die Zeit auf ein paar Wochen begrenzt. Ich wurde rasch wieder normal, die Beziehung zu meinem Partner ist partnerschaftlich und ich habe genügend Musse, um mich mit meinem Kind zu beschäftigen. Doch das Experiment auf begrenzte Zeit war für uns alle lehrreich. Wir wissen heute beide, was wir verpassen würden, wenn wir ein klassisches Familienmodell leben müssten. Bei allen Bequemlichkeiten, die dieses bietet: Der Preis dafür – nämlich die Kinder nicht aufwachsen zu sehen ebenso wie den Beruf aufzugeben – wäre zu hoch.