Aare
°

Journal B

Sagt, was Bern bewegt
Aare
°

Mein 2015: Christoph Reichenau

Das Jahr, das heute zu Ende geht, war das Jahr der Gegenwart. Dafür sorgen die drei Enkel, bei denen selten etwas so ist, wie man es geplant hatte. Nur der Moment zählt, kein Vorgestern, kein Gestern, kein Morgen.

Sie sind zu dritt, jedes eine Persönlichkeit, zusammen eine Bande. Mit ihren 4, 7, 9 Jahren stehen sie fest im Leben, im Kindergarten, in der Schule, im Musikunterricht, beim Sport, zu Hause. Sie wissen, was sie wollen, und sie testen ihre Grenzen. Das Meiste fällt ihnen leicht, doch ab und zu wissen sie nicht weiter – und in raren Fällen hilft es, Grosspapas Hand zu halten.

Meistens muss etwas los sein, Besinnlichkeit ist nicht altersgemäss. Für Stille, Ruhe, Vertiefung braucht es besondere Momente, die kaum voraussehbar sind und rasch verfliegen. Aber die Enkel müssen wir Alten nicht erziehen, nur halten, aushalten, manchmal anhalten.

Mein 2015 war geprägt vom Hüten der Enkel. Wobei Hüten heisst: Dasein, kochen, aber nicht einschnappen, wenn kurzfristig bei Freunden gegessen wird oder solche zusätzlich am Tisch sitzen. Planen und nicht übelnehmen, wenn es, wie bei Brecht, auch beim zweiten Mal nicht geht. Auszuhalten ist, übersehen zu werden – aber nicht umfallen, wenn unverhofft eines einem in die Arme springt. Nichts ist je, wie man es sich vorstellt.

Gestern, morgen, übermorgen – vergessen oder unwichtig. Was zählt, ist das Jetzt. Nicht heute, nicht diese Stunde – nur dieser Moment. Ganz Dasein zählt, auch wenn man halt improvisiert. Gerade weil man improvisiert. Anstrengend und fordernd und auch leicht. Jedes Mal anders und neu. Gegenwart ist mein 2015, Gegenwart mit den Enkeln. Ganz schön schwierig. Ganz schön schön.