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Eine kleine Weihnachtsgeschichte

Aus den Quartieren

Der Brunnadere-Lade ist ein typisches Quartierlädeli. Statt dem Aus erfolgte dank einer Gruppe von QuartierbewohnerInnen und dem Lehrling aus Eritrea ein wundersamer Neustart.

Der Brunnadernladen ist wieder Quartiertreffpunkt. (Foto: Sabine Schärrer)

Der Brunnadere-Lade ist eines von ursprünglich vielen kleinen Geschäften, die zum Teil während Jahrzehnten bestanden und innerhalb weniger Jahre von der Bildfläche verschwanden. In meiner Kindheit war der Laden an der Brunnadernstrasse noch ein reiner Milchladen und hiess nach seinem Besitzer «Bim Tanner». Das Angebot wurde im Umkreis von 200 Metern ergänzt durch rund acht andere kleine Geschäfte: zwei Bäckereien, drei Kolonialwarengeschäfte, eine Drogerie, ein Kiosk und so weiter, die ihre Pächter oder Besitzerfamilien wohl eher schlecht als recht ernährten und deren Sortimente beim jeweiligen Ableben peu à peu ans besagte Milchlädeli übergingen, den letzten der Mohikaner sozusagen.

Aber Ende Dezember 2011 nach weiteren drei Hand- und Betreiberwechseln schlug auch diesem Laden das letzte Stündlein, weil der Betrieb weder kostendeckend noch ein Nachfolger in Sicht war. Robel Kahsay aus Eritrea, der im Brunnadere-Lade eben voller Hoffnung auf eine Festanstellung seine Lehre als Detailhandelsassistent abgeschlossen hatte, stand auf der Strasse. Der letzte Einkaufs- und Treffpunkt im gut situierten aber eher biederen Brunnadernquartier schien unwiederbringlich verloren.

Das Quartier nimmt die Herausforderung an

Einige alarmierte QuartierbewohnerInnen beschlossen, diesem Verlust an Lebensqualität nicht tatenlos zuzusehen. Im Vordergrund stand dabei Robel Kahsay, der schon als aufgeweckter und dienstfertiger Lehrling aufgefallen und bei den QuartierbewohnerInnen sehr beliebt war. Sein grösster Zukunftswunsch war es, dereinst ein eigenes Geschäft zu führen. Natürlich war er als Migrant in den Augen von institutionellen Geldgebern in keiner Weise kreditfähig. Was tun?

Das Trüpplein setzte sich zum Ziel, den Laden zu erhalten und Arbeits- und Ausbildungsplätze für MigrantInnen zu schaffen. Ein abenteuerliches Vorhaben, dem Fachleute aus der Branche nur geringe Erfolgschancen prophezeiten. Mit umso mehr Elan ging man ans Werk, gründete die Interessengemeinschaft (IG) Brunnadernladen und stellte sich den dringendsten Aufgaben. Robel Kahsay brauchte als neu gekürter Geschäftsleiter zumindest in der Startphase ein gutes persönliches Coaching und Hilfe im Administrationsdschungel. Die Quartierbevölkerung musste motiviert werden, vermehrt in «ihrem Laden» einzukaufen und Mitverantwortung zu übernehmen. Schliesslich war für die Übernahme des Inventars und den Betriebsbeginn kurzfristig ein Startkapital von 70'000 Franken zusammenzutrommeln.

Zufriedene Kundschaft

Die Mitglieder der IG Brunnadernladen stürzten sich als erstes in die für die Geschäftsübernahme erforderliche Kapitalbeschaffung. Binnen weniger Wochen erbrachte der Aufruf im Quartier 70'000 Franken als Darlehen. Aus dieser ersten Kommunikationsoffensive ergaben sich zudem Kontakte zu Freiwilligen, die auf verschiedenste Weise mithalfen: Buchführung, Vertragswesen, Sortimentsauswahl, Dekoration der Schaufenster, Produktion eines Infoblatts, Botengänge, Ablösung des anfänglich knappen Ladenpersonals, Mithilfe beim Jahresinventar und so weiter.

Im Verlauf der letzten vier Jahre verzichteten verschiedene Gläubiger als Zeichen der Solidarität und zum Ausdruck ihrer Zufriedenheit mit der guten Geschäftsführung auf die Rückzahlung ihrer Darlehen. Heute steht das Geschäft weitgehend schuldenfrei da und die Unterstützung in der Betriebsführung ist kaum mehr erforderlich. Das Sortiment wurde aufgrund des engen und konstruktiven Kontakts zur Kundschaft zunehmend auf Quartierbedürfnisse zugeschnitten. Es besteht heute zum grossen Teil aus regionalen und biologischen Produkten, führt aber dank Maxi-Sortiment auch eine preislich attraktive Familien-Linie.

Geschäft mit positiven Nebenwirkungen

Von Anfang an war klar, dass auch andere junge MigrantInnen von der Ausbildungsmöglichkeit im Detailhandel und den Kontakten zu Freiwilligen aus dem Quartier profitieren sollten. An Interessierten jungen Leuten aus allen Weltgegenden mangelte es nicht.

Anfänglich sprang der pensionierte Geschäftsinhaber und Vermieter des Ladenlokals als Lehrlingsbetreuer ein. In der Zwischenzeit hat Robel Kahsay selber die Qualifikation als Lehrlingsausbildner erlangt und bereits haben fünf Personen aus Angola, Sri Lanka, Tibet, Afghanistan und Irak entweder die Fachschule oder eine Vorlehre bestanden. Quasi als Nebenwirkung konnte das Projekt bei der Quartierbevölkerung sehr viel Verständnis und Achtung gegenüber MigrantInnen aufbauen, die wesentlich zum Überleben unseres Quartierladens beigetragen haben und heute sein Gesicht prägen.

Für das Quartier ist der Laden zum Exempel geworden, dass echte Zusammenarbeit über Sprach- und Kulturgrenzen hinweg möglich ist. Die eher diskret und zurückgezogen lebende Quartierbewohnerschaft schätzt diesen verbindenden Faden und hat mit dem Laden wieder einen Identifikations- und Treff-Ort entdeckt. Integration ist eben keine Einbahnstrasse!