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Sagt, was Bern bewegt
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KOLUMNE /

Simon Küffer

11.12.2015 | 07:25

Auch wenn Weihnachten mittlerweile unheilig anmutet: Erst der heutige Kapitalismus realisiert die christlichen Grundgedanken von Erbsünde und allwissendem Gott.

Die Erbsünde, illustriert von Tom Hänni.

Es will nicht so richtig weihnachten in Bern, und es mag dies mit dem seltsam einförmigen Wetter zusammenhängen, das uns seit Frühherbst unbehaglich beglückt. Ebenso geduldig scheint die Warenauslage gegen dieses Ausbleiben weihnachtlicher Gefühle anzukämpfen: Auch dieses Jahr hat man uns die Adventskonzepte schon im Oktober präsentiert, nicht zu reden von den Lebkuchen und Zimtsternen.

Doch ist der Konsumwahn wirklich so unbedacht und unchristlich, wie uns das eine vollmundige Kritik nahelegen will? Natürlich spielten die Produkte schon immer eine zentrale Rolle im emotionalen Haushalt des Christentums. Jesus versprach beiden Seiten Erlösung: den Ausgebeuteten vom Elend, den Ausbeutern von der Schuld. Und trotzdem scheint der Kapitalismus eine neue Qualität gewonnen zu haben, die es dem Christentum erst heute erlaubt, sich zu ‹materialisieren› – eigentlich erst zur Realität zu kommen. Das hat mindestens drei Gründe.

Erstens hat der globale Kapitalismus eine so komplexe und totale Vernetzung hervorgebracht, dass sich niemand mehr der Beteiligung (in Form des Konsums) entziehen kann. Da hauptsächlich das Wirtschaftssystem für das unglaubliche Elend der Welt verantwortlich ist, und vor allem auf diesem Elend aufbaut, ergibt sich für das Individuum eine Situation der ‹realen› Erbsünde. Der eigentlich symbolisch zu verstehende Grundstein des christlichen Glaubens wird zynische Wirklichkeit: jeder Mensch wird schuldig geboren, und belädt sich mit jedem Konsumakt mit noch mehr Schuld. Vom Strampelanzug bis zum Leichentuch ist selbst das reinste Weiss befleckt – in diesem Fall beispielsweise von den sklavereiähnlichen Bedingungen auf den Baumwollplantagen von Mali oder Burkina Faso.

Aus Bertolt Brechts «An die Nachgeborenen».

Aus Bertolt Brechts «An die Nachgeborenen».

Mehr denn je ist der Konsumakt das Moment in und aus dem sich die Machtverhältnisse konstituieren. Da er jedoch nur sehr begrenzt der Willkür und Kontrolle des Konsumenten unterliegt, und da z.B. eine Banane oder ein Turnschuh kaufen nichts unmittelbar Schlechtes oder gar ‹Böses› ist, bildet sich am Konsumakt ein eigenartiges Mischverhältnis von Schuld und Unschuld, das Kierkegaard als «das Tragische» bezeichnet hat. Genau diese Tragik teilt die globale Mittelschicht mit den Gläubigen des Christentums.

Doch auch das ist eigentlich nichts Neues: die Baumwolle z.B. ist schon seit Jahrhunderten blutigen Ursprungs. Die neue Dimension unseres Zeitalters liegt darin, dass Gott nun tatsächlich zusieht. Die Tat ist streng gesehen nur eine Seite der Sünde, die andere ist das Auge Gottes. Dazu hegen die Christen ein zwiespältiges Verhältnis: Gottes Blick bedeutet zwar Kontrolle, aber auch Gnade, denn Gott kann nur vergeben, was er auch gesehen hat. Der strenge Vater ist immerhin ein anwesender Vater. Die Digitalisierung realisiert dieses zwiespältige Auge Gottes. Facebook, Google und die Cumulus-Karte dokumentieren jeden unserer Schritte – das Buch des jüngsten Gerichts wird mit Nullen und Einsen geschrieben. Vielleicht liegt darin der schwache Widerstand gegen die digitale Überwachung begründet: man will, dass Gott zuschaut, denn die Verrechnung unserer Sünden ist erst die Voraussetzung für Gnade und Vergebung.

Aus Bertolt Brechts «An die Nachgeborenen».

Aus Bertolt Brechts «An die Nachgeborenen».

Drittens darf man aber die entscheidende Pointe nicht übersehen: die eigentliche Erbsünde besteht ja nicht in einem eigentlichen Sündenakt, sondern in der Erkenntnis dieser Sünden – im Essen des Apfels, der die Fähigkeit verleiht, gut und böse zu unterscheiden und damit Gottes Blick zu teilen. Die gleiche Verteufelung, welche der Frau als Erbe Evas für 2000 Jahre zuteil wurde, kriegen jetzt auch die Intellektuellen, Soziologen und Wissenschaftler zu spüren – inklusive dem Versuch, sie mittels Attributen wie naiv, unrealistisch, hysterisch und Gutmensch einer an sich schon diffamierenden Weiblichkeit zuzuordnen. Ihre ‹Äpfel› haben sie natürlich schon früher angeboten – auch hier besteht der entscheidende Unterschied darin, dass die neuen Medien deren ‹Genuss› unausweichlich machen: jeder weiss, was gut und böse ist, weil er auf unzähligen Kanälen damit konfrontiert wird. Wie Adam und Eva und all ihre gläubigen Nachkommen ist der heutige Konsument dazu verurteilt, ein Leben in Scham zu fristen und sich entsprechend zu bedecken – mit einem Feigenblatt, das sich als Zynismus und Anti-Intellektualismus äussert. Der Hass auf Eva ist der Hass auf die Augenöffnenden.

Aus Bertolt Brechts «An die Nachgeborenen».

Aus Bertolt Brechts «An die Nachgeborenen».

Natürlich würden mir Religionswissenschaftler, Psychologen und Historiker an die Gurgel springen für diese oberflächliche Bastelei. Man muss aber zugeben: der Gedanke birgt zumindest amüsante Implikationen. Wer beispielsweise denkt, er könne sich mit ‹bewusstem Konsum›, mit Bio- und Fairtrade-Produkten aus der Verdammnis retten, der hat die Erbsünde-Logik schlicht nicht verstanden (was natürlich meint: den Kapitalismus). Überhaupt hat der kategorische Imperativ ausgedient: nichts tun und niemanden belästigen reicht nur in einer Welt, die schon in Ordnung ist, in einem Alltag, der einen nicht per se mit Schuld belädt. Kant hat sich korrekt verhalten, Jesus hat sich organisiert. Das moralische Konzept der Schuld lässt sich weder zynisch kleinmachen, noch materialistisch ignorieren, denn es bezeichnet konkret die Stelle des Subjekts in der Frage nach Gleichheit und Gerechtigkeit. Allerdings hilft da weder Busse noch Gebet. «Was man tun soll?» fragt Dostojewskij. «Niederreissen, was niedergerissen werden muss, ein für allemal, sonst nichts: Und das Leid auf sich nehmen!»

Und Weihnachten? Es kann wohl nicht schaden, an Jesus zu erinnern, der uns alle von unseren Sünden erlösen soll. Auch wenn wir das mit Sünden tun.