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Journal B

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Flüchtlinge erzählen (1): Von Eritrea nach Bern

Artikel über Flüchtlinge sind viele geschrieben worden. Artikel von Flüchtlingen gibt es wenige. In dieser neuen Serie auf Journal B erzählen Geflohene, die jetzt in der Region Bern leben, ihre persönliche Geschichte.

«Mein Name ist Habtom Kibrom*, ich bin 32 Jahre alt und komme aus Eritrea. Heute wohne ich mit meiner Frau und meinem Kind in der Region Bern.

Ich bin eines von 11 Kindern in unserer Familie, 1983 in Eritrea geboren und aufgewachsen. Heute leben drei Geschwister im Ausland; zwei im Sudan, ein Bruder in Norwegen und ich lebe in der Schweiz. Die restlichen sieben Geschwister leben in Eritrea. Sechs davon sind im Militär, der älteste Bruder seit 1991.

Mit meinem Vater zu Hause in Eritrea kann ich ein- bis zweimal im Jahr telefonieren. Es ist schwierig, eine Verbindung aufzubauen, weil die einzige Kommunikationsfirma des Landes der Regierung gehört. Diese Telefonate machen mich jeweils wütend über die ganze Situation. Ich möchte nicht, dass es klingt, als wäre ich ein schlechter Sohn, aber ich ziehe es manchmal vor, gar nicht erst anzurufen. Einerseits, weil es mich deprimiert und anderseits, weil ich den Vater dadurch unnötig in Gefahr bringen kann.»

Leben in Eritrea

«Die ersten sieben Schuljahre verbrachte ich bei uns im Dorf, weitere vier Jahre verbrachte ich in einer anderen Schule etwas ausserhalb von uns. Danach musste ich in eine Art Militärschule, die weit entfernt von jeglicher Zivilisation war. Der Name dieser Schule ist berüchtigt und jedes Kind weiss, dass es einmal dorthin gehen muss. Dort absolvierte ich mein zwölftes Schuljahr und konnte dank guter Noten an der Universität von Asmara studieren gehen. Ich fing mit meinem Bauingenieur -Studium nach einer Studentenrevolte im Jahre 2001 an, bei der um die 5000 Studenten in eine Militärstadt in der Wüste verbannt wurden.

Ich schloss mein Studium fünf Jahre später ab und am selben Tag, an welchem ich mein Diplom erhielt, heiratete ich auch. Eine Woche nach der Hochzeit musste ich Wehrdienst leisten. Ich wurde in eine Baufirma eingeteilt, die unter der Kontrolle der Regierung stand. Ich wusste, was das bedeutete. Schon meine Brüder mussten Wehrdienst in verschiedensten Orten leisten. Man weiss nicht, wie lange man weg sein wird und ist unter ständiger Kontrolle. Damit mein Bruder heiraten konnte, musste mein Vater damals persönlich bei der Regierung um eine Woche Ferien bitten. Es wurde ihm gestattet. Der Bruder kam Freitag nach Hause, wir feierten von Samstag bis Samstag, danach war er wieder weg. Ich hinterfragte schon damals dieses absurde System. Aber so konnte mein Bruder wenigstens sicherstellen, dass er Nachkommen haben wird, was in unserer Kultur sehr wichtig ist.

Während meinem Wehrdienst, etwa 300 Kilometer von zu Hause entfernt, arbeitete ich für die Baufirma der Regierung als Ingenieur und plante sowohl Häuser wie auch Strassen. Ich wurde mit 145 Nafka pro Monat entlöhnt, was etwa 10 Dollar entspricht. Der Lohn war ein Witz. Mit diesem Geld können Sie einmal pro Monat in einem Restaurant essen und vielleicht noch eine Seife kaufen, das ist alles. Es ist darum üblich, dass die Familien den Männern im Dienst Geld zustellen.

Die Planung der Projekte oblag normalerweise uns Ingenieuren. Die Bauarbeiter waren alles Soldaten. Das Militär war aber nicht nur durch die arbeitenden Soldaten präsent, sondern auch durch Männer mit höheren Graden. Diese hatten fast unbegrenzte Macht über uns. Ein Oberst von ihnen änderte ununterbrochen die Projekte. Wenn eine Strasse Richtung Osten geplant war, konnte er sie am nächsten Tag in Richtung Norden umändern. Als ich mit einer Änderung konfrontiert wurde, fragte ich ihn, ob er dafür verantwortlich sein werde, wenn nicht, sei ich es, der dafür gerade stehen müsse und das könne ich nicht. Ich wurde darauf angeschrien, beschimpft, abgeführt und in ein Gefängnis gesteckt.

Nach sechs Monaten im Gefängnis kam derselbe Oberst wieder zu mir und fragte mich, ob ich jetzt mache, was er wolle. Ich sagte, dass mein Boss der leitende Ingenieur sei und nicht er. 'Du wirst hier sterben', sagte er und ich musste für weitere zweieinhalb Jahre im Gefängnis bleiben.

In meiner Zelle lebte ich zusammen mit zwei Kollegen von der Baufirma. Es gab nichts, was man hätte machen können in diesem Raum. Wir durften weder lesen noch schreiben und nach drei Jahren hatten wir einander auch nichts mehr zu erzählen. Während einem Toilettengang gelang uns schliesslich die Flucht.»

Die Flucht

«Da wir in unseren Räumen keine Sanitäranlagen hatten, führten die Wachen alle 200 Insassen jeden Abend nach draussen, damit wir unter Bewachung unsere Notdurft verrichten konnten. Als andere Gefangenen plötzlich wegrannten, nutzten wir den Aufruhr und versuchten es einfach. Es war schon fast dunkel, wir hörten die Schüsse der Wachen und rannten in Richtung eines Flusses. Jede Minute war unendlich lange. Wir rannten etwa zwei Stunden am Stück, bevor wir uns die erste Pause gönnten. Unser Glück war, dass wir in das Landesinnere flüchteten und nicht in Richtung Sudan, wie es das Militär vermutete. Erst später machten wir einen Bogen und machten uns Richtung sudanesische Grenze auf.

Die Flucht zur Grenze dauerte sechs Tage. Wir hatten einfach nur Glück. Das Militär ist nicht die einzige Gefahr auf einer Flucht. Viele Flüchtende verdursten, einige werden durch Tiere getötet und andere wiederum, wie mein Cousin, werden gekidnappt und an Banden auf der Sinai–Halbinsel verkauft, von wo aus diese dann die Angehörigen für viel Geld erpressen. Wir überlebten nur dank Nomaden, die uns unterwegs versorgten.

Im Sudan wurden wir aufgegriffen, konnten aber durch Bestechung der Soldaten im Land bleiben. Ich besuchte einer meiner Brüder, der schon seit längerem dort wohnte. Meine zwei Freunde reisten weiter. Einer lebt heute in Amerika und der andere in Angola, soviel ich weiss.

Im Sudan erfuhr ich von meiner Familie, dass meine Frau auf dem Weg nach Europa war. Ich konnte mir dank guter Kontakte einen sudanesischen Pass besorgen und flog via Istanbul nach Rom, wo ein Sudanese auf mich wartete und mich im Auto nach Basel fuhr.

Im Empfangszentrum in Basel erfuhr ich, dass meine Frau in der Schweiz sei. Ich wurde drei Wochen später zu ihr in den Kanton Bern eingeteilt, wo man mich direkt in das gleiche Zentrum schickte, wo sie wohnte. Es war eine Riesenüberraschung für sie, weil sie nicht wusste, dass ich kommen würde.

Die ersten sechs Monate im Zentrum konnten wir noch nicht im selben Zimmer leben. Es lebten viele verschiedene Menschen aus allen Ländern unter einem Dach, es war ein schlichtes Leben dort, aber ich fühlte mich gut. Verglichen mit meiner Vergangenheit war alles gut.»

Das Leben in der Schweiz

«Ich musste meine Heimat verlassen, aber nicht meinen Beruf aufgeben. Ich realisierte zwar schnell, dass die Umwelt hier eine ganz andere ist und sich darum auch das Bauen unterscheidet, aber ich kann jetzt in Teilzeit ein Bauingenieurstudium machen, gehe also wieder zur Schule. Ich hoffe, dass ich erfolgreich abschliessen kann und später eine Stelle finden werde.

Nicht nur das Bauen ist in der Schweiz völlig anders. Wir leben in der gleichen Welt und sind doch so unterschiedlich. Ich kann hier zum Denner, Migros oder Coop einkaufen gehen, habe eine fast unendlich grosse Auswahl, kann billige oder teure Produkte kaufen, bin völlig frei. In Eritrea ist das nicht so einfach. Unsere Familie könnte sich mit unserem Bauernhof sehr gut selbst versorgen, könnte sogar Produkte verkaufen. Leider existiert aber kein richtiger freier Markt mehr, man bekommt Essenscoupons, welche man in staatlich kontrollierten Shops einlösen kann. Es herrscht das Prinzip Diktatur: Grösstmögliche Kontrolle, auch bei den Nahrungsmittel. Dagegen etwas zu unternehmen ist sehr schwierig. Es gab einen Oppositionellen, der wie Nelson Mandela ins Gefängnis gesteckt wurde und mittlerweile 24 Jahre gefangen gehalten wird. Niemand kann ihm helfen und wenn es manche versuchen, landen sie auch dort. Warum sollten wir dasselbe tun?

Ein weiterer Unterschied sind die Menschen. Für euch mag das normal sein, aber dass man im Zug in aller Ruhe lesen kann, ist nicht selbstverständlich. In Eritrea oder Afrika generell wäre das nicht möglich, dort sprechen alle wild durcheinander, mit jedem zu jeder Zeit. Hier achtet man mehr auf Privatsphäre, die Menschen grenzen sich mehr voneinander ab. Das hat nichts mit besser oder schlechter zu tun, es ist einfach eine Feststellung.

Für uns Flüchtlinge hier in der Region ist Bern sehr wichtig. Nicht nur ist Bern wichtig, weil wir hier in Kontakt mit anderen, 'erfahrenen' Flüchtlinge kommen, hier einkaufen, zur Schule gehen oder uns in der Kirche treffen können, sondern auch, weil es die Hauptstadt ist.

Eine Hauptstadt ist ein Symbol für ein ganzes Land. In ihr erkennt man die Geschichte und Eigenart eines Landes: Wenn ich zum Beispiel das Bundeshaus betrachte, kann ich viel über das Land lernen. Aussen erkenne ich die Kantonswappen, in den Bildern im Bundeshaus sehe ich die Geschichte und die Tatsache, dass jeder Zugang zu diesem Gebäude hat, zeigt eindrücklich, dass dieses Land den Menschen gehört.

Leider ist das in Eritrea nicht der Fall. Ich weiss, dass manche hier in Europa sich Sorgen machen wegen der Flüchtlingsproblematik. Ich weiss auch, dass hier in Europa ebenfalls lange Krieg herrschte und ihr ähnliche Probleme hattet, nur früher. Meiner Meinung nach sind die Flüchtlinge nicht das Problem, sondern die Diktaturen auf dieser Welt. Solange es Diktaturen auf der Welt gibt, wird es Flüchtlinge geben. Solche, die wie ich in Europa ankommen und in Freiheit sind, und solche, die es nicht schaffen. Alles, was wir Flüchtlinge tun können ist, es zu versuchen.»

*Name geändert. Aufgezeichnet von Micha Krähenbühl.