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Gähnende Leere im Mattenhof

Aus den Quartieren

Sie fallen auf, die leerstehenden Gewerberäumlichkeiten an der Effingerstrasse. Weshalb haben es die Ladengeschäfte im Mattenhof trotz Zentrumsnähe so schwer?

Ein leerer Laden entlang der Effingerstrasse. (Foto: Christof Berger)

Vor Jahresfrist hatte die Zeitung «Der Bund» die Situation an der Effingerstrasse bereits einmal thematisiert. Seither hat sich nicht viel geändert. Schwarze Schaufensterscheiben und heruntergelassene Rollläden, wohin das Auge reicht. Gut – es gibt auch Positives zu berichten: Die lange leerstehende ehemalige Interdiscount-Filiale an der Effingerstrasse 10 wird gegenwärtig zur Start-up-Gemeinschaft mit integriertem Café umgebaut.

In den Showroom des Druckmaschinenherstellers Heidelberg bei den Haltestellen Kaufmännischer Verband und Brunnhof wird bald eine grosse Coop-Filiale einziehen. Ein weiteres Ladenlokal wurde wegen «Eigenbedarfs» gekündigt. Aber trotzdem – weshalb haben es die Ladengeschäfte im Mattenhof trotz Zentrumsnähe so schwer?

Wenig Laufkundschaft

Martin Mäder, Stadtrat BDP, blickt mit Sorge auf die leeren Lokale, wenn er mit dem Velo oder dem Tram von der Innenstadt an seinen Wohnort in Ausserholligen fährt. Man befinde sich an einer Ausfallstrasse, weg vom urbanen Zentrum. Suboptimal sei zudem, dass die Haltestellen Kocherpark und Kaufmännischer Verband relativ weit auseinanderliegen würden. Dass sich dort viele Büros der Stadt oder des Bundes befänden, ziehe vermutlich auch nicht gerade viel Laufkundschaft an. «Wahrscheinlich sind die Geschäfte an der Effingerstrasse zu spezialisiert und generieren damit auch nur eine spezifische Kundschaft», meint Mäder.

Einen Vorteil seines Spezialangebots sieht Daniel Binggeli vom Oldies Shop. «Zu mir kommen die Leute extra wegen meines Ladens. Würde ich Alltagswaren anbieten, hätte ich es hier wahrscheinlich schwer,» sagt er. Und je weiter weg vom Hirschengraben, desto weniger Leute seien unterwegs.

Gewerbe ist nicht mehr so gefragt

Die Vermietung von Büro- und Retailflächen sei in den letzten Jahren allgemein schwieriger geworden, bestätigt ein Liegenschaftsverwalter. Gerade ausserhalb der Peripherie, wo die Laufkundschaft abnehme, seien Leerstände von eineinhalb Jahren heute schon fast die Regel. Das gelte aber auch bereits für Teile der Innenstadt, zum Beispiel am Bollwerk, in der Schweizerhofpassage oder an der Speichergasse.

Da jede Neuvermietung meist hohe Investitionen und teure Umbauten nach sich ziehen würde, müssten Liegenschaftsverwaltungen Fünf-Jahres-Verträge abschliessen können. Das sei vielen Mietern zu wenig flexibel und für viele seien wohl auch die Mietpreise zu hoch.

Mangelnder Wohnraum

Ein grosses Problem sieht Raumplanerin und SP-Stadträtin Gisela Vollmer im mangelnden Wohnraumangebot in den Kernzonen rund um die Altstadt: «Wo die Leute wohnen, kaufen sie auch gerne ein.» Sie ist nicht die einzige, die einen weiteren Abzug von Kundenströmen durch Westpassage und Postparc befürchtet. «Die Mietpreise sind viel zu hoch. Und die Stadt müsste festlegen, dass Erdgeschossflächen öffentlich zu nutzen sind. Solche Bestimmungen sind in anderen Städten bereits eingeführt worden», sagt Vollmer.

Auch habe sie sich dafür eingesetzt, dass sich der Komplex des Inselspitals stärker mit den umliegenden Quartieren vernetze. Eine Massnahme sieht sie in einem von ihr vorgeschlagene Schräglift vom Inselareal nach Brunnmatt oder zum Loryplatz, der allerdings bisher auf wenig Unterstützung stiess. Die Insel schotte sich leider regelrecht ab und die Erschliessung über die Laupenstrasse sowie den Inselbus bringe den Südquartieren praktisch nichts, so Vollmer.

Verbesserungen mit STEK 2015 geplant

Nicht schwarzmalen mag Christine Gross vom Stadtplanungsamt und verweist auf das Betriebs- und Gestaltungskonzept Effingerstrasse/Belpstrasse, das momentan aufgegleist werde, oder auch die geplante Neugestaltung des Eigerplatzes und die Aufwertung des Loryplatzes.

Der Stadtteil Mattenhof-Weissenbühl liege bahnhofs- und zentrumsnah und sei für Arbeitsnutzungen grundsätzlich attraktiv. Demzufolge seien hier fast gleich viele Arbeitsstätten wie in der Inneren Stadt angesiedelt. Die Zahl der Beschäftigten sei im Stadtteil Mattenhof-Weissenbühl immer noch mit Abstand die höchste der Stadt Bern, schreibt Gross.

Mit dem Stadtentwicklungskonzept STEK 2015 seien weitere Verbesserungen geplant. So solle beispielsweise durch Verdichtung und Nutzungsintensivierung die stadträumliche Qualität gesteigert werden. Zur Aufwertung der öffentlichen Räume sei zudem vorgesehen, ein neues Temporegime und optimale Verhältnisse für den Veloverkehr zu schaffen.

Noch ist nicht klar, wie sich die Lage entwickelt, wenn die Post ihr Provisorium im City-West schliesst und definitiv in den Postparc zieht. Doch sind Veränderungen immer auch Chancen. Möglicherweise erleben wir ja gerade einen Umbruch zu einem hippen Quartier mit Start-ups und kreativen Jungfirmen, der jetzt einfach noch nicht sichtbar ist.

Quelle: QuartierMagazin Stadtteil III.