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Vom Strassenrand an die Murtenstrasse

Aus den Quartieren

Zweimal pro Woche tragen wir alle einen Sack voll Kehricht von der Wohnung an den Strassenrand – und sind dann doppel erleichtert. Aber wie geht es weiter mit den blauen Säcken? Reportage einer Tour mit Fahrzeug Nr. 83 im Osten Berns.

  • Giorgio Corsi im Einsatz mit dem Wagen Nr. 83 im Stadtteil IV. (Foto: Susanne Blaser)
  • Ein Teil des Abfalls kann von Containern in den Wagen geschüttet werden. (Foto: Susanne Blaser)

Seit drei Jahren ist an der Murtenstrasse 100 die neue Kehrichtverbrennungsanlage (KVA) in Betrieb. Am Montagmorgen um 7 Uhr schwärmen neun Kehrichtfahrzeuge und vier Grünabfuhrwagen aus. Fahrzeug Nr. 83 ist heute im Einsatz im Stadtteil IV.

Giorgio Corsi, gelernter Automechaniker und mit Leib und Seele bei seiner Arbeit, ist der Chauffeur: «Heute habe ich meinen ersten Arbeitstag nach drei Wochen Ferien, da muss ich mich besonders gut konzentrieren, damit ich kein Strässchen vergesse und keinen Weg zweimal fahre», erklärt er. «Manchmal bin ich auf andern Touren in der Stadt unterwegs und arbeite auch im Entsorgungshof Egelsee.»

Start an der Murtenstrasse

Roman Klang und René Krähenbühl sind hinten links und rechts die Belader. Ein gutes Team. Gior-gio fährt möglichst nahe an die Kehrichtsäcke heran, damit die Belader kurze Wege haben. Roman auf der rechten Seite, mit vielen Jahren Berufserfahrung, gibt dem Fahrer ab und zu ein Handzei-chen zur optimalen Routenfindung. Giorgio Corsi packt mit an, wenn es mehrere Container zu lee-ren gilt. Auf dem kleinen Bildschirm in der Fahrerkabine kann er die Belader beobachten, durch Knopfdruck die Kehrichtpresse aktivieren.

An einem grossen Eisentor hängen auf Schulterhöhe blaue Säcke. Auf dieser Höhe Gewicht zu heben ist Schwerarbeit, Gift für Rücken und Gelenke. Ein paar Säcke am gleichen Posten hingegen erleichtern den Männern die Arbeit. Roman fasst manchmal fünf, sechs davon zusammen und wirft sie ein.

Auch ein wenig Abfalldetektive

Ein «falscher» Sack wird stehengelassen und der Standort gemeldet, um ihn später abzuholen. Falls der Verursacher ausfindig gemacht wird, erhält er eine Verwarnung. Und wenn der Inhalt auf dem Trottoir liegt, weil Tiere nachts oder über Feiertage die Säcke öffnen? «Dann wischen wir die Sauerei zusammen oder informieren die Strassenreinigung».

Giorgios Arbeit erfordert höchste Konzentration: Er muss in schmalen Durchfahrten auf Fussgän-ger und Velofahrer achten. Manchmal sind die Säcke hinter parkierten Autos versteckt. In Gara-geneinfahrten muss er rückwärtsfahren, möglichst nahe an die Containerposten.

13 Posten im Saali

Im Saali hat es 13 Posten Container mit roten Aufklebern, gefüllt mit Hauskehricht. Als wir das Quartier wieder verlassen, ist der Hauswart schon mit seinem kleinen Fahrzeug unterwegs, um die Container in die Hochhäuser zu verteilen. Er winkt uns freundlich zu, man kennt sich. Das war die einzige Geste der Dankbarkeit heute Morgen. «Wir haben einen schlechten Ruf», sagt Giorgio. «Wir machen Lärm und sind überall im Weg, weil wir zur Sicherheit der Belader höchstens 30 Stundenkilometer fahren würden.»

Ein Belader bleibt im Quartier, der andere nimmt neben mir Platz. Auf der Autobahn geht es zurück zur KVA und nach der Einfahrt ins Werkgelände von Energie Wasser Bern auf die Waage: Drei Tonnen haben wir bis jetzt eingesammelt. Nun fährt Giorgio zum riesigen Kehrichtbunker mit 8000 Tonnen Fassungsvermögen. Das Sammelgut wird hineingekippt, der Platz gewischt, dann gibts für die Männer die wohlverdiente Pause.

Wieder zurück im Stadtteil IV versperrt uns ein Zügelwagen den Weg, also muss die Route geän-dert werden. Container mit den blauen Klebern enthalten loses Abfallgut. Zur monatlichen Abrechnung wird beim Leeren der Container dank Elektronik das Gewicht des Inhalts erfasst. Adresse und Kunde werden auf dem zweiten kleinen Bildschirm direkt neben dem Fahrer sichtbar.

Tagesbilanz: 15 Tonnen Abfall

Entsorgung und Recycling beschäftigen in der Stadt Bern rund hundert Mitarbeitende. Die Arbeit auf der Strasse ist anstrengend, können Säcke doch bis zu 25 Kilogramm schwer sein. Heute war es heiss, aber auch bei Regen, Schnee und Eis sind die tüchtigen Männer und Frauen unterwegs.

Vor der Mittagspause fährt der Kehrichtwagen wieder über die grosse Waage, bevor das gepresste Gut in den Bunker gekippt wird. Nachmittags geht die Arbeit normalerweise bis 16 Uhr weiter; die Zeit für unsere Tour ist knapp bemessen, manchmal gibt es Überstunden.

Im Stadtteil IV wurden an diesem Montag, 3.August. 2015, rund 45'000 kg Kehricht eingesammelt, auf dem ganzen Stadtgebiet 128'360 Kilogramm. Das Team mit Fahrzeug Nr. 83 hat heute 14'840 Kilogramm Kehricht eingesammelt und abgeliefert – ein grosser Teil davon von Hand eingeladen.

Dieser Artikel ist ursprünglich im QuaVier September 2015 erschienen.