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Hier gibt es Brockis statt Vorurteile

Der FC Breitenrain spielt heute im Sechzehntelsfinal des Schweizer Cups gegen den FC St. Gallen. Der zugezogene Ostschweizer Renato Kaiser hat sich in einem offenen Brief an die Fans des FC St. Gallen gerichtet.

Die Handkaffeemühle in trauter Zweisamkeit mit dem Schal des FC St. Gallen. (Foto: Renato Kaiser)

Liebe FC-St.-Gallen-Fans: Sie werden gewinnen. Ich weiss, ein Versprechen, das Sie schon lange nicht mehr gehört, geschweige denn erfüllt gesehen haben. Aber dieses Mal stimmt es. Der FC St. Gallen spielt im Cup gegen den FC Breitenrain und damit mitten in meinem Quartier. Ich kann daher aus Erfahrung sagen: Ja, Sie werden gewinnen. Ich meine damit nicht das Resultat oder die Mannschaften, sondern eben wirklich Sie. Denn Ihre direkten Widersacher müssten ja eigentlich die Fans des FC Breitenrain sein. Sind Sie aber nicht. Auf dem Sportplatz Spitalacker, dem sogenannten «Spitz», gibt es keine Gegner. Es gibt nur Menschen.

Lassen Sie mich das erklären: Als ich vor einem Jahr beschloss, nach Bern zu ziehen, ging ich davon aus, ständig mit meiner Ostschweizer Herkunft konfrontiert zu werden. Schliesslich war das bei meinen bisherigen Besuchen stets der Fall: Die berühmte OLMA-Bratwurst ohne Senf konnte als Gesprächsthema Abende füllen, mehr als einmal durfte ich die Künste selbsternannter St.-Galler-Dialekt-Imitatoren geniessen und nicht selten wurde ich anstelle eines «Hoi» oder «Salut» mit einem nasalen «Hopp Sanggallä» begrüsst. Einst fragte ich eine Polizistin auf St. Galler Deutsch nach dem Weg. Sie antwortete mir auf Hochdeutsch. Meine Hoffnung, in die Bundesstadt integriert zu werden, war daher nicht besonders gross.

Das hier ist nicht Bern. Das ist der Breitenrain.

Renato Kaiser

Aber als ich angekommen war, wurde mir folgendes klar, liebe FCSG-Fans. Das hier ist nicht Bern. Das ist der Breitenrain. Der «Breitsch», wie die Leute ihr Viertel nennen. Toleranz wird hier gross geschrieben. Nicht einmal, wenn ich im breitesten St. Galler Dialekt «Braitärain» sage, nimmt man es mir übel (zum Glück! Zur korrekten Aussprache von «Breitsch» fehlen mir meiner Meinung nach mindestens zehn Gesichtsmuskeln).

Hier gibt es keine Vorurteile. Hier gibt es Brockis. Bei mir um die Ecke drei an einer Strasse. Dort habe ich mir nicht nur eine gebrauchte Hand-Kaffeemühle gekauft, nein, ich benutze sie sogar. Einige Strassen weiter gibt es im «Bio-, Quartier-, und Weltladen – Wylereggladen» den passenden Fair-Trade-Wildkaffee aus dem äthiopischen Bergregenwald, dazu Demeter-Milch von Kühen, die nicht nur immer noch ihre Kälber haben, sondern auch Hörner, Würde, Krankenversicherung, AHV-Ausweis, Mutterschaftsurlaub und den einen oder anderen kulturellen Auslandsaufenthalt in El Salvador.

Wer sich jeden Tag ein Ying-Yang-Zeichen in den derart fairen Milchkaffeeschaum zeichnet, kann gar kein Gegner sein. Als ich einmal bei einem Spiel des FC Breitenrain war, wurden keine Parolen skandiert, keine Fahnen geschwungen und keine Schiedsrichter beleidigt. Es wurden Bildungssysteme verglichen, Katzen gestreichelt und Kinder gestillt. Vielleicht sogar welche per Wassergeburt entbunden, so genau kann ich das nicht sagen, ich habe mit meinem Sitznachbarn die Biografie von Gandhi gelesen.

Aber auch dann würden Sie gewinnen und zwar Erkenntnis.

Renato Kaiser

Darum: Sie werden gewinnen, und zwar inneren Frieden. Wehren Sie sich nicht. Denn selbst wenn: Es würde nichts nützen. Wenn Sie Gegenstände in den gegnerischen Fansektor schmeissen, fliegen keine Feuerzeuge zurück, sondern Visitenkarten von alternativen Heilpraktikern, die Ihnen kostenlos eine schamanische Reinigung anbieten.

Wenn Sie «Hurensöhne Breitenrain!» rufen, werden Sie vom «Breitschträff» zu einer Podiums-Diskussion über die gesellschaftliche Akzeptanz der Prostitution im 21. Jahrhundert eingeladen. Und wenn Sie sich schlagen wollen, werden Sie früher oder später mit quietschenden Schaumstoffschlägern auf bunte Anti-Aggressions-Puppen einprügeln, dabei Rotz weinend von Ihrer Kindheit erzählen und sich so frei fühlen wie noch nie.

Gut, vielleicht stimmt das alles gar nicht. Vielleicht ist der FC-Breitenrain-Anhang der wüsteste Hooliganmob, den Sie je gesehen haben. Vielleicht wird Ihnen der berüchtigte Fangesang «Hopp Breitenrain, hu!» durch Mark und Bein gehen. Vielleicht wird der legendäre «Pouke-Housi» aus seinem Käfig gelassen und mit wummernden Paukenschlägen Ihren Herzrhythmus ins Stocken und Ihren Siegeswillen ins Wanken bringen. Und vielleicht werden Sie und der FC St. Gallen sang- und klanglos auf dem Spitz untergehen.

Aber auch dann würden Sie gewinnen und zwar folgende Erkenntnis: Lassen Sie sich nie von einem Zugezogenen erklären wie «sein» Fussballverein und «sein» Viertel funktioniert. Vor allem dann nicht, wenn er dessen Namen nicht aussprechen kann, ohne sich dabei den Kiefer auszurenken.

Diesen Artikel hat Renato Kaiser für das «St. Galler Tagblatt» geschrieben, wo er zeitgleich erscheint.