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Ein fast vergessenes Juwel

Überdacht von einer uralten Kastanie steht er am Fusse der Unteren Altstadt auf dem gleichnamigen Platz: Der Läuferbrunnen.

Noch um 1900 wuschen die Frauen die Wäsche im Läuferbrunnen. Auch die Kinder mussten anpacken. (Foto: zvg, Schweizerische Nationalbibliothek Bern, Sammlung Wehrli)

Nur wenige Schritte hinter ihm rauscht leise die Aare, von weit entfernt weht Verkehrslärm herüber, mehr ein Summen als ein Gedröhne. Und doch ist der am lauschigsten gelegene Figurenbrunnen des Freiburger Meisters Hans Gieng kein Publikumsmagnet und der hochragende, energisch ausschreitende, schlanke Stadtläufer mit seinem im Gleichschritt mitmarschierenden, wohl bewehrten Bärchen kein Fotostar – im Gegensatz zur Justitia, Anna Seiler oder dem Chindlifrässer. Warum ist der Läuferbrunnen buchstäblich etwas in der Versenkung verschwunden?

Der Läuferbrunnen in ursprünglicher Gestalt am ursprünglich Standort, weshalb er bis ins 17. Jahrhundert auch «Brunnen beim Unteren Tor» oder «Staldenbrunnen» genannt wurde. (zvg, Denkmalpflege des Kantons Bern, Robert Marti-Wehren)

Der Läuferbrunnen in ursprünglicher Gestalt am ursprünglich Standort, weshalb er bis ins 17. Jahrhundert auch «Brunnen beim Unteren Tor» oder «Staldenbrunnen» genannt wurde. (zvg, Denkmalpflege des Kantons Bern, Robert Marti-Wehren)

Vorgänger des Postboten

Zwei Gründe liegen nahe. Zum einen verbindet sich mit der Figur des Läufers keine süffige Geschichte oder bedeutende Persönlichkeit. Er steht schlicht für einen Berufsstand, der einst für die Kommunikation unverzichtbar war und heute allenfalls noch im Postboten, dem Briefträger, einen letzten Nachhall findet.

Zum anderen liegt es wohl auch am Standort – die relative Abgeschiedenheit des Läuferplatzes, fernab der Touristen- und Verkehrshauptrouten. Es ist ein Platz für Individualisten, die ihn, sofern sie nicht zur Anwohnerschaft gehören, meist zielgerichtet aufsuchen, wegen der Geschäfte, den Restaurants, Ateliers und Büros oder ihn zum Ausgangspunkt nehmen für einen Spaziergang der Aare nach...

Der Läuferbrunnen nach seiner ersten Versetzung noch mit quadratischem Brunnenbecken. Im Hintergrund treibt der Kutscher die Pferde an, damit sie es den steilen Nydeggstalden hoch schaffen. (zvg, Burgerbibliothek Bern, Gr.A.46.)

Der Läuferbrunnen nach seiner ersten Versetzung noch mit quadratischem Brunnenbecken. Im Hintergrund treibt der Kutscher die Pferde an, damit sie es den steilen Nydeggstalden hoch schaffen. (zvg, Burgerbibliothek Bern, Gr.A.46.)

Verkehrsknotenpunkt Nydegg

Das war nicht immer so. Der Läuferbrunnen, um 1545 von Hans Gieng und seiner Werkstatt angefertigt, stand neben dem letzten Haus am Nydegg-Stalden, dort, wo sich heute der Anbau des Hauses Nydeggstalden 2 befindet. Ein Verkehrsknotenpunkt erster Güte, war doch die 1487 nach 26jähriger Bauzeit fertiggestellte steinerne Untertorbrücke der einzige Zugang über die Aare in die Stadt. Jedes Fuhrwerk, jeder Reiter, jeder Fussgänger – alle mussten sie sich am Läuferbrunnen vorbei den damals noch viel steileren Nydeggstalden hinaufquälen. Dazu kamen noch all die Transporte der Waren, die aus den Kähnen am nahen Ländtetor entladen und auf diesem Weg in die Stadt geschafft wurden.

Von der heutigen Beschaulichkeit war damals also keine Spur. Das änderte sich erst 1844 mit der Einweihung der Nydeggbrücke. Da nahm der Verkehr am Nydeggstalden spürbar ab, doch da stand der Läuferbrunnen schon bald zwanzig Jahre lang an seinem neuen Standort, an dem er noch heute steht: Zwischen der Untertorbrücke und dem damaligen Rosschwemmiturm, auch Salpeter- oder Toggeliturm genannt. Heute befindet sich in diesem stark umgebauten Turm das Restaurant Casa Novo.

Als die Häuser über Wasseranschluss verfügten, musste niemand mehr im Brunnen waschen. Es wurde still um ihn, wie dieses Bild von 1933 von Cöelestin Adolf Biedermann eindrücklich zeigt. (Foto: zvg, Burgerbibliothek Bern, FPa.3, S.17, Nr 4)

Als die Häuser über Wasseranschluss verfügten, musste niemand mehr im Brunnen waschen. Es wurde still um ihn, wie dieses Bild von 1933 von Cöelestin Adolf Biedermann eindrücklich zeigt. (Foto: zvg, Burgerbibliothek Bern, FPa.3, S.17, Nr 4)

Warum Maler Schlatter zur Selbsthilfe griff

In der ersten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde das ursprünglich achteckige Brunnenbecken ausrangiert und durch einen quadratischen Brunnentrog ersetzt. Die noch brauchbaren Original-Platten wurden allerdings wiederverwertet, auch jene, in der die Entstehungszeit des Brunnens eingemeisselt war: MDXXXXV, 1545. Fast 300 Jahre später, 1824, erhielt der Läuferbrunnen dann sein heute noch existierendes Becken, die antikisierte ovale Brunnenwanne aus Solothurner Muschelkalk – und dem ursprünglich farbigen Läufer wurde à la mode ein weisser Anstrich verpasst. Was einem Maler namens Schlatter offensichtlich arg missfiel, denn er gab der Brunnenfigur 1862 «eigenmächtig seine schwarz-rote Amtstracht zurück», wie der Berner Kunsthistoriker Paul Hofer festhielt.*

Seither ist der Farbanstrich des Läufers und seines ihn stützenden, bewaffneten Bärchens noch oft erneuert worden. 1936 etwa nahm der Maler Viktor Surbeck eine Neubemalung vor, doch das war's dann auch: 1953 kam der Original-Läufer ins Historische Museum. Die Kopie bestehe gleich wie das Original aus dem feinporigen «Pierre Jaune» aus den inzwischen geschlossenen Steinbrüchen im neuenburgischen Hauterive – ein Stein, der am Anfang weich und gut zu hauen sei und mit dem Alter härter werde, erzählt der Restaurator Michael Fischer.

Die vorerst letzte Neubemalung

In seinem Atelier in der Mattenenge stand der Läufer 2011 für eine weitere farbliche Rundum-Erneuerung. Das Regenwasser habe im Lauf der Jahre die Farbe abplatzen lassen, sei bis auf den Stein gedrungen und habe ihn teilweise beschädigt. Fischer legte den Stein vollständig frei, liess ihn monatelang austrocknen und bemalte den Läufer dann nach allen Regeln der Kunst und nach historischem Vorbild. Der Farbanstrich werde noch etliche Jahre halten, sagt Fischer, doch müsse der Läufer, wie auch die anderen Figuren der Altstadtbrunnen, regelmässig inspiziert werden. Denn nur solche Kontrollen könnten verhindern, dass aus kleinen Schäden unbemerkt grosse werden – mit den entsprechenden Kostenfolgen.

*Paul Hofer, Kunstdenkmäler des Kantons Bern, Band 1: Stadt Bern, hrsg. von der Gesellschaft für Schweizerische Kunstgeschichte, Basel 1952.

Der Artikel ist in der BrunneZytig 1/2015 erschienen.