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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Weltoffen bis ins All hinein

Ende Juni wird an der Uni Bern über die philosophischen Aspekte des biologischen Lebens diskutiert. Eine, die sich täglich damit beschäftigt, ist die Philosophin Andrea Loettgers. Journal B hat sie zu einem Gespräch getroffen.

Läuft man die Länggasse hinunter, trifft man viele freundliche Gesichter, einige nachdenkliche, manch andere eher verbissene. Den Blick auf das hiesige Leben gerichtet, erwartet man nicht unbedingt, dass sich in diesem Quartier einige Menschen sehr ernsthaft mit dem Leben auf anderen Planeten beschäftigen.

Und doch: Eine von ihnen ist Andrea Loettgers, die 1991 erstmals nach Bern kam, und nach einem längerem Aufenthalt am California Institute of Technology in Pasadena, USA nun seit fünf Jahren unsere – wie sie selbst betont – «schöne Stadt» Bern wieder ihr Zuhause nennt.

Loettgers arbeitet am Zentrum für Weltraum und Bewohnbarkeit der Universität Bern am Projekt «Life beyond our planet?» mit. Da dies keine alltägliche Fragestellung ist, haben wir uns mit Andrea Loettgers getroffen und wollten etwas mehr erfahren.

Frau Loettgers, Sie sind Physikerin und Philosophin: Wie passt das zusammen vor dem Hintergrund der Frage, ob es Leben auf anderen Planeten gibt?

Mich interessiert der Zusammenhang zwischen Physik und Biologie schon seit meiner Diplomarbeit. Dort habe ich mit Hilfe von physikalischen Modellen die Fähigkeit der Mustererkennung in neuronalen Netzwerken untersucht. Dafür wurde ich von den Neurowissenschaftlern kritisiert. So wurde ich mit der wissenschaftsphilosophischen Frage nach den Möglichkeiten und Grenzen der Übertragbarkeit von physikalischen Theorien, Modellen, Konzepten und Methoden in die Neurowissenschaften konfrontiert.

Was hat das nun mit «Aliens» zu tun?

Das Problem ist, dass uns bereits für Leben auf der Erde eine Definition fehlt. Darum ist auch die Frage, wie wir Leben auf anderen Planeten erkennen können, hoch komplex. So stellt sich beispielsweise die Frage, nach was man denn eigentlich suchen soll: Was sind die Merkmale des Lebens? Was seine Voraussetzungen?

Es gibt keine Definition für Leben?

Anfang dieses Jahres fand hier in Bern die Tagung mit dem Titel «What is Life?» («Was ist Leben?») statt und da gaben sich einige Forschende pessimistisch. Die Meinung, dass man keine Definition des Lebens finden würde, ist weit verbreitet.

Das überrascht mich. Ich dachte es gibt viele Definitionen für das Leben.

Ja, das stimmt, es gibt keinen Mangel an Definitionen des Lebens. Schon bei Aristoteles findet man die oft zitierte Definition: Ein lebendiges Wesen ist ein Wesen, dessen Sein seine eigene Tat ist. Das heisst, für Aristotles ist es das Vermögen der Selbständigkeit, das Leben definiert. Eine der prinzipiellen Schwierigkeiten bei vielen Definitionen tritt immer wieder auf: Zu vielen der Eigenschaften, die biologische Organismen auszeichnen, lassen sich häufig Gegenbeispiele finden, die die jeweilige Definition in Frage stellen. Nehmen wir die Fähigkeit der Selbstreproduktion: Viele Computerviren besitzen die Eigenschaft, sich selbst zu reproduzieren und können zum Teil sogar «mutieren». Damit stellen sie sicher, eine möglichst grosse Anzahl von Computersystemen zu befallen. Müssen wir damit Computerviren in den Bereich des Lebendigen aufnehmen?

Was nützt es den Viren, Aliens oder uns Menschen, wenn der Begriff «Leben» definiert ist?

Es gibt tatsächlich eine grundsätzliche Kritik am Versuch der Definition vom Leben an sich. Eine Position besagt, dass eine Definition uns lediglich die Wortbedeutung liefert, aber im wissenschaftlichen Kontext nicht sehr hilfreich ist. Eher brauche es eine Theorie des Lebens, die es Wissenschaftlern erlaubt Fragen nach dem warum zu stellen und zu beantworten.