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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Die etwas andere Strassenumfrage

Ist Bern eine philosophische Stadt? Mit dieser Fragestellung hat sich Anja Leser von Philosophie.ch zum Loryplatz begeben und Leute angesprochen. Zurückgekehrt ist sie mit einem bunten Strauss an philosophischen Fragestellungen.

Der Stadt Bern und ihrer Bevölkerung wird gerne eine etwas eigene Mentalität zugeschrieben. Die Vermutung liegt nahe, dass diese «Berner Mentalität» etwas damit zu tun hat, wie Bernerinnen und Berner denken. Nun gibt es mit der Philosophie eine eigene Disziplin, die sich hauptsächlich mit dem Denken beschäftigt. Wir haben uns deshalb gefragt: Wie philosophisch ist die Stadt Bern? Oder anders gefragt: Stellen sich Bernerinnen und Berner philosophische Fragen?

Unsere Versuchsanordnung zur Beantwortung dieser Frage ist der Loryplatz an einem Dienstag kurz vor Mittag. Der ziemlich dichte Verkehr tut dem Gefühl einer gewissen frühsommerlichen Gemütlichkeit keinen Abbruch und tatsächlich nehmen sich erstaunlich viele Personen Zeit, uns von ihren persönlichen philosophischen Fragen und Gedanken zu erzählen.

Das Recht, die Natur zu gestalten

Zum Beispiel Benjamin. Er ist gerade mit dem Kinderwagen aus dem Tram gestiegen und verweist zunächst auf seine Fröhlichkeit als eine Art von Lebensphilosophie. Ernster ist dagegen seine Frage, woher die Spezies Mensch überhaupt ihre Daseinsberechtigung nimmt; weshalb wir das Recht haben sollten, die Natur nach unserem eigenen Gutdünken zu gestalten und auch zu zerstören.

Solche Gedanken mache er sich zum Beispiel auf ausgedehnten Velotouren, sagt Benjamin,. Aber auch das Zusammenleben mit anderen Menschen sei Anlass philosophischer Gedanken; schliesslich könnten wir nie wirklich wissen, was andere Menschen denken und weshalb sie so handeln, wie sie es tun. Bevor er weiter muss, sagt er noch auf unsere Nachfrage, Denken sei im Grunde genommen kein Luxus, aber die Zeit dazu leider schon.

Können Tiere denken?

Wenn es schon schwierig ist, das Innenleben anderer Menschen zu kennen, so ist dies bei Tieren praktisch unmöglich. Dass wir keinen Zugang zu deren Erleben haben, beschäftigt Lisa. Während sie aufs Tram wartet, sagt sie, dass sie sich oft frage, ob Tiere denken können. Und noch etwas Zweites gibt ihr zu denken: Sie ist nämlich unsicher, wie das Verhältnis von Wissenschaft und Religion genau aussieht. «Ist alles Evolution?», fragt Lisa und fasst dadurch ein Thema in Worte, das auch andere unserer Gesprächspartner und -partnerinnen bewegt.

Anina etwa ist überzeugt davon, dass der Glaube selbst ihre Grundfragen beantwortet: Weshalb existiere ich, was ist der Geist, wohin gehe ich? Sie geht davon aus, dass zwar Gott für alle Menschen einen Weg vorgesehen habe, wir aber dennoch frei seien, uns dafür oder dagegen zu entscheiden.

Ganz anders Rolf: Er glaubt nicht, dass es einen Gott gibt, sagt aber, dass er den Glauben auch niemandem ausreden wolle. Toleranz sei wichtig. Und dann fügt er an, dass gewisse Fragen – etwa, ob wir Menschen alleine sind im Universum – wohl auch die Wissenschaft unbeantwortet lassen werde. Damit wirft Rolf die Frage nach den prinzipiellen Wissensgrenzen der Menschheit auf und führt uns in das nächste grosse philosophische Themengebiet.

Heisse politische Eisen

Moacyr spricht heisse politische Themen wie Chancengleichheit und soziale Gerechtigkeit an. Er macht sich Sorgen über unsere Gesellschaft und ihre Anforderungen: Selbst in der reichen Schweiz spiele es eine grosse Rolle, wer wie viel Geld habe – beispielsweise haben die Kinder wohlhabender Eltern die besseren Chancen, eine Universität besuchen zu können. Der Arbeitsmarkt mit seinen heutigen Anforderungen kann man seiner Ansicht nach nicht als gerecht bezeichnen.

Auch Andreas ist der Ansicht, dass eine Demokratie alleine noch kein Garant sei für eine gerechte Gesellschaft: «Was nützt es, eine Demokratie zu haben, wenn die Menschen nicht lernen nachzudenken, bevor sie abstimmen?» Er kritisiert einen weit verbreiteten, übermässigen Egoismus. Um diesen Missstand zu beheben, müsste man seiner Ansicht nach bei den Kindern beginnen und ihnen Fairness beibringen.

Im Kleinen beginnen

Auch Verena sagt, dass wohl im Kleinen angesetzt werden müsse, um die Welt insgesamt gerechter zu gestalten. Sie sieht ein Haupthindernis zur Lösung der vielen Gerechtigkeitsprobleme in der mangelnden Lernfähigkeit der Menschheit. Nachfolgende Generationen begingen oftmals wieder die gleichen Fehler wie schon ihre Eltern.

Die Jüngeren müssten eigentlich schon in der Schule lernen, mehr Rücksicht auf die Schwächeren zu nehmen. Aber, gibt sie zu bedenken, ein wenig Egoismus brauche es auch, um schwierige Situationen zu überstehen. Aber wie viel Egoismus ist nötig und wie viel ist zu viel?

Ein bunter Strauss

Vom Sinn des Lebens über soziale Gerechtigkeit zum Verhältnis von Wissenschaft und Religion; von der Grenze des menschlichen Wissens über Kognition im Tierreich zur Umweltethik – unsere Umfrage am Loryplatz bescherte uns einen bunten Strauss an philosophischen Themen und Problemen.

Unsere Frage, ob sie sich auch schon philosophische Gedanken gemacht hätten, wurde zwar nicht von allen Gesprächspartnern und -partnerinnen gleich beantwortet: Die Selbsteinschätzung reichte von «oui, toujours», über eine gewisse Unsicherheit, was denn eine philosophische Frage sei, bis zu «nein, eigentlich nie».

Die Vielfalt der aufgeworfenen Fragestellungen und die Diskussionsfreudigkeit der Befragten – auf zehn Personen kamen über dreissig Fragen zusammen – sind uns Rechtfertigung genug, Bern das Prädikat «philosophisch» zu verleihen.