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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Die Sache mit dem Ghetto

Aus den Quartieren

«Wenn ihr Bümpliz hört, dann denkt ihr an Ghetto, an Beton, an den Pöbel. Wenn ich Bümpliz höre, denke ich an ein Paradies für Kinder.» Daniel Menna, der dies sagt, ist im Tscharnergut aufgewachsen und weiss es deshalb besser. Ein Plädoyer.

Tscharnergut mit Schlittelhoger, 60er-Jahre. (Foto: Archiv reinhardpartner)

Bümpliz? Das Ghetto. Dort, wo man nicht sein will. Dort, wo es schwierig ist. Dort, wo man schwierig wird. Wie Schwamendingen, bloss in Bern. Dort, wo aus einem garantiert nichts wird. Ausser vielleicht Kleinkrimineller. Oder, wenn man es schafft, vielleicht noch Sozialarbeiter.

Nein, Sozialarbeiter wird man nicht in Bümpliz. Sozialarbeiter ist man, wenn man nach Bümpliz geht. Freiwillig. Soll es geben. Bümpliz. Bümm-Plitz. Der Name schreit danach, verächtlich ausgesprochen zu werden.

Ich komme nicht aus Bümpliz. Nein. Es ist viel schlimmer. Ich komme aus Betlehem. Gehört zum selben Stadtkreis wie Bümpliz. Ist aber noch viel schlimmer. Eigentlich komme ich nicht einmal aus Betlehem. Sondern aus dem Tscharnergut. Dem Tscharni. Das ist dann Ghetto, Mann. Aber dann sowas von. Betonwüste. Trist. Perspektivlos.

Im Tscharnergut, in Betlehem, in Bümpliz waren wir Kinder schon froh, wenn man uns eine alte Autobatterie zum Spielen gab. Sofern man inmitten der Bandenkriege überhaupt zum Spielen kam. Wir waren alle bewaffnet. Die kleinen durften die alten Messer der grossen Geschwister auftragen.

Ja, liebe Freundinnen und Freunde, dieses Bild von meiner Kindheitsstätte sei euch gegönnt. Seid froh, musstet ihr nicht in einem sozialen Brennpunkt aufwachsen. Seid froh, wart ihr nicht im Ghetto. Geniesst das Gefühl.

Währenddessen geniesse ich die Erinnerungen an meine Kindheit im Tscharni. Daran, dass ich nie auch nur eine Strasse überqueren musste, weder, um zur Schule zu gehen, noch, um am Donnerstagabend im «Migroloebuabeämm» abzuhängen, ab und zu mit einer Tüte Pommes Frites in der Hand (einer goldenen Tüte).

Daran, dass die ganzen Hoch- und Scheibenhäuser (wie man sie nennt) so angelegt worden waren, dass das eine nie im Schatten des anderen stand. So dass wir in den Grünflächen dazwischen den Frühling geniessen, Hallihallo spielen oder sonstigen Unfug treiben konnten. Und es hatte verteufelt viel Grün. Nicht etwa grün bemalten Beton. Nein: Rasen. So viel Rasen, dass das ganze Quartier grün roch, wenn der Rasen frisch gemäht worden war.

Ach ja, im Winter dann der Schlittehoger. Extra angelegt. Für uns. Für die Kinder. Im Sommer konntest du abends auf dem Hoger im Gras liegen und die vielen beleuchteten Fenster der Hochhäuser anschauen. Vereinzelte leuchteten rot. Zur Weihnachtszeit im Quartierzentrum Kerzenziehen. Oder die Dekorationen für die Gehweglaternen basteln (immerhin verpflichtet der Name «Betlehem» gerade zu jener Zeit besonders). Dann noch die Lehrwerkstätte, in der es immer nach Sägemehl roch. Unbeholfene Versuche, aus Holz etwas Ansehnliches zusammenzufrickeln. Oder eine Seifenkiste zu bauen. Mit Lenkung und allem. (Wir mussten das Gefährt leider ins Ziel tragen.)

Auf dem Dorfplatz dann der grosse sechseckig angelegte Brunnen (das Sechseck war eine Art Quartiersymbol). Mitten im Brunnen der hohe Glockenturm, der immer mal wieder eine schöne Weise anstimmte. Ja. Mozart. Klaviersonate in A-Dur KV. 331. 1. Satz. Erste paar Takte. Zum Beispiel.

Tscharnergut. Etwas mehr als ein halbes Jahrhundert ist es alt. Und doch bin ich in einem Dorf aufgewachsen. Mit Milchlädeli. Mit Optiker. Mit Schmuckgeschäft. Mit einem kleinen Restaurant. Kindergarten. Schulen. In fünf Minuten im Wald. In einem riesigen Wald.

Wenn ihr Bümpliz hört, dann denkt ihr an Ghetto, an Beton, an den Pöbel. Wenn ich Bümpliz höre, denke ich an ein Paradies für Kinder.

Zuerst veröffentlicht am 25. Februar 2015 auf blog.menna.ch.