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Journal B

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Mein Eiermann

Zum Jahresende

Nachdem er vor zwei Jahren seinen Coiffeur verloren hat, ging letztes Jahr auch sein Eierverkäufer von dannen. Unser Autor nimmt Abschied.

Lieber Kari

Geduzt haben wir uns nie. Aber die Hände geschüttelt, und das immer mit leicht irritierender Innigkeit. Jetzt, am Ende dieses turbulenten Jahres will ich nochmals Abschied nehmen von dir – und erlaube mir posthum das Du. Im Mai also bist du gestorben, im Pflegeheim Vreneli in Guggisberg, ganze 81 Jahre alt. Die schauen so gut zu mir, hast du gesagt, als wir zu Besuch kamen. Deine Augen waren tief eingefallen, die Stimme dünn und sie klang schon von ganz weit weg.

Bei der Abdankung habe ich ein 20er-Nötli in den Opferschlitz gesteckt – die Spende geht ans Vreneli, sagte der Pfarrer in der Kirche von Rüeggisberg. Ich habe mich verdrückt. Nur ein Zaungast habe ich in deinem Leben keine grosse Rolle gespielt. Und dennoch wird mir die Erinnerung an unsere immer gleichen Begegnungen bleiben.

Geboren als eines von sechs Kindern ist dir das Leben nicht einfach gefallen. Deine Mutter hat dich mit Geissenmilch gross gezogen, weil du die Muttermilch nicht vertragen hast. Später ist dir der Stimmbruch ausgefallen, und deine Fistelstimme hat dich zum Aussenseiter und damit zum Junggesellen gemacht. Zeitlebens hast du auf dem Hof deiner Eltern gelebt, die letzten vielen Jahre, als dein Bruder den Hof übernahm, dann im Stöckli, du, mit deinen Hühnern.

«Eiermann» haben wir dir gesagt. Weil wir dir über Jahre Eier abgekauft haben. Der Gang vom Eichacher zum Waizacker wurde zum immer wiederkehrenden Ritual. Wenn wir am Sonntag kommen wollten, habe ich vorher angerufen, weil ich nicht recht wusste, ob es sich schickt, am Sonntag einen Eierdeal zu schieben.

Zehn Eier, die du im Keller geholt und dann sorgsam mit der Hand abgeputzt hast, bevor du sie in den Zehnerkarton, die du im Schrank auf der Laube gesammelt hattest, legtest. Meistens waren die Eier so gross, dass der Karton nicht ganz zu schliessen war. «Si si guät?», hast du immer gefragt, und ich habe gesagt: «Ja, die si immer guät.» Ein Fünfliber habe ich dir in die Hände gedrückt, den du sorgsam ins schwarze Portemonnaie versorgt hast. Die Kinder bekamen ein Güetzli – meistens wars ihnen ein bisschen trocken, aber sie haben die Geste durchaus verstanden. Sie haben gesagt, danke Herr Eiermann, und ich habe immer gedacht, dass das nun ein bisschen peinlich ist. Du hast jeweils gelächelt – ich weiss nicht mal, ob du deinen Übernamen verstanden hast.

Du hast deine Hühner geliebt, der Pfarrer hats auch gesagt. So fest geliebt, dass du die jungen Hühner wie Babys auf die Arme genommen habest. Und einmal hast du den Güggel vor ein Wägelchen gespannt. Auch das hat der Pfarrer erzählt. Und dass dich der Tod deiner Mutter in den 80er-Jahren schwer getroffen habe, weil sie die einzige Frau war in deinem Leben.

Wenn schön Wetter war, hast du den Strohhut aufgesetzt und bist zu uns zum Eichacher spaziert. Oben an der Strasse bist du stehen geblieben und wir haben dann ein bisschen geschwatzt. «Schattebuur» hast du uns gesagt, und ob es auch genug warm sei in unserem Haus auf der Schattenseite des Bütschelbachtals. Auf deiner Seite schien die Sonne immer ein bisschen mehr und stärker. Das Stöckli haben sie nun abgerissen, und daselbst ein neues Häuschen gebaut.

So geht das. Deine Kreise waren immer, 81 Jahre lang, hier oben, eng gezogen. Meine Kreise sind ein bisschen weiter und doch so eng begrenzt. Unsere Kreise haben sich berührt und es gab diese Schnittmenge. Die Begegnungen, die darin stattfanden, haben mich, so flüchtig sie auch waren, immer sehr berührt – und sie trugen keine Spur von Enge.

Die Eier, die kaufe ich jetzt im Migros. Und denke jeweils daran, dass die Hühner, die sie gelegt haben, auch wenn sie bio und aus Freihaltung sind, mit Sicherheit nie so glückliche Wesen waren wie die deinigen. In diesem Sinne soll es dir gut gehen, wo immer du bist, mein lieber Eiermann.