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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Mein Winterquartier

Zum Jahresende

Vor ein paar Tagen haben wir einen Igel neben der Gartentreppe angetroffen, er hatte sich sein Nest in einem Laubhaufen unter dem Feigenbaum gemacht. Hoffentlich lassen die Katzen ihn in Ruhe.

Auch ich überwintere neuerdings in Bern, lasse es mir gefallen im Wohltemperierten. Feuer mache ich nur noch zum Spass, und einkaufen gehen kann ich jeden Tag. Mein abseitiger Ort in La France Profonde wird zum Glück gehütet, so erfüllt sich im Alter, was einst das Kind, das ich war, auf seiner Schaukel geträumt hatte: in zwei Welten zugleich zuhause zu sein.

Zwar kann ich mich noch nicht physisch hin und her beamen, psychisch aber schon. Meine Bekannten beiderseits verstehen gut, warum ich nicht mehr in einem abgelegenen Tal am Fluss den Winter verbringen will. Aber die Kälte ist es nicht, auch nicht das Alleinsein.

An beides bin ich gewöhnt, mir machen eher Ansammlungen von Menschen Angst. Die meide ich auch hier. Ansonsten ist es, zugegeben, pure Kulinarik, das Bernsein.

Am Anfang fremdele ich manchmal ein bisschen, sagt meine Freundin. Alles so hell, so warm, so beredt hier. Ich muss erst wieder den Schalter umlegen. Aber sobald ich nach gut acht Stunden Fahrt meinen Koffer von der Welle aus den Schanzenstutz hochrolle, beginnt, egal wie müde ich bin, schon die Neugier: Wie riecht meine Stadt denn jetzt? Denn es ist «meine» Stadt, auch wenn ich – moitié/moitié » allenfalls halb dazugehöre.

Neue Plakate, neue Baustellen, neue Anpflanzungen der Stadtgärtnerei, und das neue PostParc-Gebäude wächst und wächst. Bald soll man dort, wie gerüchtweise verlautete, im Swimmingpool Filme gucken können - und shoppen sowieso.

Ich hingegen werde wieder ins Montagslädeli in der Rathausgasse gehen, das nur jeden Montagnachmittag geöffnet hat, werde die Wendeltreppe hinaufsteigen und den unvermeidlichen hauseigenen Geruch sehr bald ignorieren. Während ich etwa schaue, ob es vielleicht einen gebrauchten Wasserkocher hat, werde ich stadtbekannten Theatermachern, Junkies, Migranten, ächzenden Rentnerinnen und aparten Modescouts möglicherweise begegnen.

Das Montagslädeli wird von den Freunden von Emmaus betrieben, mildtätigen Frauen mit gestärkten Schürzen, zu denen wir unsere nicht mehr getragenen Kleider bringen. Am Ende gehe ich ohne Wasserkocher aber mit einem wunderbarerweise passenden Wintermantel für 20 Franken nach Hause.

«Fröhliche Weihnachten!» hat mir die freundliche Frau gewünscht, die dort schon seit Jahrzehnten unentgeltlich arbeitet.