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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Mein Schuhmacher

Zum Jahresende

«Mein ...» ist das Thema einer kleinen Festtagsserie unseres Journals. Meine Buchhandlung, mein ZAR, mein Museum, mein Quartier. Zu dem, was «mein» ist, hat unsere erste Autorin «einen vertrauten, privilegierten, vielleicht exklusiven Zugang – bis dahin, dass» sie es als ihren «Besitz» erachtet.

Mein Schuhmacher, Herr Sahli, in seinem winzigen Etablissement in der Länggasse, gehört mir nun zwar nicht in dieser Weise, aber er verkauft mir seit vielen Jahren Einlagesohlen für den Winter, Schuhwichse, Schuhbändel, und er repariert, seit ich in Bern bin, meine mir liebgewordenen Schuhe und Taschen – rät zuweilen auch von nicht mehr lohnendem Festhalten ab, auf sein Urteil verlasse ich mich gerne.

So dachte ich mir, zu diesem versteckten Quartiersjuwel würde ich gerne einen kleinen Beitrag schreiben.

Da der Laden vom 26. November bis zum 3. Dezmber 2014 wegen eines Umbaus geschlossen war, ging ich am 5. Dezember voller Sorge, er könnte nicht mehr wie meiner riechen, hin. Die Sorge war unnötig, der Ort ist heller, manche Gestelle erneuert, aber alles ist noch an demselben Ort.

An den Wänden hängen die alten Tierhäute – ein Krokodilleder, ein Servalfell, eine Schlangenhaut. Auf der Theke steht die vertraute hölzerne Kasse. «Wir haben sie nur etwas aufgefrischt», sagt Herr Sahli junior, als er aus der Werkstatt in den Verkaufsraum tritt. Aus jener Werkstatt, in der früher gewöhnlich Frau Sahli, seine Grossmutter, und Herrn Sahlis Mutter, mitarbeitete.

Also fragte ich Herrn Sahli, in seinem grauen Arbeitsmantel, ob ich nicht einmal vorbeikommen dürfte, um mit ihm für eine Berner Zeitung – eine Internetzeitung – ein kleines Interview zu machen?

«Ja», antwortete dieser ohne Erstaunen, die «Berner Zeitung» sei auch schon hier gewesen, und der Quartiersanzeiger ebenfalls, und in der Bibliothek gebe es ein Buch über die Länggasse, «da sind wir auch drin».

«Sie finden das alles auch im Internet – was das Länggassblatt betrifft, müssen Sie sich an die Druckerei in Wabern wenden.» Vom Artikel in der BZ (vom 5. März 2013) bringt er gleich noch ein gerahmtes Exemplar aus einem hinteren Raum. «Ja, das interessiert die Leute, der Sohn ist schon die fünfte Generation hier und das zieht auch an, die Nostalgie.»

«Oh», sagte ich, murmelte noch einige Worte zur Problematik des Nostalgiebegriffs und dachte bei mir, so ist dieses Thema also abgegrast, das kann ich nicht mehr bringen, Zeitungen wollen Geschichten, Stories, und zwar neue – und verabschiedete mich mit zögernden Gebärden.

Herr Sahli ist mittlerweile eine Berner «Celebrity». Meine Entdeckung ist längst keine mehr –  etwas peinlich war es, sie als Phantasma einer ziemlich weltfremden Alten entzaubert, ja entblösst zu sehen.

Aber – schliesslich – wenn Herr Sahli in seiner Schuhmacherei auch nicht länger ein Geheimtipp ist, so bleibt er doch mein Schuhmacher: vertraut, zuverlässig, benachbart.