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KOLUMNE /

Simon Küffer

14.11.2014 | 06:30

Dreissig Jahre Beschönigung und Selbstverblendung haben den wichtigsten Begriff kritischen Denkens in eine staubige Kiste verbannt und zur Floskel degradiert.

Der stärkste Sklave führt die Peitsche. Mehrschichtige Ausbeutung im alten Rom in «Die Lorbeeren des Cäsar», aus der brillanten Asterix-Reihe. (Ehapa Verlag, 1974)

Das Wort «Ausbeutung» ist weitgehend aus dem alltäglichen, aber auch dem politischen und intellektuellen Gespräch verschwunden. Ausbeutung bezeichnet grundsätzlich jede Situation, in der Menschen zum einseitigen Nutzen anderer arbeiten. Das klarste Beispiel ist die Sklaverei: ein Mensch zwingt einen anderen zu arbeiten, und steckt alle Früchte dieser Arbeit selbst ein. Einzige ‹Gegenleistung› ist der Unterhalt des Sklaven – wobei der Herr alleine bestimmt, wie dieser Unterhalt aussieht und wo er endet. Diese drei Momente sind auch in unserem Leben grundlegend: der Zwang zur Arbeit, die Enteignung ihrer Früchte, die Fremdbestimmung des Unterhalts und damit unseres Lebens.

Wir kriegen immer nur einen Teil von diesem Geld, der Rest behält das Unternehmen für sich

Simon Küffer

Sind wir bei einem Unternehmen angestellt, setzt dieses unsere Arbeit in Geld um. Wir kriegen immer nur einen Teil von diesem Geld, der Rest behält das Unternehmen für sich – ohne jegliche Berechtigung. Denn abgesehen von ein bisschen mehr Luxus und ein bisschen mehr Ferien bleibt die zentrale Frage: wie viel Geld brauche ich zum Leben? Und lustigerweise nicht: wie viel Geld erarbeite ich für das Unternehmen?

Hinter jedem Unternehmen stehen Menschen. Kein abstraktes Wesen, keine Visionen, keine Götter – Menschen wie du und ich. Mit dem kleinen Unterschied, dass die einen kassieren, wofür die anderen arbeiten. Als Argument dafür werden meist das investierte Kapital und das damit verbundene Risiko angeführt. Das ist schlicht lächerlich. Erstens sind die Kosten für Boden, Infrastruktur, usw. im Preis inbegriffen – wenn also ein Unternehmen Gewinn macht, ist das investierte Kapital schon zurückgekommen. Zweitens wird das Risiko üblicherweise auf die Arbeiter abgewälzt, die in schlechten Zeiten bluten müssen – und selbst wenn mal ein Reicher fallen sollte: er fällt nie bis auf den Boden seiner Putzfrau. Drittens muss ja das investierte Kapital schon angehäuft sein, und auch diese Anhäufung geschah nicht anders. Jeder Profit wurde jemandem gestohlen.

Unter einer perversen Maske der Gleichheit werden die einen reich, weil sie den anderen wegnehmen.

Simon Küffer

Nun basiert unser ganzes Wirtschaftssystem auf Profit. Profit ist die Bedingung für Reichtum, Zinsen, Versicherungen, Aktien, Finanzhandel, etc. Unter einer perversen Maske der Gleichheit – des «fairen Lohns» – werden die einen reich, weil sie den anderen wegnehmen. Und das völlig im Rahmen der Moral, ohne dass dazu eine Verwerflichkeit wie Korruption oder Betrug nötig wäre. Unsere Gesellschaft basiert im Kern auf Ausbeutung. Dies hauptsächlich in drei Formen: die Reichen beuten die Armen aus (Klassismus) / die Weissen beuten die Schwarzen aus (Rassismus) / die Männer beuten die Frauen aus (Sexismus). Ausbeutung kann nicht auf eines dieser Phänomene reduziert werden – ihre Überwindung kann nur als ganze geschehen.

Der Gipfel des kapitalistischen Zynismus besteht in der Vorstellung, dass Geld arbeite. Arbeiten tun nur Menschen (und vielleicht noch Tiere). Die Werbung der Berner Kantonalbank kehrt die Metapher lustigerweise wieder um, so dass mit Giacometti wirklich ein Mensch zu arbeiten scheint. (zvg, BEKB)

Der Gipfel des kapitalistischen Zynismus besteht in der Vorstellung, dass Geld arbeite. Arbeiten tun nur Menschen (und vielleicht noch Tiere). Die Werbung der Berner Kantonalbank kehrt die Metapher lustigerweise wieder um, so dass mit Giacometti wirklich ein Mensch zu arbeiten scheint. (zvg, BEKB)

Die Vielfalt unserer Arbeitsverhältnisse ändert nichts an der grundlegenden Konstellation. Der gutbezahlte Abteilungsleiter oder der freischaffende Musiker mögen denken, sie seien davon nicht betroffen. Doch sobald ein Song auf iTunes landet, macht irgendjemand weit oben viel Geld damit. Die Rolle des Kaders wiederum ist eine andere: Je mehr Arbeit wir bei gleichbleibendem Lohn verrichten, umso grösser ist logischerweise der Profit. Die grosszügige Entlöhnung für «Führungsqualitäten» ist eine Investition in möglichst optimale Ausbeutung. Der stärkste Sklave führt die Peitsche.

Der Wohlstand des Mittelstands ist die grösste Illusion unserer Zeit. Der Mittelstand löst sich damit nicht von der Arbeiterklasse, und schon gar nicht gehört er zur besitzenden – er ist die beliehene Klasse. Das ist der einzige Unterschied zwischen den Armen der dritten Welt und uns: man hat uns etwas geliehen. Und damit sind wir vor allem die verschuldete Klasse. Sobald der Wind dreht, wird einkassiert: Ersparnisse, Vorsorge, Gesundheit, Bildung – der ganze Traum des kleinen Mannes.


Hinweis für Kommentare: Falls Sie zu einer differenzierten oder besonders scharfsichtigen Schicht von Lesern gehören, werden Sie gemerkt haben, dass sich diese Kolumne vor allem auf die Ausbeutungstheorie von Marx bezieht. Falls Sie weiter Lust haben, dies kritisch zu kommentieren, vor allem dahingehend, dass die ganze Mehrwertstheorie widerlegt sei, und dann vor allem die österreichische Schule anführen möchten, bitte ich Sie, Folgendes zu bedenken: Auch mir ist aufgefallen, dass die Ökonomie nicht mit Marx geendet hat, und ich habe mich bemüht, meine Hausaufgaben zu machen.


Lesetipps einführend:
• Friedrich Engels / Karl Marx: Manifest der kommunistischen Partei
Johannes Rohbeck: Marx
Karl-Heinz Brodbeck: Phänomenologie des Geldes (PDF)

Lesetipps ausführlich:
Karl Marx: Das Kapital
Robert Kurz: Marx lesen
Karl-Heinz Brodbeck: Die Herrschaft des Geldes

Film:
Erwin Wagenhofer: Let's Make Money