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«Ich empfand Spielen als verlorene Zeit»

Am 14. August ist der Berner Spielerfinder Urs Hostettler 65 Jahre alt geworden und in wenigen Wochen erscheint ein neues Spiel der beliebten Serie «Anno Domini». Thema in der neuen Folge ist Bern. Anlass genug, Hostettler zu besuchen.

Der Berner Spiele-Erfinder Urs Hostettler. (Foto: Naomi Jones)

Wissen Sie, dass die Berner Baudirektion den Bau einer Strasse nach Adelboden verweigerte, weil die Adelbodner «leichtsinnig» und «nicht besonders arbeitsam» seien? Das war im Jahr des Herrn 1852. Ab den 1870er-Jahren hielt aber der Tourismus Einzug in Adelboden. Die Strasse wurde dann doch gebaut. Das und viel mehr erfährt man im neusten «Anno Domini»-Spiel.

«Anno Domini» ist ein Kartenspiel, bei dem die Spieler historische Ereignisse in chronologischer Reihenfolge ablegen sollen. Das Datum des Ereignisses müssen die Spieler, wenn sie es nicht kennen, erraten. Seit 16 Jahren publiziert Urs Hostettler immer wieder neue Serien zu verschiedenen Themen wie etwa: Frauen, Fussball oder Sex & Crime. Die 25. Ausgabe widmet er nun dem Kanton Bern.

Sie haben Mathematik studiert, waren Musiker, haben Bücher zum Bauernkrieg verfasst und sind heute Spieleerfinder. Wie kam das alles?

Es war alles eher Zufall. Ich ging nicht gerne in die Schule. Aber in Mathematik war ich gut. Also habe ich Mathematik studiert. Aber was macht man damit? Schon während des Studiums habe ich begonnen, Musik zu machen. Zusammen mit Luc Mentha und Tinu Diem waren wir 1977 die einzige Schweizer Band im Hauptprogramm am Samstagabend des ersten Gurtenfestivals. Ausserdem habe ich das Folkfestival auf der Lenzburg mitorganisiert. Zwischen 1972 und 1980 war es eines der ersten und bekanntesten Folkfestivals auf dem Kontinent.

Schliesslich gründete ich zusammen mit andern Musikern den Genossenschaftsverlag «Fata Morgana». Wir produzierten LPs und später CDs. Spiele machte ich nebenbei für mich selbst. Irgendwann beschlossen Joachim Rittmeyer und ich, zwei Spiele auf eigene Kosten zu veröffentlichen. Sie waren viel erfolgreicher als die meisten Fata-Morgana-LPs.

Waren Sie schon immer ein leidenschaftlicher Spieler?

Nicht immer... Als Kind habe ich gerne gespielt. Dann wurden Musik und Schreiben wichtiger. Ich empfand Spielen als verlorene Zeit. 90 Prozent der Spiele, die auf dem Markt sind, möchte ich noch heute nicht spielen. Sie funktionieren nach bekannten Mustern, vermitteln ein vereinfachtes Abbild von Wirtschaft und Handel und sind ebenso systemkonform wie konservativ. Noch verlorener scheint mir allerdings die Zeit, die am Esstisch mit abendfüllenden Diskussionen über die Qualität der Pasta und des Kaffees verstreicht.

Mit der Zeit wurde die Zeit selbst aber weniger wichtig. Wenn man nämlich mit andern Leuten zusammen ist, ist Spielen eine gute Sache. Man lernt sich kennen. Dafür eignen sich aber Spiele, bei denen es nicht bloss um Strategie und Gewinn geht.

Was macht ein gutes Spiel aus?

Es braucht Witz und Ironie. Ich mag Themen, die aus dem Vollen schöpfen und in unsere Zeit hinein greifen. Nicht von ungefähr nahm mein erstes Spiel, das «Wahlspiel», unsere Demokratie auf die Schippe. Mein zweites Spiel «Kreml» drehte sich um die Gerontokratie in der politischen Klasse der Sowjetunion. Es war ein neues Thema und funktionierte anders als die üblichen Spiele. Zu meiner Überraschung wurde es internationaler Erfolg. Sogar ein US-Verlag übernahm es.

Auch «Anno Domini» ist ein Erfolg. Mit dem Karten-Set «Anno Domini Bern» erscheint Ende August die 25. Folge. Wie haben Sie dieses Spiel erfunden?

Dazu muss ich etwas ausholen. Der Mechanismus von «Anno Domini» basiert auf dem Spiel «Ein solches Ding». Dieses wiederum entstand in einer Berghütte, wo ich mit Freunden Ferien machte. Wir spielten «Scharade». Jemand stellt pantomimisch eine bekannte Persönlichkeit dar, die andern erraten, wer es sein könnte. Aber einer von uns besass keinen Fernseher und las keine Zeitung. Er kannte kaum Personen des öffentlichen Lebens. So drehte ich das Ratespiel um 180 Grad um. Auf Karten schrieben wir Eigenschaften, die zu einem zunächst noch undefinierten Ding führen – und das klappte für alle. Eine erste Karte wird hingelegt, z.B. «wird im Winter gebraucht». Die Spieler stellen sich z.B. eine Mütze oder eine Schaufel vor. Auf der nächsten Karte steht «ist rund». Nun stellen sich die meisten einen Schneeball vor. Mit jeder neuen Karte verändert sich das Ding in den Köpfen der Spieler. Das Spiel ist witzig und braucht viel Fantasie. Es führte immer wieder zu heissen Diskussionen, etwa um die Frage, ob ein Papagei eine Delle hinterlässt, wenn er an eine Auto-Türe geworfen wird.

Bei «Anno Domini» wollte ich etwas mit historischen Ereignissen machen. Von «Ein solches Ding» habe ich das Prinzip der Reihen übernommen, die erweitert oder angezweifelt werden. Dieser Mechanismus macht auch «Anno Domini» zu einem gehaltvollen und preisgünstigen Kartenspiel. Ähnliche Spiele benötigen ein Spielbrett und sind, mit Verlaub, viel ernster und weniger witzig.

Spielt für «Anno Domini» Ihre Tätigkeit als Historiker eine Rolle?

Ich liebe die Geschichte abseits des Mainstreams. Ich habe ein Herz für schiefe Dinge, für Facts, die nicht so ganz in die grossen Linien passen. Wie etwa Folgendes: Louis XV verdankte es seiner Amme, dass er den französischen Thron besteigen konnte. Der Hofarzt seines Urgrossvaters Louis XIV hat nämlich mit seinem Aderlassen gegen die Masern innerhalb weniger Jahre die ganze königliche Familie dahingerafft. Die Amme des späteren Louis XV versteckte das Kind vor den Ärzten. Er überlebte als Einziger.

Was ist der Anlass, dass Sie nun ein Spiel über Bern gemacht haben?

Über die Jahre habe ich viele witzige und skurrile Ereignisse aus Bern gesammelt. Da diese für deutsche Spieler eher schwer verdaulich sind, konnte ich diese nur in homöopathischen Dosen in Anno-Domini-Serien unterbringen. Die Fakten stammen aus meinen Recherchen zum Bauernkrieg, der mich zehn Jahre lang beschäftigt hat, aus Berner Büchern, aus den Medien oder aus Erzählungen von Bekannten. Ab und zu lasse ich auch ein eigenes Erlebnis einfliessen.

Nun wurde es Zeit für eine Bern-Serie. Ich hatte so viele Fragen, dass ich mindestens ein Spiel machen konnte. Eine Serie besteht jeweils aus 340 Fragen. Da sich das Zielpublikum des Spiels vor allem auf Berner und Bernerinnen beschränkt, starten wir vorerst mit einer kleineren Auflage als üblich.

Können auch Nicht-Berner das Spiel spielen?

Ja. Denn die meisten Antworten muss man nicht wissen. Man kann sie erraten. Die wenigsten Berner und Bernerinnen werden den Bernburger Jean-Pierre Blanchet kennen, der als einziger Seeräuber in Bern geköpft wurde, weil er auf dem Genfersee ein Schiff mit 13'500 Goldtalern an Bord gekapert hatte. Unter den Testpersonen hatte ich eine Lektorin aus Wien. Sie war noch nie in Bern und hat alle Fragen, die für Nicht-Berner unverständlich sind, markiert. Ein paar Insiderfragen habe ich dennoch drin gelassen. Denn ein bisschen Lokalkolorit muss sein.