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Journal B

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Ausser Konkurrenz am Chuenisbärgli

  • Am Chuenisbärgli: Auf den Spuren von Felix Neureuther und Christian Bärtschi. (Foto: Fredi Lerch)
  • Alphütte Schnittenbergli: «Ohne Sponsoren läuft nichts.» (Foto: Fredi Lerch)
  • Schalttafel mit TV-Anschluss: Siegillusionen für Fernsehverlierer. (Foto: Fredi Lerch)
  • Im «Starthaus Riesenslalom»: Stacheldraht gegen unbefugten Kuhbesuch. (Foto: Fredi Lerch)
  • Chuenisbärgli im Sommer: Après-Ski in der Zwischensaison. (Foto: Fredi Lerch)

Quert man i der Münti den Allebach und steigt den steilen, bewaldeten Gegenhang hinauf, führt uf der Fure der Wanderweg hinaus in die ansteigende Geissbrunnimatte, in der jetzt, im Juli, blühende Gräser hüfthoch stehen. Links das Zielgelände. Dort unten hat im letzten Winter im Rahmen der 58. Internationalen Adelbodner Skitage («AUDI Fis Ski World Cup») Felix Neureuther nach dem gewonnenen Riesenslalom dem Fernsehpublikum erklärt, wie man mit Vollgas Sieger wird. An diesem düppigen Vormittag sind im Zielhang allerdings die Bremsen bös.

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1943/44 ist an diesem Hang ein neuer Skilift gebaut worden. In jenem Herbst ist aus dem «Bode», durch den die Entschlige talauswärts fliesst, beim Einnachten jeweils ein kaum fünfjähriger Bub bergauf gestiegen. Er hiess Christian Bärtschi. Eine knappe Stunde war er unterwegs bis hinauf zum «Staafel» im «Bärgli». Dort hat er für die «drüü Chueleni», das «Guschti» und das «Chalp» im Auftrag seines Vaters, der jeweils später nachgekommen ist, «aafaa hirte»: «Aafaa hirte, das het ghiisse: Ir Dili Höuw rüschten u dur ds Bareloch ahi i Stall laa, d Barneni füle, den abschore, wüschen u der Mischt mit der Stossbene usi uf ä Mischthuffe tue.»

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Im steilen Hang gegen «Piere’s Läger» hinauf erleichtern einige verstrebte Holzträmel als Stufen das Gehen durchs feuchte Gras. Oben tritt man auf die geteerte Fahrstrasse, auf der eben der Briefträger im gelben Firmenauto der Post bergaufwärts verschwindet. Nach dem nächsten Rank zweigt der Trampelpfad wieder links in die Falllinie ab. Denn dieser «Bergwanderweg» heisst «Weltcuptrail Chuenisbärgli», und alle zwei-, dreihundert Meter stehen Informationstafeln und sagen, was aus Sicht der Public Relationsabteilung jener Industrie zu sagen ist. Vor der Alphütte Schnittenbergli zum Beispiel beginnen die Ausführungen mit der Belehrung: «Ohne Sponsoren läuft nichts.»

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Hier, auf dem Schnittenbergli, war es: Hier hat der fünfjährige Christian im November 1943 jeweils «aafaa hirte», bis der «Att» nachgekommen ist, «fur ä Stall fertigzmache». Zusammen mit dem Vater hat er danach jeweils etwas Kleines «Znacht» gemacht – «Palente ol gsotteni Häbeni», Mais oder Kartoffeln. Bevor sie ins Bett gegangen sind, haben sie «bim Liecht vam Petrollämpi äs Kapitel us der Bibli gläse», wie es in ihrer Gemeinschaft üblich war. Am anderen Morgen ist der Vater lang vor dem Buben talwärts davon: Er hat «im Vorschwand bim Fritz Luuber gschryneret».

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Am 11. Januar 2014 gelang dem Deutschen Felix Neureuther vor dem staunenden internationalen Fernsehpublikum eine Überraschung. Er stiess im zweiten Lauf des Riesenslaloms vom siebten auf den ersten Platz vor und sagte danach im Zielraum zum Reporter des Schweizer Fernsehens: «Ich liebe diesen Hang. Er ist brutal schwer und technisch wirklich schwierig. Ich wollte einfach Vollgas geben, und das habe ich im zweiten Umgang super umgesetzt. Ich hab, denk ich, am wenigsten Fehler gemacht und, na ja, dann ist der Sieg dabei rausgekommen.» Ist der Vater bergab zur Arbeit verschwunden, hat der kleine Christian jeweils noch «fertig ghirtet» und ist danach «desahi gäge Bode zur Mueter u zu de Gschwischterte». Lag Schnee, ging’s schnell: «D Abfahrt var Wiid i Bode han ig wi my Hosensack bchennt, jedes Hübi und jedi Ggula. Also og nachts hets mer ki Chummer gmacht, dur di Chuenisbärgli-Pischte ahi z kurvne.» Mag sein, auch Neureuther käme hier nachts sturzfrei hinunter. Aber sicher hätte der kleine Christian kein fernsehtaugliches Interview zu geben gewusst, bloss weil er sich, um «ahi z kurvne», «Lade» an «di gnaglete Bärgschue» geschnallt hat.

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Die schwüle Wärme treibt den Schweiss in die Augen, und ich komme ins Schnaufen. Aber es ist ein gutes Gefühl, dort bergauf zu gehen, wo nur jene gewinnen, die am schnellsten bergab fahren. Wo ich eine Matte mit blühenden Orchideen sehe, sehen jene bergab den plattgewalzten Startschuss, den sie «Kanonenrohr» nennen. Oben stehe ich vor der lützelen Hütte aus Holzträmeln, die in der mittäglichen Live-Übertragung im Januar jeweils aussieht wie ein properes Swiss-Chalet. Zurzeit ist es mit einem Stacheldraht gegen unbefugten Kuhbesuch geschützt. Über dem Ausgang Richtung «Kanonenrohr» steht «Starthaus Riesenslalom». Drinnen an die Trämel geschraubt eine Schalttafel mit Steckdosen. Jene ganz rechts ist mit einem Klebeband gesichert, auf der «TV» steht: Einen Stecker für diese Buchse und ein artistisch geschulter Laienschauspieler, der sich mit pathetischem Geschrei zu Tal stürzt: Mehr braucht’s nicht für die Siegillusionen der Fernsehverlierer (zu denen auch ich gehöre).

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Christian Bärtschi tritt nach einem Welschlandaufenthalt 1955 in das Berner Seminar Muristalden ein. Als man ihn zum ersten Mal ins Münster zu einem Orgelkonzert mit Bach-Musik einlädt, ist er ratlos: «Under me Bach im Münschter han ig mer nät viel chöne vorstele. Bach – was ischt ächt das? Doch wol nät em Bach mit Wasser wie d Entschliga?» Bärtschi ist Lehrer geworden; arbeitete sechs Jahre als Entwicklungshelfer in Argentinien, studierte Psychologie, Heilpädagogik und Erwachsenenbildung, leitete zwanzig Jahre lang ein heilpädagogisches Heim und später die Geschäftsstelle des Heimverbands Schweiz, Sektion Bern. Heute ist er Redaktor der «Adelbodmer Hiimatbrief» und Initiant und Betreuer des dortigen Dorfarchivs. Seine Aufzeichnungen in astreinem Adelbodner Deutsch sind eben als Buch erschienen – das Wort «Vollgas» kommt darin nicht vor. Darum wird dieses Buch weniger weit verbreitet werden als Neureuthers aktuelle Sentenz zur Fussball-Weltmeisterschaft, die dem Portal sportal.de das gebührende Gewicht verleiht: «Als Mitspieler würde mich das nerven, wenn einer vorne den Ball verliert und nicht Vollgas zurücksprintet. Das würde mich fuchsteufelswild machen.» Man glaubt’s.

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Einige Schritte weiter liegt das Chuenisbärgli-Berghaus, das nun, im Sommer, als Alphütte dient, in der käset wird. Eben kommt eine junge Frau mit Mistbäre um die Hausecke und grüsst den vorbeigehenden Touristen routiniert freundlich. Dann weiter hangabwärts Richtung Bärgläger. Nach wenigen Schritten tauche ich in einen Tannenwald ein. Ausser Konkurrenz, aber in meinem Rhythmus, gehe ich jetzt über Steinplatten und federnden Moosboden abwärts. Für den Nachmittag ist Regen angesagt.

Christian Bärtschi: Ds Nieseliecht. Erläbts un Ersinets us em Frutigtal, Frutigen (Egger) 2014, 108 Seiten, 19.50 Franken, ISBN-Nr. 978-3-9520760-8-8 (Zitate: Seiten 15 f., 30 + 85).