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Sommer, das ist Hitze und endlos Zeit

Der Sommer von Christoph Reichenau: Eine Spanne Zeit im Jahr, die zu wenig verpflichtet und manches ermöglicht.

Als Schüler fürchtete ich den Sommer ebenso wie ich ihn herbei wünschte. In den Ferien zerfloss die Struktur der Tage, war Zeit ohne Zahl, gab es mehr Zeit als Ideen, sie zu nutzen. Allem Lesen, Rennen, Spielen zum Trotz – die Tage endeten nicht, der Abend blieb so lange hell. Lange Zeit, ein Gemenge aus Längizyt und Langeweile, unbestimmte Sehnsucht, leise Wehmut. Alleinsein inmitten der Menschen, die die Nacht unterm Sternenhimmel genossen.

Die lange schulfreie Zeit, deren Ende nicht absehbar war, lag wie ein uneinlösbares Versprechen über mir, ein Schatz an Möglichkeiten, den ich nicht ans Licht fördern konnte. Irgendwann begann die Schule wieder, gerann die Struktur der Tage, Wochen, Monate. Mit der Zeit engte sie ein. Die Hoffnung auf ein unbestimmtes Anderes meldete sich erneut.

So bedeutete Sommer für mich die Freiheit und die Angst davor. Das ist 60 Jahre her.

Drei Jahrzehnte später ein paar Sommer im gemieteten Haus mit Freunden in der Toscana. Die Fülle der kühl beginnenden, lange dauernden Tage voller Möglichkeiten. Ein neues Sommergefühl. Auch eine trotzig-sehnsüchtige Empfindung der Hitze. Sie ist jener verwandt, die Camus in «Der Fremde» beschreibt: «Die Hitze legte sich mit ihrem ganzen Gewicht auf mich und stemmte sich mir entgegen. Und jedesmal, wenn ich ihren heissen Atem auf dem Gesicht fühlte, biss ich die Zähne aufeinander, ballte die Fäuste in den Hostentaschen und spannte mich, um über die Sonne und den dunklen Rausch, den sie über mich ergoss, zu triumphieren.»

Jetzt im Alter wird der Sommer immer kostbarer. Wie viele habe ich? Mache ich sie zu «meinem Sommer»?  Bin ich mir der Chance bewusst, überhaupt noch «machen» – selber ein wenig gestalten – zu können?

Mein Sommer. Das Privileg liegt darin, dass er nichts Bestimmtes ist: Eine Spanne Zeit im Jahr, die zu wenig verpflichtet und manches ermöglicht. Sommer ist der Aggregatzustand der Möglichkeit. Der Zauber des Andern. Er hält nur, weil er wieder vergeht. Und hoffentlich nochmals kommt.