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Der Anarchist auf dem Bremgartenfriedhof

Michail Bakunin und die Idee der Anarchie sind eins. Der russische Denker und Revolutionär kam am 30. Mai 1814 in Prjamuchino zur Welt und starb am 1. Juli 1876 in Bern. Sein Grab liegt auf dem Bremgartenfriedhof.

Michail Alexandrowitsch Bakunin, Anarchist (1814–1876). (Foto: Wikipedia)

Als 1923 von Ricarda Huch die erste deutsche Biographie «Michael Bakunin und die Anarchie» erschienen war, schrieb Hermann Hesse: «Was seit 70 Jahren in Europa an Revolution praktiziert worden ist, daran hat Bakunin schöpferischen, gestaltenden Anteil.» Wer war der Mann, dessen Name noch heute für das Gedankengut der Anarchie steht? Christof Berger versetzt sich in Bakunin hinein und erzählt in dessen Namen.

Am 30. Mai 2014 würde ich 200 Jahre alt. In meinem Leben bin ich weit in der Welt herumgekommen und Bern war meine letzte Station.

Ich stamme aus dem kleinen Dorf Prjamuchino, etwa 250 Kilometer nordwestlich von Moskau gelegen. Mein Vater war Aristokrat und auf unserem Landgut gab es über 500 Leibeigene. Mit 14 wurde ich als Kadett in die Artillerieschule St. Petersburg geschickt, weil man für mich eine Militärlaufbahn vorgesehen hatte. Mit 18 erlebte ich, wie brutal das Militär gegen polnische Aufständische vorging. Die militärischen Umgangsformen und Hierarchien sind mir seitdem zutiefst zuwider.

1835 brach ich die Sache ab. Fast wäre ich noch als Deserteur verurteilt worden. Mit 22 ging ich nach Moskau und begann Philosophie zu studieren. Ich hatte bereits Kant, Fichte und Schelling gelesen und beschäftigte mich im Studium schwerpunktmässig mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel, den ich ins Russische übersetzte. Im Sommer 1840 fuhr ich nach Berlin mit der Absicht, dort das Studium fortzusetzen und mich für eine Professur in Moskau vorzubereiten.

«Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust.»

Michael Bakunin

In Berlin lerne ich Ludwig Feuerbach und andere Vertreter der Junghegelianer kennen, die sich gegen die repressiven Verhältnisse in Preussen auflehnten. Es war eine Zeit grosser Umbrüche. Ich schrieb meinen ersten politischen Artikel «Die Reaktion in Deutschland» mit dem Schlusssatz: «Die Lust der Zerstörung ist zugleich eine schaffende Lust.» Ich setzte mich für die Freiheit der Individuen von allem staatlichen Zwang sowie eine totale Umwandlung des bestehenden Zustands ein.

1843 kam ich erstmals in die Schweiz, nach Zürich, und später nach Bern, wo ich beim Philosophen Carl Vogt wohnte. Da ich bereits einige revolutionäre Umtriebe unterstützt hatte und auch meiner Schriften wegen wurde ich allenthalben gesucht. Auch in Russland hatte mich der Zar zu Zwangsarbeit verurteilt und forderte meine Auslieferung. Fortan reiste ich viel. In Paris hatte ich zum Beispiel intensiven Kontakt mit dem Philosophen Pierre Joseph Proudhon und lernte Karl Marx kennen.

Da ich 1849 führend am Dresdener Aufstand teilgenommen hatte, wurde ich verhaftet, zum Tode verurteilt und aber letztlich nach zwei Jahren an Russland ausgeliefert. Dort wurde ich nochmals sechs Jahre eingekerkert, was mich meine Gesundheit kostete, und später nach Sibirien verbannt, von wo ich nach vier Jahren 1861 via Japan und Amerika nach London fliehen konnte.

Bakunins Grabstein, Bremgartenfriedhof. (Foto: Christof Berger)

Bakunins Grabstein, Bremgartenfriedhof. (Foto: Christof Berger)

Zurück in Europa engagierte ich mich in der «internationalen Arbeiterassoziation» (Erste Internationale) und entwickelte meine Idee, die heute als «kollektivistischer Anarchismus» bekannt ist. Ich finde, dass sich die Produktionsmittel der Wirtschaft nicht im Eigentum von Privatpersonen befinden dürfen, da dies die Menschen zwingt, für die Eigentümer zu arbeiten. Produktionsmittel sollen überschaubaren Kollektiven gehören und von den Produzenten, also den Arbeitern, selbst kontrolliert und verwaltet werden. Die Gemeinschaft des Kollektivs bestimmt demokratisch, wie die Einkünfte verteilt werden.

Föderalistische Strukturen können den Staat vollständig ersetzen.

Michael Bakunin

Auch die Produkte des täglichen Lebens sollten möglichst kommunal produziert und gehandelt werden. Föderalistische Strukturen können den Staat und andere autoritäre zentralistische Institutionen vollständig ersetzen. Ich lehnte im Gegensatz zu Marx, mit dem ich sonst in vielem einig war, den Aufbau von Arbeiterparteien und deren Teilnahme an Wahlen strikt ab. Mein Ziel wäre eine Revolution gewesen, die den Staat vollständig zerschlagen und jegliche Privilegien Einzelner abgeschafft hätte.

Die «Internationale» spaltete sich infolge unserer Richtungskämpfe in eine sozialdemokratische und eine anarchistische Richtung und ich wurde ausgeschlossen. Mit den Uhrenarbeitern im Westschweizer Jura half ich die Juraföderation zu gründen, eine revolutionäre Bewegung. Sie orientierte sich am anarchistischen Gedanken. Wir sowie Gleichgesinnte aus Spanien, Italien, Belgien und Holland verstanden die Föderation als die einzig legitime «Internationale». Die Bewegung hatte nicht lange Bestand, aber ihr Kampfgeist lebt im Jura noch heute.

Krank und mittellos resignierte ich im Alter.

Michael Bakunin

Meine Ideen wurden leider nie im grossen Rahmen umgesetzt, wohl aber in kleinräumigen Strukturen, wo sie scheinbar nicht so schlecht funktionierten. Aber das habe ich leider nicht mehr selbst erlebt. Krank und mittellos, resignierte ich im Alter. Ich hätte mir von den Massen mehr Mut gewünscht, sich gegen ihre Knechtung aufzulehnen. Stattdessen hatten sie Angst um das Wenige, das sie besassen, waren harmlos und träge.

Im Sommer 1876 musste ich mich aus gesundheitlichen Gründen nach Bern in die Krankenpension von Adolf Vogt begeben, dem Bruder meines Freundes Carl Vogt. Die gute Pflege dort konnte aber nicht verhindern, dass ich am 1. Juli mit 62 Jahren starb.

Seit nunmehr 138 Jahren liege ich in Bern auf dem Bremgartenfriedhof. Dass es nach so langer Zeit immer noch Menschen gibt, die mein Grab besuchen kommen und auch zuweilen ein Blümchen darauf legen oder eine Kerze anzünden, freut mich.

Recherchiert und erzählt von Christof Berger.