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Rendite oder doch preisgünstig?

Aus den Quartieren

Für den Soziologen Dominic Zimmermann von der Uni Bern hängt das Ausmass der Gentrifizierung von den Modalitäten ab. Er fordert wohnbaupolitische Instrumente wie zinslose Darlehen an gemeinnützige Bauträger.

Dominic Zimmermann befasst sich beruflich mit Verdrängungs-Prozessen. (Foto: zvg)

Werden Mieterinnen und Mieter zunehmend verdrängt, weil man aus finanziellen und wohl auch aus praktischen Gründen vermehrt Wohnhäuser nicht saniert, sondern neu baut?

Dominic Zimmermann:

Die Vermutung scheint nahe liegend, jedoch ist sanieren nicht zwangsläufig günstiger. Ob preisgünstig saniert werden kann, hängt mitunter davon ab, ob in der Vergangenheit die notwendigen Unterhaltsarbeiten geleistet worden sind, wie stark modernisiert werden muss, um zeitgemässe Wohnungen zu schaffen und nicht zuletzt auch davon, welcher Ausbaustandard angestrebt wird und wie einfach dieser zu verwirklichen ist.

Worauf kommt es dann an?

Es ist entscheidend, was mit der Sanierung oder dem Neubau bezweckt wird. Geht es um möglichst hohe Rendite oder will man preisgünstigen Wohnraum nach Kostenmiete oder gar subventionierte Wohnungen anbieten? Das Ausmass einer Verdrängung hängt unter anderem von den Rahmenbedingungen ab. Gewinnorientierte Immobilienbesitzer versuchen, durch Modernisierung oder Neubau einen möglichst hohen Markt-Mietpreis zu rechtfertigen. Es kann dadurch zur Verdrängung vieler Mieter kommen, weil sich diese die neuen Mietpreise nicht leisten können. Dies auch trotz eingeräumtem Vormietrecht. Doch ebenfalls genossenschaftliche Modernisierungs- oder Neubauprojekte müssen nicht automatisch günstigen Wohnraum schaffen. Deshalb sind griffige wohnbaupolitische Instrumente wichtig, wie zinslose Darlehen an gemeinnützige Bauträger.

Wohin wird die angestammte Mieterschaft verdrängt und was sind die häufigsten Alternativen?

Generell ist anzunehmen, dass Verdrängte dahin ziehen, wo es eben noch günstige Mieten gibt. Oft sind dies nicht sanierte Wohnhäuser, häufig in der städtischen Peripherie oder an stark befahrenen Verkehrsachsen mit hohen Lärm- und Schadstoffemissionen. Da heute viele Grosswohnsiedlungen einen hohen Anteil an älteren Menschen aufweisen, ist auch das Altersheim als wichtiger nächster Wohnort zu nennen. Zudem gibt es auch Lösungen, die sich nicht unbedingt in ausgeprägter räumlicher Mobilität niederschlagen. So rückt zusammen, wer zwar nach der Modernisierung oder dem Neubau eine Wohnung im Quartier behalten will, doch sich den höheren Mietpreis nicht leisten kann. Dann teilen sich Familien, Paare oder Einzelpersonen dieselbe Wohnung. Schliesslich ziehen nicht alle, die von Mietzinserhöhungen betroffen sind, tatsächlich weg oder mit anderen zusammen. Sie haben aber nach der Modernisierung oder dem Bezug des Ersatzneubaus deutlich weniger Geld im Portemonnaie.

Führt diese Problematik zu beschleunigten Eintritten in Altersheime?

Ja, und das kann sehr tragisch sein. Denn es geht um Menschen, die vielleicht 30, 40 Jahre oder noch länger zu bescheidenen Mieten im gleichen Quartier gewohnt haben, dort ihre sozialen Kontakte und den Lebensmittelpunkt hatten. Diese Senioren sind möglicherweise noch durchaus rüstig, treten aber unter diesen Umständen frühzeitig ins Altersheim über. Ferner wird so auch die Allgemeinheit durch mehr Sozialausgaben wie AHV-Ergänzungsleistungen und staatlich getragene Heimkosten stärker belastet.