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Gotthelf-Edition: Das sagt der Dekan

Das Gotthelf-Editionsprojekt erhält eine neue Leitungsstruktur und verliert Wissen. Dafür steigt ein anonymer Sponsor ein. – Zwei Fragen an Michael Stolz, den Dekan der philosophisch-historischen Fakultät der Universität Bern.

Zur neuen Leitungsstruktur der Gotthelf-Edition: Bekanntlich soll PD Christian von Zimmermann das Projekt als alleiniger Leiter weiterführen. Prof. Barbara Mahlmann bearbeitet bis zur Emeritierung ohne Leitungsfunktion noch ihr Teilprojekt weiter. Diese «Entmachtung» von Mahlmann hat in deren Projektteam für Unruhe gesorgt. Nicht auszuschliessen ist, dass es zu Abgängen und demnach zu einem Wissensverlust kommt. Wie schätzen Sie die Krise im Gotthelf-Projekt aus editionsphilologischer Sicht ein?

Michael Stolz:

Aus editionsphilologischer Sicht halte ich es prinzipiell für wichtig, dass über Jahre aufgebaute Kompetenzen erhalten bleiben. Es ist Sache des Editionsteams, solche Kompetenzen zu bewahren und bei allfälligen personellen Wechseln – zum Beispiel wegen auswärtiger Stipendien oder Berufungen auf externe Stellen – diese sachgerecht und personell fair weiterzugeben. Ich spreche diesbezüglich aus der Erfahrung eines eigenen Editionsprojekts, das ich seit vielen Jahren leite.

Hinsichtlich der Leitungsstrukturen des Gotthelf-Projekts kann ich keine hinreichende Antwort geben, da es sich hierbei um Interna handelt, die am Laufen und nicht in der Öffentlichkeit zu verhandeln sind. Prinzipiell gilt hier aber das oben Gesagte, dass nämlich Kompetenzen im sachlichen Interesse des Projekts und seines Mitarbeiterstabs erhalten bleiben müssen.

Die Anschubfinanzierungsgelder von Nationalfonds und Kanton scheinen zur Neige zu gehen. Der Nationalfonds wird wohl weitere Beiträge sprechen, drängt aber auf eine Redimensionierung des gigantischen Projekts. In dieser Situation ist ein anonymer Sponsor aus der Privatwirtschaft aufgetaucht, der sich bereit erklärt zu haben scheint, das Projekt zu unterstützen. Wieviel privates Engagement, das immer auch privates Interesse bedeutet, erträgt ein historisch-kritisches Editionsprojekt? Und: Wie üblich ist Sponsoring in beträchtlichem Mass für solche Projekte?

Über die aktuelle finanzielle Situation des Projekts habe ich keinen exakten Überblick. Faktum ist jedoch, dass das Projekt seit vielen Jahren über diverse Geldgeber finanziert wird und dass Institutionen wie der Schweizerische Nationalfonds die Finanzierung editorischer Langzeitprojekte weiter ernsthaft prüfen werden. Zu der in der Tat grossen Dimensionierung des in der Literaturgeschichte des 19. Jahrhunderts angesiedelten Gotthelf-Projekts kann ich als Mediävist meinerseits keine hinreichend kompetente Einschätzung geben. Es muss Aufgabe unabhängiger, von den Geldgebern einberufener Sachverständiger sein, die Angemessenheit des Aufwands zu prüfen.

Nichtöffentliches Sponsoring für wissenschaftliche Projekte ist ein durchaus übliches, legitimes und in Zeiten knapper öffentlicher Kassen auch notwendiges Mittel der Forschungsförderung. Ihre Frage, «wieviel» privates Engagement ein Editionsprojekt verträgt, kann nicht mit einer konkreten Zahl beantwortet werden, da die Antwort vom jeweiligen Zuschnitt des Projekts abhängt – den ich in diesem Falle nicht hinreichend genug kenne.

Es gehört zur Ethik des Sponsorings, dass der Geldgeber mit seiner Unterstützung keine privaten Interessen, etwa im Sinn einer tendenziösen Beeinflussung oder separierten Nutzung der Forschungsergebnisse verbindet. Diese Gefahr scheint mir bei einem Editionsprojekt allerdings auch beschränkt zu sein, denn eine Abänderung des in Manuskripten und Drucken überlieferten Wortlauts oder die einseitige Manipulation eines literarhistorischen Textkommentars würde von der wissenschaftlichen Gemeinschaft – zum Beispiel im Rahmen eines funktionierenden Review-Verfahrens und Rezensionswesens – durchschaut werden, was die Edition rasch in Misskredit brächte. Das Ergebnis der Editionsarbeit wird für eine breite wissenschaftliche und nichtwissenschaftliche Öffentlichkeit verfügbar sein, was dem Projekt nur zu wünschen ist.