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Journal B

Sagt, was Bern bewegt
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Einige merken es erst im Brautkleid

Die Stadt Bern geht neue Wege, um dem Problem Zwangsheirat zu begegnen. Sie informiert mögliche Vertrauenspersonen über Signale und Hilfsangebote. Journal B sprach mit Simone Eggler von Terre des Femmes über das Phänomen.

In den Sommerferien haben Zwangsverheiratungen Hochsaison. Weshalb kommt es überhaupt dazu?

Simone Eggler:

Das können Traditionen sein, ökonomische oder familiäre Überlegungen. Man will jemandem die legale Einreise in die Schweiz ermöglichen oder die Kontrolle über die Sexualität der Kinder haben. Man will vielleicht den Sohn disziplinieren, weil er homosexuell ist oder weil er keinen festen Job hat. Die Eltern hoffen, dass er Verantwortung übernehmen werde, sobald er Frau und Kinder habe.

Die Probleme einer solchen Ehe scheinen vorprogrammiert...

Ja, deshalb unterscheiden wir auch die Begriffe Zwangsverheiratung und Zwangsehe, obwohl der Bund sie unter dem Begriff Zwangsheirat zusammenfasst.

Oft ist es eine Kombination von Gründen, die zu einer Zwangsheirat führen. Man hofft, dass die Kinder die Identität ihres Herkunftslandes bewahren, wenn sie einen Partner oder eine Partnerin heiraten, die dort aufgewachsen ist. Religion ist ein Thema, obwohl alle Religionen die Zwangsheirat ablehnen. Zwangsheirat kommt vor allem in patriarchalen  Strukturen vor. Die Hierarchie der Geschlechter und der Generationen spielt eine zentrale Rolle. Die Ehre ist in solchen Gemeinschaften sehr wichtig. Sie ist sozusagen das Hammerargument. Denn mit der Ehre eines Individuums ist die Ehre der ganzen Familie angeschlagen, wobei die Ehre einer Frau, und damit die Ehre ihrer Familie, höchstens durch Heirat oder durch massive Gewalt wie Verstossung oder Mord wieder herstellbar sind.

Zerstört ist die Ehre aber sehr schnell. Es kann reichen, dass ein Mädchen dabei gesehen wird, wie es mit einem fremden Mann spricht. Das Kollektiv ist wichtiger als das Individuum. So entsteht zum Teil durch die Gemeinschaft ein grosser Druck auf die Eltern. Das steht allerdings im Widerspruch zum Schweizer Recht auf Selbstbestimmung.

Wie läuft ein Prozess der Zwangsverheiratung ab?

Es gibt keine Regel. Manche Eltern lassen ihre Kinder im Wissen darum aufwachsen, dass sie deren Partner bestimmen werden. Die Eltern suchen einen mehr oder weniger gleichaltrigen Partner und treffen mit der andern Familie bereits früh Abmachungen. Die für einander bestimmten Partner lernen sich schon im Kindesalter kennen und verloben sich. Damit besteht eine Verbindlichkeit zwischen den beiden Familien. Die Heirat findet statt, wenn die Partner volljährig sind oder die Ausbildung abgeschlossen haben.

Die Betroffenen wissen zwar was auf sie zukommt, aber sie wissen in der Regel nicht, was die Ehe bedeutet. Sie wissen nicht, was es heisst, Sexualität mit einer Person zu haben, die sie nicht selbst gewählt haben. Denn dem Zwang zur Heirat folgt in der Regel der Druck, Kinder zu zeugen. Nun kommt es vor, dass einer der beiden Partner kurz vor der Heirat Panik kriegt und nicht mehr heiraten möchte.

Einige merken aber auch erst im Brautkleid oder Anzug, was geschieht. Sie fahren wie alle Jahre mit der Familie in die Ferien. Im Heimatdorf ist ein Fest in Gang und wenn sie fragen, wer heiratet, erfahren sie, dass sie es selbst sind.

Was können Betroffene in so einem Fall tun?

Einige reagieren mit Widerstand und weigern sich, die Zeremonie mitzumachen. Sie sind aber oft grossem Druck der ganzen Familie ausgesetzt. Zum Teil werden sie eingesperrt oder geschlagen. Die Eltern machen den Kindern ein schlechtes Gewissen oder sie drohen damit, stattdessen die kleine Schwester zu verheiraten. Andere hoffen, dass sie die Heirat rückgängig machen können. In der Schweiz ist eine Ehe, die unter Zwang zustande gekommen ist, ungültig. Die Betroffenen haben also die Möglichkeit, bei ihrer Rückkehr in die Schweiz, Hilfe zu holen, sofern eine Rückkehr für sie vorgesehen ist. Wenn es etwa darum geht, eine Tochter zu disziplinieren, wird sie vielleicht ins Heimatland verheiratet. Insofern gilt, je früher jemand Hilfe sucht, desto grösser ist die Chance, dass die Heirat verhindert werden kann.

Wie kann man also merken, dass sich eine Zwangsverheiratung anbahnt?

Eine junge Frau weiss zum Beispiel, dass ihre Eltern den Partner suchen werden. Sie steht kurz vor dem Lehrabschluss und merkt, dass etwas in der Luft liegt. Wenn sie den Raum betritt, werden zum Beispiel Telefonate und Gespräche abrupt beendet. Vielleicht kriegt sie Geschenke oder wird vermehrt kontrolliert. Man begleitet sie zur Arbeit und holt sie wieder ab. Vielleicht ruft man zur Kontrolle sogar dort an.

Oft ist es das weitere Umfeld, das etwas merkt und sich bei der Beratungsstelle meldet. Die betroffene Person kann sich z.B. nicht mehr konzentrieren. Die Leistungen in der Schule oder an der Arbeit fallen ab. Oder die Betroffenen wollen keine Ferien beziehen. Im Extremfall kehrt eine Kollegin nach den Ferien nicht an die Arbeit zurück, obwohl sie gut integriert ist und ihre Arbeit mag, oder der Kollege erzählt nach den Ferien von seiner Frau, obwohl er vorher nie etwas von einer beabsichtigten Heirat gesagt hat.

Gerade Lehrerinnen und Lehrer, Ausbildungsverantwortliche im Lehrbetrieb und Vorgesetzte an der Arbeit haben die Chance, Probleme der betroffenen Person zu erkennen und sie darauf anzusprechen. Wichtig ist, dass sie die betroffene Person unterstützen und den Zugang zu spezialisierter Hilfe ermöglichen. Aber sie sollten nicht versuchen, selber mit der Familie eine Lösung zu finden. Es ist wichtig, dass das familiäre Umfeld nichts ahnt.

Was kann man dann tun?

Zwangsheirat.ch führt unter der Nummer 021 540 00 00 eine Hotline, die rund um die Uhr besetzt ist. Hier arbeiten sehr engagierte Menschen aus verschiedenen Ländern und Kulturen ehrenamtlich. Sie suchen gemeinsam mit den Betroffenen einen Lösungsweg. Manchmal sind nur extreme Lösungen möglich, zum Beispiel dass junge Leute sich in einer Schutzinstitution verstecken und ihre Identität ändern müssen. Und ein grosses Problem ist es natürlich, wenn jemand aus der Schweiz ins Ausland verheiratet wird.

Wenn die betroffene Person keinen Schweizer Pass besitzt, erlischt ihr Schweizer Aufenthaltsstatus nach sechs Monaten. In Deutschland geschieht dies im Falle einer Zwangsheirat erst nach zehn Jahren und England hat eine spezialisierte Truppe, die Leute gegebenenfalls zurückholt. Aber es gibt auch für die Schweizer Behörden Möglichkeiten, etwas zu tun. Wir empfehlen deshalb, bei einer Vertrauensperson einen Brief zu hinterlegen. Darin soll festgehalten sein, dass man mit der Heirat nicht einverstanden sei. Die Vertrauensperson kann sich damit an die Behörden wenden, falls man aus den Ferien nicht zurückkommt. Je mehr Hinweise und Belege die Behörden auf eine Zwangsheirat im Ausland haben, desto mehr können sie machen.

Ist der Preis, sich gegen eine von den Eltern vorgesehene Heirat zu wehren, nicht riesig?

Ja. Die Grenzen zwischen Zwangsehe und arrangierter Ehe sind fliessend. Hier ist das subjektive Empfinden der betroffenen Personen auschlaggebend, ob es sich um eine Zwangsehe oder um ein Arrangement handelt. Es kann auch zur Versöhnung kommen. Wir hatten den Fall einer jungen Frau aus der Türkei, die eine neue Identität annehmen musste. Sie heiratete ihren Freund und bekam ein Kind. Unter grossen Sicherheitsvorkehrungen suchte sie, als das Kind auf der Welt war, den Kontakt zu ihren Eltern, die sich dank dem Enkelkind mit der Tochter versöhnten.

In welchen Kulturen kommen Zwangsehen vor?

In der Schweiz haben wir vor allem Fälle aus dem Kosovo, der Türkei und Sri Lanka. Aber auch aus andern Ländern des Balkan, aus Afrika und Asien. Sie sind muslimisch, christlich und hinduistisch. Es sind immer konservative, religiöse Kreise mit patriarchalen Strukturen. Die Zwangsehe betrifft aber alle Gesellschaftsschichten. Sie kann also auch von sehr gebildeten Eltern veranlasst werden. Die meisten haben einen Migrationshintergrund.

Viele lateinamerikanische Frauen leben in einer Ehe, die sie nicht verlassen können, obwohl sie sie freiwillig eingegangen sind. Wir sprechen auch hier von einer Zwangsehe. In Freikirchlichen Kreisen gibt es – wenn auch nicht gerade die Zwangsheirat – den Zwang zur Ehe als Lebensform. Auch diese Menschen sind unter Umständen in ihrem Recht auf Selbstbestimmung stark eingeschränkt. Man weiss aber noch sehr wenig darüber.

Kann die Gesellschaft etwas gegen Zwangsehen tun?

Ja. Sie kann konkrete Lösungen dafür finden und versuchen, das Problem an der Wurzel anzupacken. Ursache von Zwangsehen ist die Ungleichstellung der Geschlechter und der Mangel an Selbstbestimmung. Diese aber ist ein Menschenrecht. So versuchen wir, einerseits die Kinder und Jugendlichen über ihre Rechte und Unterstützungsangebote aufzuklären, und andererseits bei den Familien einen Wertewandel herbeizuführen. Denn Menschenrechte sind universelle Werte. Aus unserer Sicht ist das individuelle Recht höher zu werten als der Kulturrelativismus.

Die Stadt Bern teilte letzte Woche mit, sie gehe neue Wege. Ist das so?

In Bern ist das Thema politisch verankert. Das Kompetenzzentrum Integration ist verantwortlich dafür. Es sensibilisiert mit Flyern und Kampagnen. Seit 2009 organisiert es einen Runden Tisch zum Thema. Die Einwohnerdienste der Stadt Bern informieren Neuzuzüger über die Gleichstellung von Mann und Frau und dass Zwangsheirat illegal ist. Nun hat die Stadt zusammen mit uns eine Informationskampagne lanciert, um mögliche Vertrauenspersonen in Schulen und Betrieben zu sensibilisieren. Die Kampagne richtet sich auch an Ärzte, die bisher zu wenig sensibel gewesen sind. Wenn ein Arzt einem Mädchen das Jungfernhäutchen wieder annäht, ohne nach den Gründen dafür zu forschen, ist das ziemlich fatal.