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Schändung der Schwächsten

Der Kinderschänder H. S. ist verurteilt. Für die meisten ist der Fall damit abgeschlossen. Aber 124 meist behinderte Kinder werden an seinen Taten ihr Leben lang zu leiden haben. – Ein Gespräch mit Brigitte Häni.

Brigitte Häni ist Mutter eines 21jährigen autistischen Sohns und wohnt in Bern. (Foto: zvg)

Vor knapp zwei Wochen wurde der pädophile und psychisch gestörte Sozialtherapeut H. S. zu 13 Jahren Gefängnis und einer stationären Massnahme verurteilt. Schuldig gesprochen wurde H. S. unter anderem wegen Schändung und sexueller Handlungen mit Kindern, Abhängigen und Anstaltspfleglingen sowie wegen Pornografie. Vor Gericht wurden 33 Fälle behandelt, der Mann hatte aber gestanden, über mehrere Jahrzehnte hinweg insgesamt 124 Behinderte in mehreren Heimen sexuell missbraucht zu haben. Zahlreiche Fälle wurden jedoch nicht behandelt, weil sie verjährt sind.

Kurz vor der Verkündung des Urteils hat sich Brigitte Häni per Mail beim Journal B gemeldet. Sie ist Mutter eines 21-jährigen autistischen Sohns und schrieb: «Es ist so brutal, was da passiert ist. Es sind wirklich Leben zerstört worden.» Im Anhang des Mails an die Redaktion fand sich ein Plädoyer, das für uns Anlass war, Brigitte Häni zu einem Gespräch zu treffen.

H. S. ist wegen Schändung von 124 meist behinderten Kindern zu 13 Jahren Gefängnis und stationärer Massnahme verurteilt worden. Bern geht wieder zur Tagesordnung über. Können sie das als Mutter eines behinderten Sohns auch?

Brigitte Häni:

Nein. Wobei ich sagen muss: Unsere Familie ist von dem, was H. S. getan hat, nicht direkt betroffen, aber trotzdem betroffen. Unser heute 21-jähriger Sohn ist – wie viele von den Opfern – geistig und autistisch behindert und hat die Nathalie-Stiftung besucht. Er kam aber abends und an den Wochenenden stets nach Hause. Er hat nie im stiftungseigenen Tannhalde-Internat in Gümligen übernachtet, wo H. S. zwischen 2002 und 2008 gearbeitet hat. Unser Sohn hatte wohl auch deshalb Glück, weil er ein positives und einnehmendes Wesen hat, was den Täter möglicherweise angesprochen hätte.

Insofern ist Ihre Familie also nicht direkt betroffen.

Ja, aber andererseits hat unser Sohn weit über zehn Jahre lang die Schule der Nathalie-Stiftung besucht, zum Teil zusammen mit Opfern von H. S.

Auch Sie kennen solche Kinder und ihre Familien?

Ja, aber viel Kontakt hatte man nicht. Die Kinder kamen aus der weiteren Region, die Schulklassen waren sehr klein und relativ viele Kinder hatten ausländische Eltern, die nicht selten schlecht deutsch sprachen. Darum lernte man sich nur ausnahmsweise kennen. Behinderte Kinder und ihre Familien leben am Rand der Gesellschaft, gerade, wenn sie nicht noch, wie wir, ein gesundes Kind haben, weil dann die Integration in der Nachbarschaft meist sehr schwierig ist. Ich kenne Familien, die sehr abgeschottet lebten. Ich bin mitbetroffen, weil meine Familie viele Jahre lang teilweise in einer ähnlichen Situation war.

Nun hat H. S. nicht gesunde, sondern behinderte Kinder missbraucht. Man könnte sagen, das sei weniger schlimm, weil sie den Missbrauch weniger bewusst erlebt hätten.

Das Gegenteil wäre wohl richtiger: Das Schlimmste an den Taten dieses Mannes ist, dass seine Opfer ein Leben lang daran leiden werden. Diese Kinder waren zum Teil jahrelang einem Verbrecher ausgeliefert und niemand hat es gemerkt. Das waren Kinder, die nichts sagen, weil sie oft gar nicht sprechen können; Kinder, die nicht verstehen, was passiert und sich in keiner Weise wehren können. Dieser Mann hat zum Teil die Lebensperspektive seiner Opfer vollkommen zerstört.

Wie meinen Sie das?

Schwer behinderte Kinder können oft zwar nicht sprechen, aber sie leiden. Als Folge davon kommt man je nachdem nicht mehr an sie heran und sie geraten in eine Krise. Sie entwickeln ein selbstverletzendes oder ein übersexualisiertes Verhalten, werden für die Institution untragbar und müssen psychiatrisiert werden. Und was passiert mit ihnen, wenn sie mit 18 die Nathalie-Stiftung verlassen sollen? Die Suche nach einem Platz für sie ist sowieso schwierig. Misslingt sie als Folge des Missbrauchs, bleibt auch hier nur die psychiatrische Klinik. Ich kenne Angehörige, die gerade wegen der verminderten Lebenschancen ihres Kindes verzweifelt sind. Die sich Vorwürfe machen: Hätte ich nicht merken müssen, was da läuft? Der Schaden, den H. S. angerichtet hat, ist wirklich unabsehbar.

Ein anderer Aspekt dieses Falls ist, dass sich nun das Klima des institutionellen Alltags verändert.

Hier gilt unsere Solidarität den Lehrern, den Heilpädagoginnen, Betreuern und Praktikantinnen. Ich habe erlebt, wie sich diese Fachleute immer wieder mit riesigem persönlichem Engagement eingesetzt haben, dass es den Kindern und Jugendlichen gut geht und dass sie soweit wie möglich gefördert werden. Es kann ja nicht sein, dass insbesondere die Männer, weil sie halt männlichen Geschlechts sind, unter Generalverdacht gestellt werden. Ich weiss von Angestellten, die darunter leiden, jetzt quasi permanent unter Aufsicht zu arbeiten.

Körperkontakt mit den behinderten Kindern ist ja kaum zu vermeiden.

Bei der Arbeit mit stark behinderten Kindern ist Körperkontakt pädagogisch vernünftig und oft unumgänglich. Das macht Übergriffe besonders perfid. Ich denke an jene Kinder, die im Rollstuhl sitzen; an jene die gewickelt werden müssen; an jene, die man auf die Toilette begleiten muss; jene, denen man beim Duschen oder beim Umziehen helfen muss, wenn die Schulgruppe ins Schwimmbad geht. Körperkontakt ist hier im Alltag völlig normal.

Zudem wird in der Nathalie-Stiftung mit dem heilpädagogischen Modell von Félicie Affolter arbeitet, bei dem über das Führen und Spüren automatisierend auf das Kind eingewirkt wird. So lernen die Kinder, gewisse alltäglichen Verrichtungen selber auszuführen. Körperkontakt gehört hier auch zur Lernsituation.

Nach dem Fall H. S. verschärft man in den Institutionen nun die Vorschriften, um Missbrauch zu verhindern. Das führt nicht nur zu Einschränkungen, sondern auch zu Verkomplizierungen und zu Verteuerungen – etwa wenn bei gewissen Tätigkeiten das Vier-Augen-Prinzip angewendet werden muss.

Abgesehen von diesem Fall: Wie schätzen Sie die heutigen Stärken und Schwächen der Behindertenbetreuung in den Institutionen ein?

Ich kann nur für die Nathalie-Stiftung sprechen, die die Allerschwächsten aufnimmt. Hier arbeitet man in Schulklassen mit vier Behinderten und kann so in gewissen Sequenzen Eins-zu-eins-Betreuung garantieren. Das ist eine grosse Stärke, weil solche Sequenzen gerade bei der Förderung schwer Behinderter nötig sind. Auf der anderen Seite gibt es den Aspekt des Ghettomässigen bei all diesen Institutionen. Man kann sich für jedes behinderte Kind fragen, was aus ihm geworden wäre, wenn es integriert in der normale Schule aufgewachsen wäre. Das müsste man allerdings fallweise betrachten.

Was geht Ihnen heute durch den Kopf, wenn sie das Kürzel H. S. hören?

Es ist Wut. Wut darüber, was er getan hat. Und Wut, dass der das so lange durchziehen und so oft seine Stelle wechseln konnte. Das Widerlichste ist, dass er sich für seine Übergriffe die Allerschwächsten ausgesucht hat.