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Fliegen im Relief

Jahresrückblick von Christian Pauli: Der Weg von Rüeggisberg nach Hinterfultigen braucht seine Zeit. Zeit um nachzudenken über das Pendeln und das Dazugehören, aber auch über das vergangene Jahr.

(Foto: Christian Pauli)

Hinterfultigen hat das Zeug zum Mythos, zur Verklärung. Sprichwörtlich ist, wenn man sagt, ich komme aus Hinterfultigen. Bei mir ist es Realität geworden im 2013, in diesem Jahr der Ab- und Umbrüche, der Trennungen und Verbindungen, des runden Jubiläums.

Die Gemeinde Rüeggisberg, zu der das Dorf Hinterfultigen gehört, hat 1'882 Einwohner/innen, davon 51 Ausländer/innen. Ich bin nicht mitgezählt.

Vertraute Landschaften

Das kleine Postauto steht am Sonntag still. So bringe ich meine Kinder zu Fuss nach Rüeggisberg. Zwei Stunden rechne ich dafür ein. So haben wir keinen Stress. Zurück geht's dann alleine.

Vom Vollmond beschienen liegt das Nebelmeer über dem Mittelland, das ich gerade so gerne hinter mir lasse.

Christian Pauli

Im Rücken die Alpenkulisse, sanft ansteigend gegen die Fultiger Egg, die auf der Rückseite wie eine riesige Treppe gen West runter fällt. Der wiederholte Panoramablick gegen den Jura ist mir innere Landschaft geworden – sehr vertraut, eigen, und dennoch immer wieder anders. Unnahbar in der Ferne der Chasseral. Links daneben glitzert manchmal der Neuenburger See.

Die Kurven und Schluchten des nahe aber tief unten liegenden Bütschelbachs und Schwarzwassers modellieren ein dreidimensionales Relief, in dem ich in Gedanken wie fliege von einem Ort zum anderen. Es ist dies immer auch ein Flug durch Absichten und Erinnerungen.

Fuchs und Dachs

Öfters nehme ich auch das Rad. Von Rüeggisberg nach Hinterfultigen sind es zwölf Minuten. Mitten in der Nacht höre ich nur das Schmatzen des Gummis auf dem Asphalt. Der kleine Lichtkegel der Fahrradlampe erinnert mich an die Nachtfahrten von «Mullholland Drive» von David Lynch: Strasse der Finsternis – hier aber ohne Wegweiser, ohne Mittel- oder Seitenmarkierung, ohne Unheil.

Der Fuchs, den ich im kleinen Wäldchen vor der Höhe überrascht habe, jagt mir nur einen kurzen Schrecken ein. Dann aber weitet sich der Blick, und vom Vollmond beschienen liegt das Nebelmeer über dem Mittelland, das ich gerade so gerne hinter mir lasse.

Mitgezählt in der Stadt

Kultur, Kunst und Politik. Eine kleine Hauptstadt am Rande der Alpen. Wie gern ich das alles manchmal hinter mir lasse. Und das nur, um am Morgen in aller dunklen Früh wieder auf die Piste in die Stadt zu gehen – als einer der 110'000 täglichen Pendler, die diese Stadt zum engen Loch machen.

Bern hat 138 041 Bewohner/innen (davon 32 830 aus dem Ausland). Und ich bin da mitgezählt. Möglichweise ist meine Zeit daselbst angezählt und ich werde in Bälde über Wegsanierungen in Rüeggisberg zu entscheiden haben?