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Auch Väter

Jahresrückblick von Christoph Reichenau: Mehr als früher sind Väter mit ihren Kindern und kümmern sich gemeinsam mit den Müttern um die Familienaufgaben. Grössere Präsenz der Männer zu Hause verändert die Familie, die Arbeitswelt und die Gesellschaft – zum Guten, zum Glück.

Neben unserem Haus liegt eine Kita. Am Morgen bringen die Eltern ihre Kinder, gegen Abend holen sie sie ab, zu Fuss, mit dem Velo, im Auto.

Unter den Eltern sind die Frauen in der Mehrheit, aber immer mehr und vor allem regelmässig bringen und holen Väter die Kinder. Manchmal tragen sie Anzug und Krawatte, auf dem Sprung ins Büro. Die Art, wie sie – zeitlich knapp dran – mit den Buben und Mädchen reden und umgehen, zeigt: Das tun sie oft; sie springen nicht eben einmal ein.

Der «neue Mann» – ein Luftgespinst, seit der Feminismus zum Glück eine unabwendbare Kraft geworden ist. Regelmässig finden oder erfinden Kuratorinnen und Kuratoren und Journalisten einen neuen Typ, der so und so ist oder zu sein hat, eine Mischung aus Macho, Vorzeige-Hausmann, Teilzeitarbeitendem. Dennoch lahmt allgemein die Gleichstellung von Frau und Mann in zentralen Gebieten des Alltags, der Wirtschaft, der Politik; Stichwörter: Lohndifferenz, Asymmetrie in Kinder- und Haushaltbetreuung, Ungleichheit der Vertretung in Spitzenpositionen.

Sowohl Frauen- als auch Männersache

Doch unter der Wasseroberfläche, das zeigen meine Beobachtungen auch im Familienkreis, ist vieles anders geworden. Ich erlebe bei meiner Tochter und ihrem Mann bei beidseitiger Berufstätigkeit eine symmetrische Betreuung der drei Kinder. Einkaufen, Kochen, Putzen, Windelnwechseln, Hausaufgabenmachen, Kinder ins Training bringen – alles sowohl Frauen- als auch Männersache.

Der «neue Mann» trägt mehr zum Wandel der Geschlechterbilder bei als jedes Manifest.

Christoph Reichenau

Dass der Grossvater nur wenige Gerichte kochen kann, ist den Enkeln kaum verständlich: Ihr Vater kocht ja täglich unmittelbar nach der Heimkehr vom Job mit grösster Selbstverständlichkeit im Gewusel um ihn. Natürlich ist es nicht aufgeräumt und leise, aber es geht, weil beide Eltern mitmachen.

Als ich vor dreissig Jahren zwei Tage in der Woche zu unseren Mädchen schaute, war ich eine Ausnahme. Daran hat sich im Lauf einer einzigen Generation viel geändert. Der «neue Mann» lebt.

Nicht dass es ihm nur Spass macht, aber er beisst sich durch, kann manchmal sogar mit Kollegen über seinen Frust schimpfen (sie wissen, wovon er redet) und sich mächtig freuen, wenn zwischendurch ein kinderloser Moment winkt. Durch die Normalität seiner Präsenz zu Hause und die nur mehr begrenzte Verfügbarkeit am Arbeitsplatz trägt der «neue Mann» mehr zum Wandel der Geschlechterbilder bei als jedes Manifest.

Zeit als Zeichen der Liebe und Wertschätzung

Wunderbare Bilder dazu bietet gerade eben der Film «Like father, like son» des Japaners Hirokazu Kore-eda. Er erzählt die Geschichte eines Paars, das aus heiterem Himmel erfährt, dass ihr sechsjähriger Sohn nicht das eigene Kind ist, da im Spital bei der Geburt zwei Buben vertauscht worden sind. Was ist wichtiger: die Blutsverwandtschaft oder die soziale Vaterschaft? Kommt etwas vor dem anderen? Gibt es in dieser Situation einen richtigeren, einen richtigen Entscheid?

Behutsam entwickelt Kore-eda die These, entscheidend sei die Zeit, die ein Vater mit seinem Kind verbringe. Der Film lässt ahnen, die beiden Familien näherten sich einander an und böten dadurch den beiden betroffenen Jungen ihre Unterschiedlichkeit als bereichernde Ergänzung.

Wenn das Licht wieder angeht, bleibt der Gedanke zurück: Was zählt, ist die mit Kindern verbrachte Zeit. In unserer westlichen Welt, in der Zeit zu einer knappen Ressource geworden ist, lässt sich an deren Einsatz ablesen, was einem wichtig erscheint. Da ist Zeit dann nicht lediglich Geld, wie uns seit Langem gesagt wird, sondern vor allem Liebe und Wertschätzung.

Wer Zeit gibt, gibt etwas von sich. Wie jene Männer, die vor dem hektischen Tagwerk ihre Kinder in der Kita abgeben und sich abends zeitig vom Arbeitsplatz verabschieden, um die Buben und Mädchen nach Hause zu holen. Genauso, wie es ihre Frauen und Partnerinnen seit je auch tun. Im Wörtchen «auch» liegt der Schlüssel zu einer heitereren Zukunft.