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Schafskäse und ein Philosoph

Jahresrückblick von Naomi Jones: Ein vernünftiges Buch rät zur Unvernunft, denn wir müssen unser Leben riskieren, wenn es nicht zu Lebzeiten dem Tod gleichen soll.

Zutaten für etwas wirklich Gutes. (Foto: Naomi Jones)

Neulich war ich hundemüde, weil ich zu lange aus war. Aber für den anregenden Abend, an dem ich entdeckte, welchen kulinarischen Genuss der Schafskäse mit Chili und Honig serviert wider Erwarten bot, lohnte es sich alleweil mit einem kleinen Kater zu leben.

Dass ich mit dieser Haltung richtig liege, weiss ich, seit ich vor nicht allzu langer Zeit Robert Pfallers Buch «Wofür es sich zu leben lohnt» gelesen habe.

Den Genuss verlernt

Gemäss Pfallers gut untermauerter These haben wir verlernt zu geniessen. Schlimmer noch: Wir opfern den Genuss unserem Narzissmus und machen uns zu Sklaven des Neoliberalismus. Wir verstossen gegen die Regeln der Gemeinschaft, weil wir uns für individuell halten und bezahlen mit Einsamkeit. Wir wollen gesund sein und verzichten freiwillig auf das Gute. Stattdessen formen wir unsern Körper mit Sport, bis er starren Normen entspricht und beuten uns selbst aus für einen Erfolg, den nur wenige haben können.

Aber das Leben ist Verausgabung und zur Lust gehört das Übertreten von Grenzen. Es bereitet uns den grössten Genuss, mit unserem Geliebten Sekrete auszutauschen. Mit andern Menschen empfinden wir beim gleichen Akt den grössten Ekel.

Wir müssen unser Leben riskieren

In unserer bis zur Selbstentmündigung reichenden Vernunft haben wir vergessen, dass es zur Vernunft gehört, manchmal unvernünftig zu sein und dass wir unser Leben riskieren müssen, wenn es nicht zu Lebzeiten dem Tod gleichen soll. Pfallers Thesen sind zum Teil extrem und abstossend. Dennoch ist es jederzeit ein Gewinn, das inspirierende Buch zu lesen. Nicht zuletzt, weil es uns Anlass gibt, die Frage stets aufs Neue für sich selbst zu beantworten.

Den Käse habe ich übrigens im Volver am Rathausplatz gegessen.