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Suchtprävention für Neugierige

Kürzlich war der Tag der offenen Clubtüre. Aus diesem Anlass hat «rave it safe», die Suchtpräventionsstelle des Kantons Bern, eine mehrteilige Vortragsreihe zum Thema Drogen im Nachtleben abgehalten.

Adrian Iten, der Präsident der Bar und Club Kommission (BuCK), tönte es am 7. Dezember in seiner Eröffnungsrede zum «Tag der offenen Clubtüre» bereits an: «Drogen und Alkohol sind eng verbunden mit dem Nachtleben.»

Auch die Mitarbeiter von «rave it safe», die oft vor Ort an Partys das Geschehen beobachten, können dies bestätigen. Hannes Hergarten, Mitarbeiter der Suchtpräventionsstelle und von «rave it safe», hob die zwei Seiten der Medaille hervor: «Das Feiern und die enthemmte Fröhlichkeit auf der einen, die Probleme, die dadurch entstehen können, auf der anderen Seite.»

Der Ausgang stelle einen Kontrast zum Alltag dar und biete die Möglichkeit, echte Kontakte einzugehen. Doch gerade im Nachtleben sei auch der Konsum von psychoaktiven Substanzen vermehrt zu beobachten.

Diskussion und Präsenz

Auf der Website weist die Organisation «rave it safe» darauf hin, dass es immer besser sei, auf den Konsum psychoaktiver Substanzen zu verzichten. Trotzdem wäre es falsch, das Thema aus dem öffentlichen Diskurs fernzuhalten: «Durch fehlende Information lässt sich der Konsum von psychoaktiven Substanzen nicht verhindern», sagt Hergarten. In einem freien Staat wie der Schweiz soll man sich über alles informieren können.

So ist es denn nicht das Hauptziel von «rave it safe», den Konsum von psychoaktiven Substanzen zu unterbinden, sondern auf deren Risiken hinzuweisen. Die Präventionsstelle hält Vorträge, arbeitet eng zusammen mit dem Kantonsapothekeramt, wo Substanzen geprüft und klassifiziert werden, weist auf gefährliche Substanzen hin und ist dort mit Informationsmaterial präsent, wo das Nachtleben stattfindet.

Hannes Hergarten und seine Kollegen sind regelmässig in Clubs und Bars anzutreffen, wo sie über die Risiken, Wirkungen und Nebenwirkungen vom Konsum berichten oder «Drug Checkings» anbieten.

Jenseits von Schwarz-Weiss

An der Veranstaltung von «rave it safe» im «Les Amis» an der Rathausgasse erklärte Hergarten, dass es Clubs gebe, «die schwer mit sich verhandeln liessen». Denn nicht nur der Umgang mit illegalen Substanzen ist «rave it safe» ein Anliegen, sondern auch der Alkohol. Dieser werde oft unreflektiert in grossen Mengen konsumiert und stelle deshalb in vielen Bars eine wichtige Einnahmequelle dar.

Unerwarteterweise wurde am Tag der offenen Clubtür auch der Umgang mit Alkohol stark kritisiert. Schliesslich sei es ja auch jene Substanz, die am häufigsten und meisten konsumiert werde und – Schaden für Individuum und Gesellschaft sowie volkswirtschaftliche Kosten zusammengenommen – bei Missbrauch insgesamt das grösste Schadenspotential aufweise. Die viel grössere Konsumentenzahl relativiere zwar die volkswirtschaftlichen Kosten, nicht aber den aus Alkoholmissbrauch entstehenden individuellen und gesellschaftlichen Schaden.

Wer den Umgang mit Alkohol nicht erlernt habe, werde oft stigmatisiert und ausgeschlossen, was nicht im Sinne eines risikoarmen Konsums psychoaktiver Substanzen sein sollte, so Hannes Hergarten. Dank der traditionellen Verwurzelung von Alkohol  in der Gesellschaft werde dieser nicht mehr als gefährlich angesehen. Ob sich dies auch auf andere psychoaktive Substanzen positiv – im Sinne einer Lockerung des Schwarzweiss-Denkens von illegal und legal – auswirken könnte, sei eine Frage, die man sich hypothetisch auch einmal stellen könnte, so Hergarten.

«Drug checking» durch Kantonsapotheker

Daniel Allemann vom Kantonsapothekeramt beschrieb den Interessierten seine Arbeit. Dazu gehört die Untersuchung von Substanzen. Mit einem mobilen Labor bietet er «drug checkings» an Partys in der ganzen Schweiz an. Das sei ein ganz anderes Arbeitsumfeld als im Labor, wie er selber feststelle. «Morgens um 4 Uhr muss man aufpassen, dass keine Fehler passieren», sagt Allemann. Die Drogenkontrolle sei ein Magnet an jeder Veranstaltung. «Oft kommen Leute und fragen, ob ich da Musik mache, wegen den Laptops.»

Vor Ort haben die Partygänger die Möglichkeit, in Kombination mit einer Beratung ihre Drogen abzugeben und prüfen zu lassen. Diese werden pulverisiert und danach in verschiedenen Lösungsprozessen von einem Massenspektrometer auf deren einzelne Inhaltsstoffe analysiert. Damit können gefährliche und neue Substanzen entdeckt werden. Dabei kommt auch oft Kurioses zutage: Von «Calgon Expressballs» bis zu mit Bitterstoff überzogenen Placebos ist alles dabei, das den Anschein einer Droge erweckt.

Eine problematische Entwicklung zeigt die Dosierung der Substanz MDMA. Diese wird immer wieder bei Laboruntersuchungen erhoben und seit einigen Jahren lässt  sich ein starker Trend nach oben beobachten. Dieses Jahr ist das erste, in welchem der Mittelwert der Dosierung das Level überschritten hat, welches zu einer Warnmeldung für die Öffentlichkeit führt. «Das grösste Gefahrenpotential mit Suchtmitteln», so Allemann, «stellt jedoch der Konsument mit seinem Handeln selber dar».

Alles unter Kontrolle?

Auch für Larissa Maier vom Institut für Sucht- und Gesundheitsforschung (ISGF) ist das Nachtleben eine der wichtigsten Freizeitaktivitäten für Jugendliche und junge Erwachsene. Trotzdem betreffe der Drogenkonsum alle Gesellschaftsschichten. Studien des ISGF zeigen, dass viele bereits in jungen Jahren mit Substanzen wie Alkohol, Tabak oder Cannabis in Kontakt kommen. Informieren tun sich die meisten jungen Konsumenten im Internet, rund ein Zehntel unterlässt es jedoch ganz, sich darüber schlau zu machen.

Der letzte Vortrag des Abends widmete sich dem Suchtmittel Kokain. Boris B. Quednow von der psychiatrischen Universitätsklinik Zürich begründete das Interesse an der Drogen folgendermassen: «Kokain vermittelt dem Konsument das Gefühl, alles unter Kontrolle zu haben.» Das Ego werde zudem gestärkt und man getraue sich Dinge zu tun, die man sonst bleiben lassen würde. Sobald die Wirkung der Droge verflogen sei, leide jedoch das Selbstvertrauen. Zudem bestehe ein vierzigfach höheres Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen bei Mischkonsum mit Kokain und anderen psychoaktiven Substanzen.

Abstumpfung der emotionalen Empfindung

Auffallend sind einige Ergebnisse der Studie, die Quednow den Zuhörenden präsentierte: Die kognitiven Beeinträchtigungen, die von Kokain ausgehen, bleiben demnach nicht die einzigen Folgen des Konsums. So resultieren auch eine Abstumpfung der emotionalen Empfindung und damit verbunden falsche soziale Entscheidungen. Diese kognitiven und emotionalen Einschränkungen können sich mit der Zeit wieder verbessern, wenn der Konsum abgebrochen werde.

Mit ihrem Konzept, direkt auf die Leute zuzugehen, sie über die Einnahme von Substanzen zu informieren und diese nicht per se zu stigmatisieren, erreichen die Mitarbeiter von «rave it safe» auch jene, die sich von Kampagnen fernab des Dancefloors nicht mehr beeindrucken lassen. «Im Grunde unterscheiden sich die Charaktere von 16-Jährigen kaum von 35-Jährigen in Bezug auf den Konsum psychoaktiver Substanzen», fasste Hergarten zusammen. Doch allen müsse bewusst sein, welche Risiken mit dem Konsum verbunden sind – damit das Fest ein Fest bleibe.